Kann eine Platte ein Leben verändern?

September 28, 2011 | nilz_bokelberg

Vor 20 Jahren habe ich immer meine beste Freundin Simone besucht. Die hatte in der Schrankwand ihres Jugendzimmers einen Fernseher eingelassen. Darunter waren die Schubladen mit den Hörspielkassetten, eine einzige Schublade war voll mit Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, damals ein beliebter Valiumersatz, denn bei nichts konnte man besser einschlafen.

Aber unsere Kassettenrecorder und Kompaktanlagen waren nicht mehr dazu da, nur Kinderverblödungshörspiele wiederzugeben. Da kam etwas Neues aus den Boxen: Musik. Und die Musik:Hörspiel-Ratio verlagerte sich auf Ersteres.

Simone wohnte in einem Reihenhaus mit einem entscheidenden Vorteil, zumindest unserem Haus gegenüber: Kabelfernsehen. Das war nämlich in unserer Siedlung noch nicht verlegt. Bei ihr aber schon. Und so sassen wir auf ihrem Bett, redeten über Schule, über meinen Schwarm (praktischerweise ihre beste Freundin), über ihren Schwarm und so allerlei Zeug und liessen dabei englisch moderiertes MTV laufen. Ich musste nur immer still sein, wenn NKOTB auf dem Bildschirm erschienen. Sie klebte dann am Fernseher, während ich mich ein wenig lustig machte über diesen Quatsch. Aber was lässt man seiner besten Freundin nicht alles durchgehen?

“Ah, das hab ich zuletzt schon mal gesehen, ich schalt mal um, das ist voll nervig…”, sagte sie. Aber bei mir, besser gesagt in mir hat sich plötzlich etwas geregt.
“Nein, warte mal, lass mal!”

Cheerleader mit Anarchie-A auf der Brust, ein Hausmeister, eine rockende Crowd und ein Typ in einem cool-uncool gestreiften Shirt mit seinen Haaren im Gesicht. Und eine Power, eine Wut, eine Kraft, die dem Innenleben eines pubertierenden, jungen Mannes nicht unähnlich ist. Ich war sofort, ab dem ersten Moment, drin. Konnte mich dem Sog nicht entziehen. Ab jetzt wurde jeden Tg nach der Schule auf dieses Video gelauert. Und Simone hatte endlich einen Grund, sich auch über mich lustig machen zu können. Es war offensichtlich: Ich war Fan.

Später hab ich mir die Platte dann als MC (!!!) gekauft, damit ich sie sofort auf meinem Walkman immer und überall hören kann. Da war ich mit meinen Eltern im Italien-Urlaub. Jeden Tag die Kassette rauf und runter. Meine Mutter wollte die dann auch mal hören, um zu sehen, was ich so mag. Was soll ich sagen: Sie war beeindruckt. Diese Power hat sie wohl auch eiskalt erwischt. Was zwar nicht dazu führte, das ich die Platte im Autoradio hätte hören dürfen, aber gut. Ich konnte immerhin von mir sagen: “Meine Mutter mag die Nevermind.”

nirvana

Noch heute hab ich dieses wohlige Kinderzimmer-Gefühl, wenn die ersten Takte von “Smells like teen spirit” erklingen. Ich werd wieder ganz jung, wenn ich die “Nevermind” durchhöre. Und würde mir fast wieder wünschen zu pogen, wenn ich “Territorial Pissings” höre. Ausserdem freue ich mich total das überall in der Stadt Plakate mit dem Baby-Cover-Motiv zu sehen sind und halte das für Stadtverschönerung.

Und man muss ja auch sagen, das die “Nevermind” nicht nur der Startschuss für das große Grunge-Fest war, sondern auch so ziemlich eine der besten Platten, der Musikrichtung. Es gab schon auch noch ein paar Andere, ganz gute, wie von Soundgarden zum Beispiel (”Badmotorfinger”), aber es gab auch irrsinnig viel mittelmässiges Zeug, das so auf der Welle mitschwamm und heute verklärend hochgejazzt wird (bspw. Pearl Jams “Ten”). Keine Platten für die Ewigkeit, sondern Platten, denen man ihr Alter anhört - wohingegen eine “Nevermind” genauso auch heute noch erscheinen könnte. Das trennt eben das Masterpiece von “auch ganz gut”.

Die Frage ist nur: Wäre mein Leben ein anderes geworden, wenn es diese Platte nie gegeben hätte? Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich weiss nicht ob die als Katalysator für irgendwas gewirkt hat und ob, wenn es sie nie gegeben hätte, nicht einfach eine andere Platte an ihre Stelle getreten wäre. Vermutlich nicht. Oder doch? Grunge war ja irgendwie der coolere Metal und intelligentere Punk. Und dazwischen hab ich mich wiedergefunden.

Wie hat man immer diese Typen ausgelacht, die eine alte Thin Lizzy-Platte (o.ä.) aufgelegt und geschwelgt haben. Zwanzig Jahre nach “Nevermind” bin ich selbst so einer. Allerdings ohne die kulturpessimistische Note, das bitte ich festzuhalten.

Vielleicht, um die Frage im Titel abschliessend zu beantworten: Ja, natürlich kann sie das. Genauso wie ein Buch oder ein Film oder ein Bild. Das ist doch der Trick:
Wir definieren uns über Kunst, während sie sich über uns definiert.

P.S.: Ich habe keine Ahnung, ob dieses Re-Release der Platte, das es nun gibt, was kann. Ob man diesen Bonus-Klimbim braucht und ob das für irgendjemanden interessant ist. Ich fand nur den Anlass des zwanzigjährigen Jubiläums gut, mal drüber zu schreiben. Simone suche ich noch manchmal in sozialen Netzwerken, aber finde sie nicht. Vermutlich hat sie geheiratet, einen neuen Namen und lebt jetzt ganz woanders. Vielleicht in Amerika, wo sie dann zu den Konzerten von NKOTBSB geht, sich an ihre Zeit im Kinderzimmer erinnert und lächelt. So wie ich.

P.P.S.: Bei der “Spin”, der ziemlich besten Musikzeitschrift der Welt, gibt es ein Nevermind-Tribute-Album zum freien Download. Die Qualität ist durchwachsen, aber es ist allemal interessant. Ausserdem covern da die Meat Puppets “Smells like Teen Spirit” und Amanda Palmer “Polly”, was schon zwei Highlights sind, die den Download allemal rechtfertigen.


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