CES & Macworld 08 oder Wer leidet jetzt an Elektronikbulemie? 18. Januar 2008
Veröffentlicht von petrola in : ARCHIV, GADGETS, Technik , trackback
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Es ist schwer geworden, Uns noch zu überraschen. Über Jahre wurde Elektronik immer kleiner, kompakter, leistungsfähiger. Wie Waschmittel, das einer wunderlichen Formel folgend über ihre Produktzyklen angeblich immer ergiebiger wurden, sind wir gewohnt, das mehr als 100 Prozent irgendwie möglich sein sollen. Alles ist besser, stärker und damit dann doch irgendwie größer als das Leben selbst. Aber was passiert, wenn Elektronik plötzlich ihr eigenes verschwinden ankündigt? Grassiert jetzt plötzlich die Elektronikbulemie? Es wirkt schon mehr als absurd, wenn an einem Ort wie Las Vegas, wo alles „bigger than life“ ist, die große Verdünnisierung aufgetischt wird. So waren auf der International Consumer Electronics Show (CES) vor allem besonders dünn gebaute Fernseher, Player, Kameras und Displays der erkennbare Trend. Oder eben nicht erkennbar, wie manch Fotograf feststellen musste, wenn er ein gerade mal noch 0,7 cm dünnes Display von der Seite einfangen will. Sony zeigte zwei Modelle eines OLED-Fernsehers, deren Farbbrillanz, Stromersparnis und Kontrastwert in Weltwunderkategorien handelbar sind und ab Februar für 2500 US-Dollar über den Tisch gehen.

Man selber steht davor und meint zu ahnen, wie das Wort Zukunft ab jetzt buchstabiert wird. Dabei gibt es OLED-Displays schon länger und selbst das Sony-Modell mit dem Namen XEL-1 bietet von Vorne gesehen gerade mal die Bildschirmgröße eines Schuhkarton. Aber selbst wer dünn und trotzdem in einer gewissen Größe sehen will, wurde auf der CES nicht enttäuscht.

Pioneer´s 50-Zoll LCD-TV unter dem Projektnamen Kuro, der nächstes Jahr erhältlich ist, misst gerade mal noch 9mm. Schon zu haben ist Hitachi´s LCD-TV mit einer Tiefe von 1,5 cm und auch entsprechende Displays von Panasonic, Sony oder Samsung wirken an der Wand nur noch wie schönere Bildrahmen, an denen dann doch noch so etwas Hässliches wie ein Stromkabel hängt. Doch ist uns diese Abmagerungskur wirklich so viel Geld wert?
Alle Hersteller mühen sich um weitere Superlativen und es wird noch mal an der Absurdität gekratzt, wenn erst jetzt das Versprechen von 24 Bildern pro Sekunde wirklich eingelöst wird. Alte LCD- und Plasmabildschirme waren dagegen blanke Betrüger und wir haben trotzdem geglaubt, ganz „state of the art“ zu sein. Dabei ist die Zukunft oft nicht so schnell, wie wir uns das wünschen würden. Microsofts Surface-Tisch ist eine Art feuchter Traum des Multimediazeitalters und wird doch erst einmal aus Kostengründen nur in ausgewählten Shops und Eventlocations ausprobiert.

Doch dann sind die Möglichkeiten wirklich beeindruckend: Durch Berührung am flachen Plexiglastisch manipuliert man Fotos, ruft Webseiten auf oder lässt den Rechner das aufgestellte Glas erkennen. Es zählt eben, was der Kunde will und das muss auch Motorola erkannt haben, die dem Z10-Sliderhandy einen Metallknochen zeigten, der mit direkter Schnitt- und Uploadmöglichkeit von Videos der YouTube-Generation äußerst gelegen kommen sollte. Überhaupt schienen Handys den früheren Abmagerungstrend wieder umgekehrt zu haben – jetzt zählt wieder, was drin steckt und wie man es möglichst per Touchscreen bedienen kann.

Mit nur wenigen Tagen Abstand zeigt aber auch Apple auf ihrer MacWorld-Messe in San Franzisko, dass Dünn das neue Dick ist. Ihre selbst betitelte „Thinnovation“ bestand aus dem von Firmenchef Steve Jobs vorgestelltem MacBook Air, dass zwar immer noch rund 3 Kilogramm wiegt, an seiner dicksten Stelle aber eben nur 2 cm dünn ist.

Das eigentliche Computerboard hat sogar nur noch die Länge eines Bleistiftes. Dafür diktiert Apple zum Preis von rund 1700 Euro aber auch eine fest eingebaute Batterie und liefert ein DVD-Laufwerk nur noch als Extrazubehör aus. Das digitale Leben in dünner Luft findet völlig kabellos statt und selbst Software spielt man auf das MacBook Air nur noch, in dem man in bester Piratenmanier das nächstgelegene ROM-Laufwerk kapert. Friss die Hälfte ist hier konsequent zu Ende gedacht. Und das ist der Anfang, wenn man an Rechner mit flexiblem E-Paper, extrem kleinem Flashspeicher und einer Gestiksteuerung denkt.
Text: Gregor Wildermann
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