Melt! Festival 08 | Es werde Ruhe… 22. Juli 2008
Veröffentlicht von petrola in : ARCHIV, GADGETS, Technik , trackback
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Nomen est omen. Wer bei dieser Redewendung einen Laien raten lässt, was sich hinter Namen wie iPod, Cybershot oder Wii versteckt, wird überraschende Ergebnisse zu hören bekommen. Reden wir von einer Rettungskapsel, einer Mordwaffe und einer Campingtoilette?

Da hat es der MDR-NC500D schon wesentlich einfacher. Nein, nicht weil er aus einer seltsamen Zusammenstellung von Zahlen und Buchstaben besteht. Die schwarze Erscheinung mit den zwei Ohrmuscheln trägt den viel versprechenden Beinamen „Noise Cancelling Headphone“, was selbst mit einfachem Schulenglisch sich sofort übersetzen lässt. Es klingt nach einem perfekten Fluchtplan. Raus aus Alltagsstress und konstanter Lärmbelästigung. Es klingt nach Abschalten, nach Ruhe auf Knopfdruck, nach Chill Out inklusive Tragebügel. Doch kann dieses Versprechen überhaupt gehalten werden?
Bei einem Preis von 400 Euro mag man wahre Wunderdinge erwarten und schnell ist der Entschluss gefasst, den Sony MDR-NC500D auf dem Melt! Festival gegen ganz harte Kaliber antreten zu lassen. Ein 200 Gramm schwerer Kopfhörer gegen Boxentürme so hoch wie Diktator-Denkmäler und Soundanlagen, die den Strombedarf kleiner Städte absaugen. Ein erster Blick auf die Verpackung flößt zumindest schon einmal Vertrauen ein. Ein hochwertiges Hardcase inklusive diversem Reisezubehör wie passenden Stromsteckern für Flugzeugsitze sowie das Ladegerät des Kopfhörers selbst lassen ahnen, dass hier etwas mehr als nur Plug and Play gefragt ist. Die eigene Stromversorgung über Akkus hat einen einfachen Grund. Am Kopfhörer angebrachte Mikrophone analysieren die Umgebungsgeräusche und senden ein entgegengesetztes Unterdrückungssignal an die Ohrmuscheln. Soweit die Theorie und nach gut drei Stunden Ladezeit soll nun die Praxis folgen.

Am Bahnhof von Dessau steige ich in den Shuttlebus zum Ferropolis-Gelände, auf dem das Melt! Festival seit einigen Jahren stattfindet. Da droht gleich schon der erste Ernstfall. Über die scheppernden Lautsprecher des Reisebusses läuft ein Radiosender und gespielt werden „die besten Hits des Monats”. Enrique Iglesias und seine offizielle Euro 2008-Hymne zerren an den Nerven. Schalter auf “On” gestellt, Kopfhörer aufgesetzt und Ruhe? Es ist deutlich weniger zu hören, aber der Sohn des spanischen Schnulzenkönigs arbeitet sich in den Höhenlagen dann doch noch zu meinen Ohren vor. Ich ahne, dass der Name des Kopfhörers in der Lobpreisungsschublade vielleicht doch etwas hoch gegriffen war. Oder doch alles nur ein Bedienungsfehler?
Ich konsultiere das Handbuch und kann keinen Fehler in der Anwendung entdecken. Doch ähnlich wie bei einem Medikament muss man auch hier die Risiken und Nebenwirkungen am Ende des Zettels zwischen den Zeilen lesen. Und hier wird deutlich, wie Sony den Begriff „Noise“ enger definiert. Denn die wirkliche Stärke des Systems liegt in den Tonquellen, die ein dauerndes Signal von sich geben. Das Turbinengeräusch im Flugzeug, das Rauschen einer Klimaanlage, die Fahrgeräusche in einem Bus. All das ist tatsächlich plötzlich wie abgeschaltet und es dauert nur wenige Sekunden, bis man merkt, wie viel näher man einer inneren Ruhe ohne diese Soundkulissen kommen kann. Einzelne Stimmen in unterschiedlichen Tonlagen oder andere Musikquellen werden gedämpft, aber eben doch noch hörbar durchgelassen. Über einen separaten Monitor-Schalter an der Seite der rechten Muschel, wo auch der On/Off-Schalter sowie der Druckschalter für die Testfrequenzen angebracht sind, kann man die Gegenwirkung des Kopfhörers auch nach Bedarf abschalten, ohne den Kopfhörer ganz abnehmen zu müssen. In gewisser Weise erreicht der Kopfhörer beim Abnehmen auch das beinahe erschreckende Gegenteil seines Namens, denn erst durch eine längere Abkapselung realisiert man, wie vielen Geräuschquellen man tagtäglich ausgesetzt ist.

Ganz zu schweigen von der Soundkulisse, die einem auf einem Festival entgegentritt. Keine Chance gegen den Distortionsound von Mr. Oizo, den Breaks von DJ Beware und selbst die dunkle Stimme von Roisin Murphy dringt noch zu Hammer und Steigbügel durch. Wer dann denkt, dass eine eigene Soundquelle Abhilfe schafft, wird nur teilweise glücklich. Denn eher basslastige Musik führt diesen Sony-Kopfhörer deutlich an sein Grenzen, während in eher mittleren Tonlautstärken der Klang dann doch auch den Preis rechtfertigt.
Noch ein Detail: Während die Passform auf den Ohren sehr gut getroffen wurde, können die zwei oberen Plastikringe der Bügelhalterung je nach Kopfform gerne mal unangenehm auf den Schädel drücken. Wenn möglich sollte man sich den Effekt eines „Noise Cancelling Headphone“ auch an einem Testgerät vorführen lassen. Auf einem Festival mag man dagegen eher an ein anderes Sprichwort denken. Der Weg ist das Ziel. Und für den Weg ist der MDR-NC500D dann doch ein guter Begleiter.
txt: Gregor Wildermann
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