Nacht Digital | Dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen 5. August 2008
Veröffentlicht von petrola in : ARCHIV, MUSIC , trackback
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Ist man unterwegs von der Hauptstadt nach Olganitz, dem Brutplatz der Beatvögel des vergangenen Wochenendes, muss man, so man sich nicht modernerer Navigationssysteme bedient, erschreckt feststellen, dass ein Olganitz in aufgeklapptem Atlas gar nicht existiert. Insofern gewinnt der Beisatz, „Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“, einen ganz realistischen Beigeschmack. Nach Minuten bedrückender Gefühle, man werde diesen Flecken nie finden, entdeckt man dann doch zwischen Kiefernwipfeln das erste Flackerlicht und bunte Zeltdächer. Endlich.

Ankommen. Parken. Auspacken, kurze Stärkung und sofort trägt einen die örtliche Shuttledienstleisterei mit gefühlten 7km/h noch die 350m vom Parkplatz bis zum Eingang des Geländes. Ganz kurz hindert mich die Hauptstadtarroganz daran mich zu entspannen, denn auf den ersten Blick scheinen hier ungleich mehr Sachsenpaules rumzustehen als Sachsenpaulas, welche sich aus den Bausatzteilen zweifarbige Zweifelfrisur, Muckibude und Montagejob zusammenzusetzen scheinen. Aber ich muss meinen Eindruck später revidieren, denn ich lerne einen Haufen entspannter Menschen kennen in den kommenden 48 Stunden.

Nun, man ist endlich drin, hat sein festivalerprobtes Zelt mit den Heringen von drei Nachbarn in ein kleines Refugium verwandelt und beginnt um einen herum sich in das Wortgefecht drogenverherrlichender Dialoge zu verwickeln, welche über Konsumwetteraussichten für das nahende Wochenende parlieren. Maßnahme: Nasnahme, hahaha.

Ganz eigentlich ging oder geht es ja um Musik und so durfte man sich ab 00.30 der Eröffnungsfrickelei der Inselelektropioniere von Plaid stellen, welche mich schon vor einem Weilchen im Berliner 103 Club wieder überzeugt haben. Die Hauptbühne, nur von der leicht abschüssigen und primär naturbödigen Tanzfläche vom Strand getrennt, spiegelte sich auf der Oberfläche des kleinen Badesees und trug den Sound durch die Köpfe in den Wald und wieder zurück. Berauschend schönes Ambiente.

Four Tet setzen das auch gleich konsequent fort und der Abend kommt ins Rollen und wo’s schön ist soll man ja schließlich auch bleiben und so verpasse ich das, was gerade in und auf der 2nd Stage passiert, aber sei’s drum. Hier aus diesem Flackerreigen, einem Bewusstsein, welches in ozeanischer Selbstauflösung begriffen ist und Beinen, welche für diese Nacht meinem Körper den Rhythmus vorgeben, kann ich ohnehin nicht weg.

Allerspätetestens dann nicht mehr, als James Holden a.k.a. Überraschungsgast jene Lücke füllt, die eine ganze Weile unauffällig auf dem Timetable zwischen den ihn umgebenden Acts klaffte. Drei Stunden immer wieder einen drauf setzen. Dieser junge Mann hat besser als nur englisch gegessen in seinem Leben.

Die Nacht verlängert sich und als in den Morgenstunden die Wolken es nicht ganz so gut meinen, ziehe ich mich zurück in unser kleines Schloss, um dort der Basis dessen, worüber ich das Teil-Ich definiere, ein paar Stunden Ruhe zu gönnen. Derer sind es immerhin drei. Und bis zu jenem Moment, als der Himmel aufbricht und Strahl um Strahl allen das Melatonin aus dem Kreislauf kitzelt und sich dafür mit Freudenschreien applaudieren lässt, bleibe ich auch im regensicheren Schutz unserer Textilkuppel.

Schluffiger Downbeat von Beautiful Planet Earth und später ein experimentierender Scottsound wird über den See zu uns herüber getragen und irgendwas in mir will schon wieder die eigentlich noch müden Knochen vor diese großen, herzschlaggebenden Boxen schicken. So gesellt man sich also nach der See- oder Duscherfrischung zu dem anderen Gefleuch ans Ufer und lässt sich von der Sonne verwöhnen.

Das ganze Areal ist in Entspannung getaucht und es werden die Kräfte gesammelt, die man in dieser Nacht als Vorturner und Frontkämpfer noch nötig haben wird. Der Körper will, kann aber noch nicht und dafür wird mit dem Kopf gewippt wie der Dackel es tut, der in der Autorückscheibe neben der Klorolle seinen Platz hat.

Schon um 19.00 Uhr starten am Samstag die Wighnomy Brothers und vor 00.00 Uhr wollen sie auch keine Ruhe mehr geben. Gestärkt von den Unmengen Wodka, den ihnen die Mutti eingepackt hatte, wummerte, kickerte und frickelte und remixte sich das Duett über den Ground - und so manches Knie dürfte nach diesen fünf Stunden auch nach einem Orthopäden gewimmert haben.

Die ganze Nacht ähnelte einem Kaleidoskop auf optischer wie auch auf musikalischer Ebene; Josh Wink (mit einem glücklichen Dauergrinsen), Lawrence, ein in der Parallelwelt agierender Stefan Bodzin in Gummihandschuhen, ein in die Morgenstunden hineinwirkender perkussionverliebter Matthias Kaden… der rhythmische Gang zur Theke, das dort ungeduldigste Warten um fleißig mit dem erhobenen elektronischen Zeigefinger zurückzukehren zum Ort der großen Schlacht und weiter zu stampfen…Genuss fürsorglicher Weiblichkeit, welche in den donnerheißen Morgenstunden den Tanzmob mit kühlem Nass besprüht, ach all diese kleinen Lichtbrechungen, Highlights, Highheels… geteiltes Eis, die rettenden Schlucke Leitungswasser und hier und da die notwendige zurechtrückende Zigarette und der reanimierende Meisterjäger aus dem kleinen Hut, um das Ganze final vorm Dreikommanull-Zelt mit der Leipziger Brut und etwas Sonnencreme ausklingen zu lassen, oder meinetwegen auch ausklinken…

Was ein feines kleines Festival. Der Wettergott meinte es gut, und kaum auf einem Fest habe ich die Feierei so authentisch wahrnehmen können wie an diesem sächsischen Teich. Eine große Freude nach den kleinen Enttäuschungen vorangegangener Wannabe-Verpeilerei.

Hätten wir nicht so einen großen Spaß gehabt, würde ich nur glatt mit der Frage einlenken, wann die Minimal-Welle in ihre schwachen Amplituden kommt, um vom nächsten großen Ding für ein paar Jahre überrollt zu werden. Ich würde es zu gerne wissen. Aber bis dahin führe ich erst einmal wieder ein fast normales Leben…
Txt: Göran Hielscher
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