Mahlzeit! Vera Mercer

Kategorie: | March 31, 2010 | von

Arme Kunsthistoriker. Da werden sie seit Jahren und Jahrzehnten an den Universitäten auf die Theorien und Konzepte der 1970er und 1980er Jahre geeicht und misstrauen einfach allem was abbildend daherkommt, solange es nicht dokumentarisch oder sonstwie pseudodiskursiv abgefedert ist. Mimesis! Teufel Nachahmung! Neo-Kon-Figuration!

 Mahlzeit! Vera Mercer

Mallard Duck Breast 29$ Fiddlehead Fern, Cranberry, Watermelon Radish, Bulgur Wheat

Dem Publikum gefällt’s, den Kritiker schaudert’s. Walton Ford ist so ein Kandidat, an dem sich die Geist(eswissenschaftl)er scheiden. Der bemüht unbekümmert die Zoografie des 19. Jahrhunderts und baut daraus gewalttätige und bis ins feine Detail behutsam ausgemalte Tableaus von der wilden Kreatur.

 Mahlzeit! Vera Mercer

Chicken Roulade 13$ Oyster Mushroom, Goat Cheese, Broccoli, Carrot

Und jetzt das! Vera Mercer, Fotografin deutschen Ursprungs, geborene Mertz und ehemals verheiratete Spoerri – daher der Essenstick – seit langem wohnhaft in Omaha, Nebraska, reanimiert das Küchenstillleben. Wildbret und Krustentier ist ihr Gemüse scheint sie zu sagen und schichtet munter Ackerfrüchte, Citrus-, Meeresfrüchte, Fische, Hasen, frischgeschossene Fasane, Rohmilchkäse, Blumen und Kristallglas zu an Opulenz und Liebe zur figürlichen Darstellung kaum zu übertreffende Motiven der Vergänglichkeit allen Irdischen.

 Mahlzeit! Vera Mercer

Scottish Salmon 28$ Kohlrabi, Heirloom Carrot, Snow Pea, Quinoa

Wie reaktionär ist das denn? Kann man fragen. Schließlich hatte das Vanitas-Stilleben im Barock seine hohe Zeit als man von vollen Bechern, prall gefüllten Schüsseln und korpulenter Leibesfülle träumte, sich stattdessen aber protestantischer Pflichterfüllung ausgeliefert sah und den Ablauf der Lebenszeit im Stundenglas verfolgte.

 Mahlzeit! Vera Mercer

Leek & Napa Cabbage Bisque 10$ Red Pepper, Pink Peppercorn, Truffle

Lebenslust und Vergänglichkeit sind aber nicht nur barocke Themen, auch wenn der Klassizismus preußischer Prägung sie beinahe weggetrocknet hätte, sondern immer noch Antrieb sich künstlerisch einzubringen. Nah am Schwulst, dekadent wie in Des Esseintes’ Speisezimmer, mit der Faszination am Nahrungsmittel als Nahrungsmittel wie als Spender eines immer wieder unergründlichen Form-, Farb- und Haptikreichtums der Natur schert sich die heute 74-jährige Mercer nicht um gerade kritisch wohlgelittene Moden der Kunst, stattdessen verliert sie sich in der Schönheit der Materie.

 Mahlzeit! Vera Mercer

Dayboat Scallops 10$ Beet, Orange, Baby Arugula

Die Ausstellung ihrer neuesten Stilleben, aber auch von Dokumentarfotografien und Portraits, läuft in der Kommunalen Galerie von Berlin-Wilmersdorf. Man kann bei Vera Mercer aber auch gleich Essen gehen. Im eher durch verheulten Folk bekannten Omaha betreibt sie mit ihrem Mann die Restaurants „La Buvette“ und „V. Mertz“ (alle Bildunterschriften von der aktuellen Speisekarte).

 Mahlzeit! Vera Mercer

"Eden Farms" Pork Belly 13$ Sour Apple, Cipollini, Cranberry Bean

Vera Mercer - noch bis zum 25. April 2010
Kommunale Galerie Berlin
Hohenzollerndamm 176
10713 Berlin

Katalog “Vera Mercer. Photographs and Still Lifes” erschienen im Kehrer Verlag

// alle Bilder > shot with Nokia Nseries //

Trendbericht 3

Kategorie: | March 30, 2010 | von

birkenstock Trendbericht 3

Wir wunderten uns letztens beim Frühjahrsdefilée vom Berliner Lafayette über unsere Proseccogläser hinweg angesichts des nicht endenden Aufmarsches an Pastell-Beaus in Sakko, Binder, Brogues und schniekem Scheitel: Ja, wenn jetzt der Junggentleman endgültig von der Kaufhauskultur – auch wenn sie sich selbst zur „heimlichen französischen Botschaft“ aufwertet – besetzt wird, dann stehen wir mit unseren italienischen Sakko-Rücken an der Wand.

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Rewind: Gerd Janson über “Bobby Konders & Massive Sounds”

Kategorie: | March 29, 2010 | von

Finn im Gespräch mit Gerd Janson über “Bobby Konders & Massive Sounds” von Bobby Konders & Massive Sounds (1992).

0 Rewind: Gerd Janson über Bobby Konders & Massive Sounds

Wie und wann bist Du auf “Bobby Konders & Massive Sounds” gestoßen?

Der Name Bobby Konders fiel mir zum ersten Mal 1994/95 im Rahmen einer Nu Groove Records-Retrospektive des Size!-Magazins auf. Das war eines jener selig machenden Fanzines, die damals die Funktion heutiger Blogs übernahmen und sich bevorzugt mit House und Techno aus dem Detroit-Chicago-New-York-Triangel beschäftigten bzw. den europäischen Brüdern im Geiste. Die dort beschriebene Konders-Disziplin aus Deep House, seitwärts getragenen Baseballmützen, Krankenkassenbrillen, Langhaarmatte und Dub-Reggae-Einflüssen klang sehr plausibel und sein greatest hit „The Poem“, das vom Dub-Poeten Mutabaruka eingeleitet wird, stieß dann sozusagen das Tor zum Fantum himmelweit auf. „Bobby Konders & Massive Sounds“ hat mir ein guter Freund daraufhin geliehen und es ward um mich geschehen. Weiterlesen »

What’s in your bag, Felix Gawandji?

Kategorie: | March 28, 2010 | von

Whats Felix g portrait 06MÄRZ10 Whats in your bag, Felix Gawandji?

Name: Felix Gawandji

Alter: 20

Beruf: besucht die “Deutsche Popakademie” Weiterlesen »

Remix Art – Kent Rogowski puzzelt

Kategorie: | March 28, 2010 | von

Kent Rogowski ist wohl ein Remix Artist im besten Sinne. Letztes Jahr ist eine seiner Ausstellung - Bears – in der Kölner Galerie in focus zu sehen gewesen. Gezeigt worden sind nicht etwa die Teddies selbst, sondern Portraitphotos von ihnen. Und es handelt sich dabei zwar um Spielzeugwaren von der Stange, nur eben mit einem gewissen Twist. Die Stofftiere sind aufgeschnitten und ihrem kuscheligen Inhalt beraubt worden, dann ist die Hülle umgekrempelt, wieder befüllt und zusammengenäht worden – sozusagen Teddies inside out. Wer die Austellung verpasst hat , kann die Bildbetrachtungen mittlerweile auch in Buchform nachholen. Mr Rogowski hat sich derweil anderen Projekten zugewendet, seine Arbeitsweise ist jedoch dieselbe geblieben: Remix eben.

 Remix Art   Kent Rogowski puzzelt

© Kent Rogowski

Für seinen neuesten Schaffenszyklus namens Love = Love hat er Puzzle im wahrsten Sinne des Wortes zusammengesetzt. Und zwar nicht jedes für sich, sondern  er hat sie bunt, sehr gemischt. Rogowski macht sich dabei den Kniff zunutze, daß die Puzzle von ein und demselben Hersteller unabhängig vom Motiv meistens mit der gleichen Stanzform produziert werden. Auf diese Weise sind ein paar schräge Blumen/Himmel-Kombinationen mit der Farbharmonie eines blinden Geduldsspielefan entstanden.

Der in Brasilien geborene und in New York lebende Künster Vik Muniz, bekannt für den Einsatz unorthodoxer Materialen, benutzt für einen seiner Zyklen ebenfalls Puzzleteile, die er auf so nicht intendierte Weise neu arrangiert und so eine betrachtliche Tiefenwirkung erzeugt. Die Serie trägt den auf eben jenen Knoten anspielenden Titel “The Gordian Puzzles”. (via)

muniz vik gordian puzzles Marilyn Monroe 2008 a2 2ablogspot Remix Art   Kent Rogowski puzzelt

Marilyn Monroe by Vik Muniz

I am Airen man – Flieg, Leser, flieg

Kategorie: | March 27, 2010 | von

airen I am Airen man –  Flieg, Leser, flieg
(Interieurfoto: Tina Barney, Theater of manners)

Es gibt immer zwei Seiten einer Geschichte. Der Geschichte von jugendlicher Exzesswut und elterlicher Bedenkenträgerschaft zum Beispiel. Das Thema jugendliche Exzesswut hechelt der Berghain-Blogger Airen durch. In zwei Tagen erscheint im Blumenbar Verlag nach „Strobo“, das durch unausgewiesene Zitate in Helene Hegemanns Erfolgsroman „Axolotl Roadkill“ berühmt wurde, die Fortsetzung „I am Airen man“, in der er lustig in Mexiko so weitermacht wie in Berlin. Weiterlesen »

What’s in your bag, Jennifer Bittner?

Kategorie: | March 26, 2010 | von

 Whats in your bag, Jennifer Bittner?

Name: Jennifer Bittner

Alter: 26

Beruf: Hotelfachfrau

Wohnort: Berlin

Tasche dabei, seit: 2006, war ein Geburtstagsgeschenk

 Whats in your bag, Jennifer Bittner?

Tascheninhalt: Multivitamin Saft (Christinen Brunnen), Haarbürste, Augen Roll-on Stick, Lippensift, Wimperntusche, Handcreme, Terminplaner, Mundspray, ein Nagelwergzeug Set, Digital kamara in einer Schutzsocke, Notizbuch mit Kugelschreiber, Taschentücher mit Bunten Motiven, Schuhpflegeschwämmchen, Handy mit AScvhutzbeutel, BVG Plan, Marlboro lights, Portmonnaie, Hipp Feuchtetücher und eine Kellner Geldbörse.

Ein persönliches Statement: “Die Feucht- und Taschentücher mit den süßen Motiven, sind für meine 7 jährige Schwester”

 Whats in your bag, Jennifer Bittner?

Loveliest Item:“Da macht das Nase putzen erst richtig Spass!!!”

Items Of The Week – Im Knick

Kategorie: | March 26, 2010 | von

von Mareike Nieberding

Der Knick ist ein Multifunktionstalent. Gilt er in Zeiten der makellosen Geradlinigkeit und unbedingten Perfektion als Zeichen von Schwäche, birgt er bei unvoreingenommener Ausnutzung seiner vielfachen Anwendungsfelder ungeahnte Fähigkeiten sowohl praktischer als auch ästhetischer Natur.

Erstes Beweisstück dieser These bietet der freischwingende „Straw Chair“ der Berliner Designer Osko+Deichmann (5), der ab heute Abend in der Ausstellung „Funktionale Beschädigung – The beauty of deliberate kinks, dents and bends in a family of tubular steel furniture“ in der Galerie Helmrinderknecht gezeigt wird. Mutet hier das geknickte Stahlrohr tatsächlich wie ein gefalteter Strohhalm an, ist auch bei dem poppig-pinken Bonbon-Portemonnaie von Maison Martin Margiela (3) der Knick elementares Konstruktionsmoment und reduziert die metallisch glänzende Oberfläche auf taschenkompatibles Maß.

Demgegenüber knicken und kreuzen die Mulleavy Schwestern für das Rodarte´sche Sommermädchen verschiedenste Muster, Materialien, Formen und Farben zu voluminösen Stoffabstraktionen (2), die kombiniert mit der angespitzten Sonnenbrille von Alexander Wang für Linda Farrow (1) sicherlich auch den größten Kritiker wie einen Origami-Schwan zusammenzufalten vermögen.

ITEMS imKnick Items Of The Week   Im Knick

Wer sich lieber der sensibel auf Foto gebannten Fatalität des menschlichen Geknickt-Seins hingibt, der kann noch bis zum 17. April Ryan McGinley´s neuste Ausstellung „Everybody Knows This Is Nowhere“ (7) in der Team Gallery observieren. In dieser zeigt er ganz un-Ginley´isch, im Atelier entstandene Emotionsstudien in Schwarz-Weiß.

Nach soviel nackter Konfrontation, darf man sich dann auch getrost wieder der Oberflächenausstattung widmen. Und mit Fanfarlo´s Debutalbum „Reservoir“ (4) auf den Ohren, durch poppige Melodicas samt Celli und Mandolinen aus dem Knick kommend, zukünftiger Ungewissheit mit der optimistischen Illustration von Justin Krietemeyer auf dem Shirt von Sixpack (8) die Brust bieten. Um sich sanft gebettet auf den mit fröhlichem Pfirsich akzentuierten Nike Air Max 1 (6) durch die grauen Massen treiben zu lassen. Aber bitte nicht umknicken!

What’s the Buzz, Peaches?

Kategorie: | March 26, 2010 | von

Es war wohl noch nicht die endgültige Bühnenfassung, die am Mittwochabend sozusagen als Generalprobe und Pressevorführung im Hebbeltheater, ´tschuldigung HAU 1, präsentiert wurde. Anders kann man sich kaum erklären, dass Peaches sich nur einmal umgezogen hat. Normalerweise streift sie sich doch zwischen Intro und letztem Refrain mehrmals die Kostüme vom Leib. Um den Körper des Leibhaftigen geht es auch in ihrem neuen Grusical, dass sie pünktlich zur ausgehenden Fastenzeit und dem aufsteigenden Osterfest zum Besten gibt: „Peaches Christ Superstar“.

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Maria?

Singen kann sie ja – das wussten wir allerdings auch schon vorher. Doch warum arbeitet sie sich nun an der Passionsgeschichte Webber’scher Prägung ab? „I believe in Jesus… Christ Superstar and actually, I guess I never stopped believing.“ Okay. Aber warum kommt die Performance so lau daher? Weiterlesen »

Kluges Quatschen hilft – Yasmina Rezas “Kunst”

Kategorie: | March 25, 2010 | von

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„Ich lache gern, aber das bedeutet nicht, dass ich in dem Moment auch glücklich bin. […] Die geistreichsten Menschen sind immer Pessimisten. Sie sind auch die humorvollsten. Ich habe noch nie mit einem Optimisten richtig gelacht. […]Die Aufgabe der Kunst ist es, ein zusätzliches Licht auf das Leben zu werfen und unserem an sich doch ziemlich trübseligen Dasein ein bisschen Glanz zu verleihen. Die Kunst soll den Menschen in eine Dimension versetzen, die über dem Alltag steht, sie soll ihn klüger machen. Ob der Mensch dadurch auch glücklicher wird, wage ich zu bezweifeln.“ (Yasmina Reza)

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Bild von: http://www.sketchbook.charlesmurdocklucas.com

Es ist schon seltsam, manchmal begegnen einem Figuren, Sätze, Worte die urplötzlich enormen Einfluss auf den Geist nehmen. Yasmina Reza zum Beispiel. Klar, sie taucht seit Jahren in internationalen Feuilletons auf, wie Jesus in der Bibel. Die französische Schauspielerin und Schriftstellerin sorgt immer wieder für Schlagzeilen: Sei es durch ihre Stücke „Kunst“ und „Drei Mal Leben“, ihr neuestes Werk “Der Gott des Gemetzels” und  natürlich aufgrund der Sarkozy Portraits “Frühmorgens, abends oder nachts”, oder die schlichte Tatsache, dass sie Sarkozy ein Jahr lang so nah gewesen ist, wie niemals ein Journalist zuvor. Reza wird geliebt und verachtet zugleich, oftmals zerrissen, definitiv aber verehrt. Ironisch führt sie ihr meist intellektuelles Publikum auf eine feinfühlige, subtile, immer humorvolle Art und Weise an der Nase herum. Ihre Stücke und Werke sind witzig, klug, provokant – gut. Ehrlich. Von ihren vielen erfolgreichen Arbeiten  ist Yasmina Rezas “Kunst” das wohl erfolgreichste Theaterstück – in 36 Sprachen übersetzt, in fünf Erdteilen gespielt.

‘Beruhige Dich’ ist das Schlimmste das Du zu jemandem sagen kannst, der seine Ruhe verloren hat. (Yasmina Reza aus “Kunst”)

“Je mehr ich schreibe, um so mehr vertraue ich dem Schauspieler, und um so mehr lasse ich aus. Umso größer wird natürlich auch das Risiko, weil der geringste Fehler das Ganze zunichte macht. Ich schreibe auf Messers Schneide über das Eigentliche, indem ich beinahe alles mit fast nichts sage.” , so Reza. “Kunst” ist eine fingerfertige, intelligente Komödie für ein breites Publikum. Für intellektuelle Anhänger moderner Kunst, für Konservative, die über moderne Kunst schimpfen wollen. Für alle Pseudoquatscher und die wahren Kenner.  Und: für alle die es nicht wussten: Yasmina Reza ist die meistgespielte, erfolgreichste Theaterautorin, oder besser Dramatikerin der Gegenwart. Hinschauen, zuhören! Drama lieben, dann doch beschließen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Lachen, Wut. Selbsterkenntis. Wie auch immer. Es hilft. Irgendwie. Dem Mensch, an sich.
“Wenn ich ich bin,

weil ich ich bin,

und du du bist,

weil du du bist,

bin ich ich

und du bist du.

Wenn ich hingegen ich bin,

weil du du bist,

und wenn du du bist,

weil ich ich bin,

dann bin ich nicht ich

und du bist nicht du.”

Aus dem Theaterstück “Kunst” von Yasmina Reza, noch zu sehen am:

01.Mai 2010, Renaissance Theater, Berlin

04. April 2010 , Theater im Bauturm, Köln