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Über Schrift, Recht und lange Arme | re:publica 09 3. April 2009

Veröffentlicht von petrola in : ARCHIV, INTERNET , trackback

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Tag drei

Kippe, Chipsreste, Kaffee, Kippe

Der erste Vortrag des Tages kommt von SCHMIDT MIT DE TE und setzt genau da an, wo es gestern ein wenig zu schwammig geblieben. Dr. Jan Schmidt setzt das Indentitätsmanagement im Netz in Bezug zu sowohl Informations- als auch Beziehungsmanagement und vergleicht das wiederum mit dem Verhalten im sogenannten ‘Real Life’.

Die Unterschiede werden sehr deutlich: Internetnutzer ist eben keine weitere Rolle des RL wie Beruf, Hobby, Musikfan oder Fernsehzuschauer; diese Rollen werden im Netz auf verschiedenen Plattformen (Xing, Facebook, LastFM, YouTube, …) sichtbar gemacht. Wie mit dem Umstand umzugehen ist, daß im RL diese Rollen nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich voneinander getrennt sind, während im Internet – Schmidt spricht von Persistenz – alles zusammen zeitgleich und sogar durchsuchbar vorhanden ist, darüber muß sich jeder selbst klar werden. Klar ist aber, daß sich die Internetanbieter in den seltensten Fällen von alleine Möglichkeiten ausgefeilter Privat- bzw. Öffentlichkeitseinstellung einfallen lassen werden. In den meisten Fällen werden die User sie einfordern müssen.

Als nächstes gibt eine der Macherinnen von mideastyouth.com Einblick in ihre (kann man sagen?) Arbeit als digitale Aktivistin. Sehr beindruckend, was man alles erreichen kann, wenn man es nur leidenschaftlich genug verfolgt. Ohne diese Leistungen schmälern zu wollen: Die Unterdrückung in der arabischen Welt ist natürlich ein ganz anderes Kaliber als die im Vergleich dazu kleinkarierten politischen Problemchen der westlichen Industriestaaten.
Danach diskutiert sie zusammen mit Mercedes Bunz und Mary C. Joyce, die sich selbst als Meta-Aktivistin bezeichnet; sie ist nach einigen erfolgreichen Online-Kampagnen mittlerweile nur noch beratend tätig. Ein Ergebnis dieser Gesprächsrunde schlägt sogar den Bogen zu einem der Schwerpunkte von gestern: An diesen aktionistischen Netzkampagnen beteiligen sich überproportional viele Frauen.

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Sitzen, Bleiben, Weiter, Schreiben

Der Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales, erzählt uns was. Nach ein paar Zahlen zur Website (Sprachen, Artikel, Nutzer) gibt es Eindrücke von der dahinter stehenden Wikimedia Foundation – 22 Leute, die dafür sorgen, daß der ganze Laden am Laufen bleibt. Als humoristischen Schlenker zum speziellen Muppet-Wikipedia folgen Ausführungen, wie man die freie Netzenzeplodädie benutzen kann, um die nach der Finanzkrise wegbrechenden, alten Medien bzw. Ihre Kontroll- und Korrektivfunktion vor allem in machtpolitischer Hinsicht zu ersetzen.

Kippe, Kaffee, Kippe

Das Thema des vor allem durch die Tatsache, daß er seine Romane zeitgleich mit der Printveröffentlichung als Gratisdownload ins Netz stellt, bekannt gewordene Unter-anderm-Schriftsteller Cory Doctorow sind Kreativinhalte im Web und wie man mit Ihnen auch unter veränderten Vorzeichen der Copy&Paste-Kultur Geld verdienen kann. Sein Bashing der etablierten Film- und Musikindustrie, die panisch und mit Bitte um gesetzesstaatliche Hilfe ihre schrumpfenden Pfründe zu verteidigen sucht, fällt beim re:publicanischen Publikum natürlich auf fruchtbaren Boden.  Die Zustimmung zu seinen Thesen steigt natürlich noch Doctorows Entertainerqualitäten – ein wirklich sehenswerter Vortrag und gelungener Abschluß der Veranstaltungen im Friedrichstadtpalast.

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Kippe, Bulette, Schrippe, Kaffee, Kippe

Nach der Mittagspause zersplittert sich das Programm in der Kalkscheune wie schon am Vortag in unzählige gleichzeitige Vorträge, Workshops und Diskussionen. Ich entscheide mich für einen Vortrag von Regine Heidorn zum Thema Cyberculture. Das Interessante daran ist mehr noch als der etwas veraltete Inhalt (zumindest für mit dem Thema vertraute) die Vortragsweise gewesen: Statt den Text linear vorzulesen, setzt sie per Clipboard Links und wenn genug Leute aus dem Publikum darauf klicken, dann wird der dazugehörige Text vorgelesen. Bei einer so kleinen Gruppe wie der im blauen Saal versammlten gelingt das jedenfalls ziemlich problemlos.

Kippe, letzte

Die Diskussionen in der Kalkscheune sind insgesamt und erwartungsgemäß natürlich erfreulicher als die wenigen Meldungen bei den großen Runden im Friedrichstadtpalast. So auch bei der letzten von mir besuchten Session, in welcher die Parallelen einer oralen Kultur mit ihren weitererzählten Mythen und Märchen mit dem User Generated Content des Web 2.0 aufgezeigt werden. Nun macht man es sich natürlich ein wenig zu einfach, die dazwischenliegende Periode der Schrift und des Buchdrucks eine einzige große Verirrung zu deuten, aber interessant sind diese Betrachtungen allemal.

Ich jedenfalls verabschiede mich von dieser re:publica mit dem festen Vorsatz, im nächsten Jahr wiederzukommen. Vielleicht funktioniert dann ja sogar das W-LAN.

Nur das mit der Verpflegung sollte ich vielleicht noch einmal überdenken.

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