Eine Geschichte mit einem guten Ende

April 06, 2012 | nilz_bokelberg

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem guten Ende. Die Stichworte waren: Verlieren, Reise, wiederfinden.

Wo, verdammt noch mal, waren denn jetzt schon wieder seine Schlüssel? So ging es ihm immer: Seine Schlüssel verschwanden jedes Mal auf mysteriöse Art und Weise, sobald er seine Wohnung betrat und wollten auch jedes Mal erst nach einer mehrstündigen Suche wieder auftauchen. Jetzt hat er sie aber gefunden, zum Glück, denn er hatte es sehr eilig. Deswegen fragte er sich auch nicht, wie das Schlüsselbund ausgerechnet in der Butter in seinem Kühlschrank landen konnte. Er wischte sie schnell ab, steckte sie in seine Jackett-Tasche und stürmte aus der Wohnung.

Gehetzt raste er die Strasse hinunter. Auf seiner Uhr sah er, das er noch einen Gang würde drauflegen müssen. Er hatte noch 8 Minuten. 8 Minuten bis zu seinem ersten Date seit gefühlten Ewigkeiten. Und wenn es etwas gab, das er schrecklich fand, dann war es sich zu verspäten. Bei anderen war ihm das egal, er fand es sogar ganz niedlich. Nur mit sich selber war er in puncto Pünktlichkeit sehr streng und gnadenlos: Er hatte gefälligst pünktlich zu sein. Alles andere war nicht akzeptabel.

Da sah er, wie sich vor ihm das Café langsam manifestierte. Man konnte sein Schild sehen, langsam konnte man auch erkennen wer drin sass. Sie war anscheinend noch nicht da und er eine Minute zu früh. Zum Glück. Erschöpft liess er sich in einen viel zu tiefen Sessel fallen und bestellte ein Wasser. Er war zwar pünktlich, aber: verschwitzt. So konnte er ihr unmöglich unter die Augen treten. Also noch schnell ins Bad und frisch gemacht.

Man mag das etwas unorthodox finden, vor allem in einem öffentlichen Bad eines Cafés, aber er hatte jetzt keine andere Wahl: Er zog sein Shirt aus und machte eine Katzenwäsche über dem Waschbecken. Ein Gast kam rein, machte auf dem Absatz aber wieder kehrt. Hoffentlich sagt der jetzt nicht im Laden Bescheid, dachte der sich waschende. Als er in den Hauptraum des Lokals zurückkehrte beachtete ihn niemand, keine vorwurfsvollen Blicke. Gut, der Fremde hatte also nichts gesagt. Glück gehabt.

Ein letztes prüfen des Outfits: Er war erfrischt, das Sakko sass gut, die Hose war schick, das Hemd betonte perfekt die guten Stellen an seinem Körper. Er war gewappnet für sein Blind Date. Seine Hand fuhr zu dem Knopfloch, das dem Kragen am nächsten war. Er wollte noch die orange Nelke richten, die er mit der Unbekannten als Erkennungszeichen verabredet hatte. Und da fiel es ihm auf: Sie war weg! Er muss sie auf seinem Weg hierhin verloren haben! Dabei wollte er sie noch gar nicht anstecken, aber in der Tasche wäre sie ja zerdrückt worden, deswegen schien es ihm praktischer, sie direkt ans Revers zu heften. Und nun hatte er den Salat. Was tun? Hier warten, auf eine Frau mit oranger Nelke? Aber wenn sie die ihre auch verloren hatte dann würden die beiden sich nie erkennen! Und einfach irgendeine verloren aussehende Dame ansprechen, das konnte er nicht. Dafür war er zu schüchtern. Sollte es das gewesen sein?

Nein!, dachte er, das darf nicht sein. Entschlossen stand er auf und ging aus dem Café. Er würde den Weg zurückgehen und die Blume finden und wieder ins Café eilen und seinem Date die ganze Geschichte erklären und sie würden drüber lachen und sich dann lieben lernen und immerwieder über diese Geschichte lachen und sie auf allen Familienfesten immerwieder erzählen, auch wenn sie alt und grau wären und die Enkel würden schon die Augen verdrehen, wenn die Grosseltern schon wieder diese langweilige „orange-Nelke“-Geschichte erzählen würden, aber für die beiden hätte sie immer noch diesen ganz besonderen Stellenwert. Ja, genauso würde es sein. Und deswegen würde er jetzt diese verdammte Blume wiederfinden. BITTE!

Er suche wirklich den ganzen Weg ab, den er gekommen war. Aber er fand nichts. Keine Blume, keinen Hinweis. Es war nichts zu entdecken. Er stand wieder vor seiner Tür. Aber heute war nicht der Tag und nicht die Zeit zum aufgeben. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging den Weg zurück. Diesmal versuchten seine Augen noch weitläufiger das Gebiet abzusuchen. Da entdeckte er auf der anderen Strassenseite den Spielplatz. Ein kleines Mädchen sass auf der Schaukel und genoss die Frühlingssonne. Sie jauchzte umso mehr, je höher sie mit der Schaukel kam. Hinter ihrem Ohr steckte: Eine orangene Nelke.

Er näherte sich dem Spielplatz und sprach das Kind vorsichtig an. Sie hörte ihn nicht, nahm ihn gar nicht wahr. Sie war nur damit beschäftigt immer höher zu schaukeln. Sie kiekste laut vor Glück, er trat näher heran um sie zu fragen, ob das nicht zufällig seine Blume sein könnte, die sie da in ihrem Haar trug. Sie konnte ihn immer noch nicht hören Entschlossen trat er noch näher heran, setzte an, sie kam gerade von ihrem Schwung zurück und da passierte es. Es ging so schnell, er hat das gar nicht richtig mitbekommen. Plötzlich lag er am anderen Ende des Zauns. Ein brennender Schmerz an seinem Kinn. Das Mädchen von der Schaukel kiekste nicht mehr, es weinte nun laut hörbar. Die Eltern von den umliegenden Bänken kamen hektisch angerannt, nahmen das Mädchen in den Arm, fragten sie, was denn los sei. Trösteten sie. Redeten ihr gut zu. Das Mädchen zeigte nur auf den Nelkenlosen, der auf em Boden lag, sich das Kinn rieb und offensichtlich gerade mit seiner Zunge in seinem Mund überprüfte, ob noch alle Zähne an ihrem Platz seien. Einige der Eltern schüttelten nur verständnislos den Kopf und sahen ihn verurteilend an. Zwei Väter gingen mit hochgekrempelten Ärmeln auf ihn zu. Dachte er im ersten Moment noch, das sie ihm aufhelfen würden, so kam er nun zu einem anderen Schluss. Insbesondere auf Grund der Tatsache, das die Männer riefen: „So du Schwein, jetzt machen wir dich fertig! Kleine Kinder erschrecken, was?!?!“

Es fiel ihm schwer sich aufzurichten. Er zog sich am Zaun hoch. Als er stand und wieder bei sich war, erkannte er die Brenzligkeit der Situation und verzichtete auf eine erklärende Diskussion. Er sprang über den Zaun und lief davon. Die Männer riefen ihm noch lange nach, aber es folgte ihm niemand. An der Strasse angekommen, atmete er ersteinmal tief durch, um wieder zu Luft zu kommen. Warum, fragte er sich, würde er nicht einfach zu einem Blumenladen gehen und sich eine neue Nelke holen? Erschüttert über diese unglaublich simple Idee, auf die er vorher nicht gekommen war, begann er ein klein wenig hysterisch zu lachen. Also gut, ein Blumenladen musste her.

Wenn man mit Hunger durch die Strassen streift, dann kommt ganz sicher kein Restaurant. Wenn man etwas lesen möchte, dann sind auf der Strasse plötzlich nur noch Bekleidungsgeschäfte. Wenn man was zum anziehen braucht, ist man auf der Fressmeile gelandet. Undsoweiter. So erging es ihm auch: Kein Blumenladen weit und breit auszumachen. Er hatte seine erste Nelke auch gar nicht hier in der Nähe seines Hauses gekauft, sondern in der Nähe seines Büros. Das war aber mehrere Bahnstationen entfernt. Also keine Chance. Er hat eigentlich noch nie einen Blumenladen gesucht, fiel ihm während seiner Suche auf. Sonst wäre ihm schon früher aufgefallen, das hier keiner ist. Oh! „Keiner“ stimmt doch nicht! Da vorne ist einer! Schnellen Schrittes eilte er hinein.

Nein, sie habe keine orange Nelke mehr, erklärte die Verkäuferin. Sie habe die letzte vor ungefähr 15 Minuten an eine junge Dame verkauft. Vor einer Viertelstunde? An eine junge Dame? Das musste sein Date sein! Sie hatte ihre Blume und würde nun nach ihm suchen, im Café, wenn sie nicht schon längst wieder entnervt gegangen ist!

Jetzt hiess es keine Zeit verlieren: Er machte sich schnurstracks auf den Weg zum Café. Es war seine letzte Chance. Er würde sie einfach ansprechen, wenn er sie sah. Egal ob er eine Blume dabei hatte, oder nicht. Nichts und niemand würde sich ihm in den Weg stellen. Und wieder baute sich das Café am Horizont auf. Ein weiteres Mal kommt er heute abgehetzt zu dem Gebäude. Im inneren des Lokals würde man ihn vermutlich schon für verrückt halten. Aber das war ihm nun egal. Er würde auch diesesmal auf seine Katzenwäsche im Café-Bad verzichten müssen, denn sie würde schon lange vor Ort sein. Aber auch das spielte keine Rolle für ihn. Er wusste was er ihr sagen würde. Jedes. Einzelne. Wort.

Er stand vor dem großen Fenster der Gaststätte. Sein Blick lief über die Gäste. Da sah er sie. Sie sah ganz anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie war schön, kein Zweifel, sogar wunderschön. Und sie wusste das. Die Art wie sie sich kleidete, wie sie sich durchs Haar fuhr, alles an ihr zeugte von ihrer Selbstsicherheit. Die orange Nelke in dem Knopfloch ihres Kostüms wirkte etwas deplatziert, aber selbst dieser Stilbruch schien ihr bewusst und gewollt zu sein. Elegant hatte sie die Beine übereinander geschlagen und rauchte sehr langsam. Und da fiel es ihm auf: Sie sass mit einem Mann am Tisch. Mit einem Mann, mit dem sie sich geradezu königlich zu amüsieren schien. Sie lachte einige Male auf und legte ihre Hand auf seine. Dabei schenkte sie ihm ein bezauberndes, wissendes Lächeln, das der fremde Mann charmant erwiderte.

Er war zu spät. Definitiv. Jemand anders hat seinen Platz eingenommen. Egal was er sagen würde, er würde sie nun nicht mehr für sich gewinnen können. Paralysiert betrachtete er die beiden im Café. Er konnte seinen Blick nicht mehr lösen, obwohl er durch die beiden hindurch sah. Die Wolken zogen sich zusammen. Und mit der Plötzlichkeit eines platzenden Luftballons, setzte ein Regenguss ein, der die ganze Stadt wegzuspülen scheinen wollte. Er stand am Fenster und wurde durchnässt. Bis auf die Knochen. Doch er schien es nicht zu merken, nicht wahrzunehmen.

„Schön, oder? Ich mag es wenn sich Menschen finden.“ Er hörte zwar die Stimme hinter sich, aber die Worte kamen, wenn überhaupt, nur sehr langsam bei ihm an. Er reagierte nicht. „Sie sah so toll und elegant aus und sie schien so nett, da hab ich ihr meine Nelke geschenkt.“ Das Mädchen, das diese Dinge sagte, war sehr unaufällig gekleidet. Ihr langer, schwarzer Mantel verbarg alles, was sie drunter trug. Ihre schwarzen Haare klebten an ihrem Kopf, sie hatte ebenfalls keinen Schutz vor dem Regen. Sie hat ihn aber offensichtlich auch nicht gesucht. Sein Hirn schien langsam aus seiner Starre zu erwachen. Ihre Worte hallten in seinem Kopf nach…“…da hab ich ihr meine Nelke geschenkt….geschenkt…Nelke…geschenkt..“

Blitzschnell drehte er sich zu ihr um. Nun hat er alles verstanden! Und vor ihm stand das nasseste, schönste, selbstloseste und süsseste Mädchen, das er je in seinem Leben gesehen hat. Und sie lächelte ihn an.

Noch heute sind ihre Enkel genervt, wenn die Grosseltern schon wieder die Geschichte mit dem Café und den orangen Nelken erzählen.

Ende.


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