Angezogen einschlafen

May 22, 2012 | nilz_bokelberg

Für den “Literaturwettbewerb Prenzlauer Berg” hab ich eine Kurzgeschichte geschrieben (Vorgabe war “Wildnis in der Stadt”). Da ich es damit nicht unter die 10 Nominierten geschafft habe, pack ich sie nun hier rein, denn ich mag die ganz gerne und das wär irgendwie doof, wenn die nie jemand zu Gesicht bekäme. Viel Spaß!

Angezogen einschlafen

Das erste Mal ist er mir begegnet, als ich auf den Winter gewartet habe: Nachts stieg ich aus der Tram und da lief er vor mir über die zweispurige Hauptverkehrsader, auf der gerade nicht viel los war. Ein echter Fuchs. Mitten in der Stadt. Eigentlich hab ich mir die immer röter vorgestellt. Der hier sah fast weiß aus. Oder grau. Auf jeden Fall nicht rot. Kein Bisschen. Er rannte vor mir in die Seitenstrasse und ich sah ihn nicht mehr. Ich war ganz euphorisiert. Ein Fuchs! Sofort überlegte ich, wo und wie der wohl lebt und ob den schon viele andere gesehen haben.

Ich malte mir aus, dass er in dem kleinen Mini-Park wohnt, gleich gegenüber. Zwischen Hauptstrasse und Plattenbausiedlung. Wie der da im Gebüsch sein Basislager hat. Ich hab überhaupt keine Ahnung, wie ein Fuchs so lebt. Bauen die vielleicht Nester? Ich lach mich selber aus. Nester! Was kommt als nächstes? Stell ich mir jetzt noch vor, wie der Fuchs Eier legt? Er wird da schon irgendwie leben. Fuchsbau! Ja, bei dem Wort klingelts. Das hab ich schon mal gehört. Ist wahrscheinlich so eine Mulde in der Erde, wie eigentlich immer bei Tieren. Ich hab als Kind bei uns im Naherholungsgebiet immer Maulwurfshügel umgegraben und zerwühlt, aber nicht ein einziges Mal einen Gang unter dem Erdhaufen entdeckt. Zumindest keinen, den man direkt als solchen erkennen konnte. Diese Enttäuschung, das Tiere dann in freier Wildbahn eben doch nicht so leben, wie man sich das mit Hilfe von Büchern und Zeichentrickserien zusammengereimt hat, sitzt immer noch tief. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, das der Fuchsbau was tolles ist.

Aber der Fuchs war toll. Ich stellte mir vor, wie der durch die Strassen zieht, immer auf der Suche nach etwas essbarem. Was fressen Füchse denn so? Mäuse bestimmt, oder? Vielleicht auch Vögel? Das kann ja wirklich alles mögliche sein. Ich stelle mir vor, wie er zwischen den parkenden Autos entlangschleicht und überrascht wird von einem Anwohner, der gerade mit seinem Hund Gassi geht. Das find ich auch so toll an einem Fuchs, das er ja so etwas wie ein „freier Hund“ ist. Der Anwohner aber würde sich tierisch aufregen über den Fuchs. Er hielte das Tier für gefährlich. Weil er es nicht einschätzen könnte. Und weil es frei ist. Es könnte Tollwut haben und seinen Hund beißen und anstecken. Tollwut. Auch so ein Mysterium meiner Kindheit. Ich erinnere mich, das in einem kleinen Park regelmäßig Schilder mit „Achtung, Tollwut!“ aufgehängt waren, aber ich habe das nie verstanden. War das jetzt für Menschen gefährlich? Oder nur für Tiere? Und was war das eigentlich genau? Das klang gleichermaßen bedrohlich, aber auch irgendwie cool. Der hatte direkt so eine Kraft, der Begriff.

Der Mann würde Angst vor dem Fuchs haben. Angst um sein Haustier. Er würde seinen Hund fest an der Leine ziehen und schnell mit ihm weggehen. Weit weg von dem wilden und freien Tier. Dann würde er eine wütende Email an die Bezirksverwaltung schreiben, wie es denn möglich sei, das hier solche Tiere frei herumlaufen. Und die Bezirksverwaltung würde die Stirn runzeln und überlegen, was zu tun sei. Dann schickte sie einen Tierfänger los, der mehrere Abende erfolglos auf der Lauer liegen würde. Bevor sie dann zu drastischeren Maßnahmen greifen müsste und Fallen aufstellte. Und dann nach zwei Wochen feierlich verkündete, das der Fuchs nun gefangen und die Strassen wieder sicher seien.

Der Mann würde sich freuen. Er wäre glücklich sein Recht durchgesetzt zu haben und wieder in Ruhe mit seinem Hund seine nächtliche Runde drehen zu können, ohne Angst haben zu müssen, das aus irgendeiner Parklücke irgendein Tier schießt und ihn oder sein Haustier überfällt. Der Fuchs aber würde in einem Wald, irgendwo vor den Toren der Stadt ausgesetzt. Die neue Umgebung wäre für ihn fremd und gefährlich. Gestresst würde er Tag und Nacht durch das Unterholz rennen. Um dann eines diesigen Morgens auf einer Bundesstrasse, die er hektisch passierte, von einem Lastwagen erfasst zu werden. Der Fuchs wäre auf der Stelle tot. Und der Fahrer hätte es gar nicht mitbekommen.

Ich merkte, wie ich wahnsinnig wütend wurde. Auf den Igel, auf den Gassigeher, auf das Bezirksamt, auf den Lastwagenfahrer. Und auf mich. Weil ich mir so eine Geschichte so gut vorstellen konnte, das ich sie mir am Ende sogar selber glaubte.

Ein paar Tage später. Es war spät am Abend. Und noch lange nicht so kalt, wie es eigentlich sein sollte. Ich zog mich extra warm an und schwitzte ab dem Moment, in dem ich vor die Tür ging. Dieses Zwiebelprinzip war noch nie was für mich, weil ich gar nicht weiß, ab welchem Moment ich das einsetzen muss. So kommt es, das ich es im Vorwinter immer viel zu warm hab. Ich ließ die Jacke einfach auf und die kühle Luft an mich ziehen. Ich freute mich auf die bevorstehende Party. Seitdem ich hier lebte, ging ich viel zu selten aus. Dieser Abend sollte eine dieser Ausnahmen sein. Und ich wusste: Es würde lang werden. Und feucht. Und fröhlich. Ich würde nicht gehen wollen, ehe ich nicht sturzbetrunken wäre.

Nachdem ich in einem etwas ekeligen Imbiss eine Stärkung zu mir genommen hatte, ging ich die Strasse hinunter. Ein kleiner Verdauungsspaziergang. Wenn ich gleich abbiegen würde, wäre ich vor dem Lokal, in dem die Feier stattfindet. Und da schoss er auf den Bürgersteig, drehte sich ein paar mal vor meinen Füssen und war ebenso schnell wieder verschwunden. Über die Strasse, über die Gleise der Straßenbahn, in eine Seitenstrasse hinein und weg war er.

Ich kann bis heute Glenn Close und Meryl Streep nicht auseinanderhalten, aber ich bin mir sicher: Das war derselbe Fuchs. Und ich hatte so das Gefühl, das er mich auch wiedererkannt hat oder mir etwas sagen wollte. Das klang wahnsinnig esoterisch und ich wollte mich gerne selber ohrfeigen, für diesen Gedanken, aber ich wurde ihn nicht los. Irgendwas war da zwischen uns. Ich konnte auch seine Fellfarbe immer noch nicht definieren. Sie sah einfach nicht nach Fuchs aus. Aber angenommen, er wollte mir etwas sagen: Dann was? Was versuchte mir ein wildes Tier, mitten in der Großstadt mitzuteilen? Ich würde unbedingt googlen müssen, was es nun mit dieser Tollwut auf sich hat. Vielleicht ist die ja doch gefährlich für die Menschen.

Ich verstand immer noch nicht, woher meine Faszination für das Tier kam. Tief wühlte ich in meinen Erinnerungen. Fuchs. Meine Mutter heißt so mit Mädchennamen. Deswegen musste ich das Tier ja noch nicht gut finden. Aber die hat mir meistens zum einschlafen vorgelesen. Unter anderem auch den „kleinen Prinz“. Und hat der da nicht auch so eine Begegnung mit einem verführerisch-bösen Fuchs? Mir kamen kleine Bröckchen Kotze hoch, denn das Buch ist für mich eines der schlimmsten, das es gibt. Ich habe sogar schon damit geliebäugelt einen Verein namens „Das Wesentliche IST sichtbar“ zu gründen. Überall Tassen, Postkarten, Memory-Spiele mit dieser Grützfigur. Die ist die Diddelmaus des Bildungsbürgertums. Und dann noch erwachsene Menschen die „Man sieht nur mit dem Herzen gut…“-Zitate für eine gute und clevere Lebensphilosophie halten. Schlimm. Die kann man doch nicht ernst nehmen.

Ich war wahnsinnig wütend auf den kleinen Prinz. Und auf Antoine de Saint-Exupéry. Und auf mich, weil ich wusste, wie der geschrieben wird, ohne nachgucken zu müssen.

Dezember. Der Stressmonat. Von nun an sollte sich alles nur noch um Geschenke drehen. Zum 1. mussten diverse Adventskalender fertig sein. Dann war Nikolaus und schließlich Weihnachten. Meine Familie kam in die Stadt, wir wollten ein großes Familienfest feiern. Das bedeutete aber auch: Noch mehr Geschenke als sonst besorgen. Ich wusste wirklich nicht, wann ich diesen Monat besonders zur Ruhe kommen würde. Vermutlich gar nicht. Dazu kamen ja auch noch die ganzen Weihnachtsfeiern, zu denen man eingeladen war. Die machten zwar total Spaß, aber danach fiel man auch erstmal wieder einen ganzen Tag aus.

Daran dachte ich nicht mehr, als ich nach Hause wankte. Wir haben unsere erfolgreiche Zusammenarbeit in einem Restaurant gefeiert, in dem es fantastisches Fleisch gab. Und ganz wunderbaren Rotwein. Wir saßen an einer langen Tafel und nach dem Essen, haben manche angefangen, sich umzusetzen. Andere gingen zum rauchen vor die Tür. Man saß in Grüppchen um den Tisch verteilt, tauschte Neuigkeiten aus, trank noch einen Espresso, noch einen Wein, noch ein Wasser, vielleicht noch einen Wein. Es wurde gelacht, es wurde diskutiert. Und irgendwann, als die Kellner durch demonstratives Gähnen andeuteten, das sie gerne schließen würden, war eine weitere Weihnachtsfeier beendet. Und ich lief nach Hause, mit einem letzten, vollen Weinglas in der Hand, das ich seltsam geschickt aus dem Laden geschmuggelt hatte. Ich mag es durch die nächtlichen, kalten und vorweihnachtlichen Strassen zu laufen. Tief durchzuatmen, auch wenn ich ein wenig Schlagseite habe. Meine Schritte waren das einzige Geräusch, das ich in dem Moment hörte. Ich musste ein wenig über mich selbst kichern, weil mich die weinselige Albernheit erwischt hat. Das liebe ich am Meisten. Wenn man grundlos kichert. Kurz blieb ich stehen um durchzuatmen und meinen Weg in Ruhe fortzusetzen. Und da stand er vor mir. Einfach so. Aus dem Nichts.

„Was willst du eigentlich von mir?“, fragte ich ihn, ein wenig lallend. Er guckte mich an, mit diesem komischen Blick, den Tiere haben. Dieser Blick, bei dem man immer versucht ist, dem Tier gewisse Gedanken zuzutrauen. Gedanken, die vielleicht eher das eigene Empfinden spiegeln.
„Jetzt sag schon! Warum verfolgst du mich?“ Der Fuchs zuckte kurz mit dem Kopf. Ich hatte jetzt immerhin genug Zeit, mir sein Fell genau anzugucken. Das war Grau. Silbergrau. Und total dreckig. Gefiel mir nicht, gefiel mir überhaupt nicht.
„Sag! Du nervst mich langsam. Hau ab!“, sagte ich. Wenig überzeugend. Komisch eigentlich, das mich das Tier so aggressiv gemacht hat. Ich rief Sachen wie „Kusch!“ oder machte Geräusche von denen ich glaubte, das Tiere sie unheimlich finden könnten. Aber der Fuchs rührte sich nicht. Er blieb einfach stehen und sah mich an. Vielleicht sollte ich die Straßenseite wechseln. Das Tier ließ mich offensichtlich nicht vorbei.

Ich wurde wahnsinnig wütend auf den Fuchs und warf mein Weinglas nach ihm. Es zersprang auf dem Boden, spritzte den Fuchs mit Rotwein voll. Das Tier rannte weg. „Höret her, Bürger! Hier läuft ab heute ein rot gesprenkelter Fuchs durch die Strassen.“, hörte ich mich hochoffiziell sagen. Aus meinem Kichern wurde ein Lachen und glücklich ging ich nach Hause und ließ mich auf mein Bett fallen, wo ich noch angezogen sofort einschlief.


Kommentar verfassen