Giro d’Italia – Fuzzy Futurism

Kategorie: | May 30, 2011 | von

Wenn früher die englische Stadt- und Landedeljungs auf italienische Bildungsreise zum Sehen, Essen und Schlafen gingen hieß das Grand Tour und dauerte schon mal zwei bis drei Jahre. In meinem Fall nenn ich’s Giro d’Italia, auch wenn ich nur knappe zehn Tage unterwegs bin, noch nicht mal mit dem Rennrad und darüber hinaus nur im Norden. Aber es lockt wie alle zwei Jahre die Biennale in Venedig und vorher die nicht gerade für zeitgenössische Kunst bekannten Alpinprovinzen Trentino und Südtirol.

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Saftiges Rovereto nach der Sintflut

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Ansichtssache: postmodernistisch oder postfaschistisch - das Mart in Rovereto

Vor knapp zehn Jahren stellte Mario Botta eine postmoderne Rotunde mit angrenzendem Museumsbau ins Städtchen Rovereto: das Mart. Hier wird der Futurismus als erste genuin italienische Avantgardebewegung des 20. Jahrhunderts mit der weltweit größten Sammlung gepflegt, Wechselausstellungen decken vor- und nachfolgende Stile und Konzepte ab.

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Originaler Futurist

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Zeitgenössischer Reginalbahnfuturist zwischen Rovereto und Trento, nervösem Tick und Fuzzy Logic

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Vorhang von Rosa Barba

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Filmspule von Rosa Barba

Eher konzeptuell arbeitet die deutsch-italienische Künstlerin Rosa Barba, vertreten von der Berliner Galerie Carlier Gebauer. Für die Doppelschau, die sich das Mart mit der architektonisch etwas diskreter auftretenden Fondazione Galleria Civica di Trento in der nächstgrößeren Kreisstadt Trient teilt, hat sich Barba mit dem Futurismus auseinandergesetzt und auf die umfassenden Archive des Mart zurückgegriffen. Sie zeigt die Möglichkeiten des Films als Dokumentations- und Narrativmedium, gewinnt dem Material und seiner Vorführtechnologien aber auch ästhetische Qualität ab.

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Hotel Rovereto in Rovereto

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Rustikal abstürzen

Und außer sehen? Essen und schlafen: Eher biblische Qualität hat der Regen im Voralpenland, weshalb man sich in eine Arche oder wahlweise ins Hotel Rovereto retten kann. Eine sympathische Herberge aus der Zeit vor der Erfindung des Designhotels. Die Weine aus der Region kauft man am besten direkt ab Hof oder trinkt sich im Bergdorf Isera in der Casa del Vino della Villagarina durch. Cin cin!

(All images shot and edited with Nokia N8 – find your way around town with OVImaps.)

Die 8 Finalisten – Nokia Shorts 2011

Kategorie: | May 29, 2011 | von

Schon im März berichteten wir über den, von Nokia ausgerufenen Filmwettbewerb, der die kreativsten Köpfe dazu aufrief, die Idee ihres Films zu skizzieren und mit viel Talent und etwas Glück unter den letzten acht Finalisten zu sein,  die mit $5000 Realisierungsbudget und zwei Nokia N8 ausgestattet werden, um ihre cineastische Vision zu verwirklichen.

Knapp zwei Monate und über 600 Filmideen – von Dokumentationen über Komödien bis hin zu post-apokalyptischen Western oder Experimentalfilmen später – stehen nun die Finalisten fest. Jene 8, die bis zum Start des diesjährigen Edinburgh Film Festival am 15.Juni 2011 Zeit haben, ihren Kurzfilm zu drehen, auf dem Festival zu zeigen und die vielleicht mit $10.000 Preisgeld und goldener Zukunft im Gepäck die schottische Hauptstadt verlassen.

Der Platz an der Sonne jedoch ist hart umkämpft. Aber seht am besten selbst:


“The Rider” by Josh Brooks


“The Adventures of a Cardboard Box” by Studiocanoe


“Sand” by Joe Marcantonio


“Homecoming” by Teemu Nikki


“Daniel” by Aurora Fearnley |


“Pearls” by Jason Van Genderen


“Splitscreen: A Love Story” by JW Griffiths


“Thunk in Public” by Ryan Maples

3 x Kunst im Westen

Kategorie: | May 28, 2011 | von

Drei Ausstellungstipps in den Umkreis geworfen. Also von hier aus. Los geht’s mit

1. Düsseldorf

Über Container hatte ich hier schon einmal in arbeitsreicherem Zusammenhang berichtet, nun widmet ihnen das NRW Forum eine eigene Schau. Vom 08. Juni bis zum 04. September 2011 wird man sich dort Bilder, Entwürfe und anderen Kram anschauen können, etwa von diesen Häusern. Wie groß das Thema mittlerweile ist, kann man an den unzähligen Google-Treffern ablesen. Die Wikipedia-Seite zu Shipping Container Architecture bietet da auch ein paar weiterführende Links.

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Lot-ek, Puma City, 2008/09 temporärer, mobiler Verkaufsraum, Auftraggeber: Puma, Alicante/Spanien, Boston/USA, Fotos © Danny Bright

2. Köln

Ein Großstadt den Rhein rauf gibt es ja die Kölner Box als Projekt. Die achte Kunstnacht unter dem Motto art comes out at night veranstalten die  jungekunstfreunde und stART am Samstag, den 28. Mai allerdings nicht in Ehrenfelder Containern, sondern ganz gediegen im Museum Ludwig. Thema wird das Museum als Ort der Inspiration sein; Ex-SPEX-Mann Ralf Niemczyk, Mode-Bloggerin Smilla Dankert und andere werden ihr Verhältnis zu dieser Institution zu erklären versuchen. Was zu sehen gibt es natürlich auch und später soll das Ganze in einer Party münden. Wie einnehmend.

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“Koservo speziale” (2010), Gemeinschaftsprojekt von Moritz Trzebitzky und Roman Zheleznyak (Courtesy FKT)

3. Bochum

In seiner Reihe OFF SPACE berichtet das Magazin art über das Frei Kunst Territorium im lediglich fußballerisch zweiklassig gebliebenen Bochum. Auf dem Gelände an der Bessemer Straße kann man sich beispielsweise noch bis zum 05. Juni die Fotoausstellung Thomas Bocians mit Bildern vom und aus dem Hotel Eden anschauen. Der lange schon unbenutze Bau in der Innenstadt ist mittlerweile zum Abriß freigegeben.

Und nun Musik. (Frage nach Berlin: Gibt es das Cargo eigentlich noch?)

Die 80er, die 90er grüßen – Herb Ritts in Berlin

Kategorie: | May 27, 2011 | von

Es wird der Sommer der Modefotografie in Berlin.. Die Ausstellung „Herb Ritts“ in der Berliner Galerie Camera Work, die bereits eröffnet hat, macht den Anfang und zeigt viele berühmte Bilder des im Jahr 2002 verstorbenen amerikanischen Fotografen.

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© Herb Ritts Foundation Christy Turlington Hollywood, 1988

Herb Ritts wurde 1952 in Los Angeles geboren, genauer gesagt in Brentwood in, im Westen der Stadt, einem Mittelklasse-Bezirk „nicht vorstädtisch, aber auch nicht Hollywood“, wie es Ritts in einem Interview einst selbst beschrieb. Sein Vater arbeitete als Möbeldesigner und -produzent, seine Mutter unterstützte den Familienbetrieb – und auch Herb Ritts selbst begann zuerst im Familienbetrieb zu arbeiten, bevor er schließlich an der US-Ostküste der USA Wirtschaft und Kunstgeschichte studierte. Zur Fotografie gelangte er erst über Umwege, als er nach seinem Studium nach Los Angeles zurückkehrte. Das Foto von einem Freund – einem damals angehenden Schauspieler und späteren Hollywood-Größe, lotste ihm den Weg ins professionelle Fotografentum. Der Name des Freundes war Richard Gere – und dem Foto wurde viel Aufmerksamkeit zuteil. Eine weitere frühe Arbeit war unter anderem ein Portrait von Brooke Shields für ein Magazin-Cover.

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© HERB RITTS Woman in Sea Luminios Print Hawaii, 1988

Es folgten Aufträge wie dem, Madonna für ihr drittes Album „True Blue“ abzulichten; einige Bilder dieser Serie sind auch in der Ausstellung zu sehen, darunter auch ein Kontaktbogen, des Shootings mit der handschriftlichen Auswahlmarkierung durch Ritts. Der Spannungsbogen zwischen Celebrity-Portraits und Mode sollte Herb Ritts‘ Karriere sein lebenlang bestimmen. Seine klare Schwarz-Weiß-Ästhetik, die ikonenhaften Posten und der Kunst den Körper stets ins beste Licht zu rücken, machte ihm zum Vertrauten vieler bekannter Gesichter – Cindy Crawford etwa, liess sich von Ritts nackt ablichten – ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Auch der jungen Claudia Schiffer kann man entgegenblicken – damals in Brigitte Bardot-Manier und mit übermalten Lippen, gestylt. Mick Jagger, David Bowie oder sowie diverse Aufnahmen von Jack Nicholson, einige davon im Großformat, sind ebenfalls zu sehen. Viele der Bilder kennt man aus Magazinen. Die Ausstellung ist wie eine kleine Zeitreise in die Modefotografie der 80er und 90er Jahre – die Posen, das Styling, die Art der Inszenierung scheint mit heutigem Blick zum Teil dated, aber die Portraits, wie das von Philip Seymour Hoffman, sind große Momente der Fotografie. Alle Abzüge in der Ausstellung sind übrigens noch zu Ritts’ Lebzeiten entstanden und von ihm autorisiert.

ritts Die 80er, die 90er grüßen   Herb Ritts in Berlin

Die Ausstellung ist  bis zum 9. Juli zu sehen; freier Eintritt!

Galerie Camera, Kantstraße 149, 2. Hinterhof, 
10623 Berlin

Items Of The Week – Frisch

Kategorie: | May 26, 2011 | von

“Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whiskey, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whiskey, ich hab´s ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat […]“(Stiller, Max Frisch)

Ein erster Satz, der das Ich nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig begräbt. Max Frisch wäre am 15. Mai 100 Jahre alt geworden. Seinen Geburtstag feiert sein Verlag Suhrkamp mit Sondereditionen wie der Biographie von Julian Schütt (06), die Frischs Aktualität mit seiner Lebensgeschichte bezeugt. Ein Cover, dass angesichts Ai Wei Wei´s aktuellen Lage wirkt wie ein Spiegel der Verhältnisse und doch Hoffnung spendet. Die Dazed & Confused führte mit dem chinesischen Künstler eines der letzten Interviews vor seiner Inhaftierung (07).

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Auch die 032c ist druckfrisch und lässt u.a. Hubert Burda, Walther König, Azzedine Alaia und Nan Goldin zu Wort kommen und enthält eine Kurzgeschichte von Sylvia Plath (03). Die meterhohen Skulpturen von Sterling Ruby sehen aus als wäre frisches rotes Plastik aus dem Boden in den Himmel gewachsen, die großformatigen Gemälde verwischen die amerikanischen Farben zu Finsternis, ausgestopfte Stoffwürste hängen verzerrt an den Wänden wie das kreischende Symbol der Rolling Stones – Sterling Ruby´s riesigen Ausstellungsstücke füllen den Hauptraum von Sprüth Magers in Berlin mühelos und lassen den Betrachter überwältigt und verstört zurück (05).

Das neue Album “Solar” der finnischen Band Rubik liefert frischen Pop für die Endlosschleife (02), Marc Jacobs macht seinen Duft Daisy als “Eau so fresh” sommertauglich (01), die Australierin Karla Spetic druckt Balkone auf Blazer und Röcke (04) und Vans die Motive der Hermès-Seidenschals auf ihre Slip-On´s (08). Bleibt Frisch!

Where is Ai Weiwei – The Cell by Jaybo

Kategorie: | May 26, 2011 | von

“Liberty is about our rights to question everything.” -Ai Weiwei

Geschlechterkampf am Meeresstrand

Kategorie: | May 24, 2011 | von

geschlechterkamf strand Geschlechterkampf am Meeresstrand

Was ist das? Eine liegende Frau von hinten in einer grünen Bikinihose. Weiterlesen »

Die Leere: Ohne Ai Weiwei

Kategorie: | May 23, 2011 | von

Wie sehr beeinflussen unsere Emotionen die Wahrnehmung einer Ausstellung? Wohl kaum einer der zahlreichen Besucher von Ai Weiwei’s Vernissage bei der Londoner Lisson Galerie ist an diesem Abend unbeteiligt. Nur zu präsent ist das Wissen um das Verschwinden des hier gefeierten Künstlers. Auch wenn dieser, verkörpert in Form eines überdimensionalen Plakates von der Fassade der Galerie, über seine eigene Ausstellung wacht, so ist es doch vor allem ein Gefühl der Leere, das diese Ausstellung charakterisiert.

Bild 31 Die Leere: Ohne Ai Weiwei

Ai Weiwei fehlt. So ungewiss sein Schicksal ist, so groß ist die Angst davor, dass er dieses Mal nicht ‘nur’ mit einer riesigen Platzwunde am Kopf davon kommt. So könnte man denken, dass es gerade diese Angst um sein Schicksal ist, die unser Sehen der hier ausgestellten Werke beeinflusst. Möglicherweise trägt das Bewusstsein des Fehlens von Ai Weiwei dazu bei, dass Arbeiten wie sein Marble Chair einen erstarren lassen. Evoziert dieser leere Stuhl nicht Parallelen zu Warhols berühmten Electric Chair aus den sechziger Jahren? Auch wenn die Lehne bei Ai Weiweis Stuhl ein wenig geschwungener ist und die Festschnallgurte fehlen, so bringt ein Vergleich von Warhols Druck mit der Skulptur Ais doch erschreckende Ähnlichkeiten zutage. Einsam und verlassen stehen beide Stühle mitten im Raum. Was ist passiert mit dem für den dieser Stuhl bestimmt war? Fragen über das Schicksal des Festgenommenen. Ein mulmiges Gefühl von Leere und Gelassenheit, das sich breit macht.

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Nicht nur eine Materialverwandtschaft verbindet den marmornen Stuhl mit einer Skulptur, die sich aus Marmortüren zusammensetzt. Auch thematisch scheinen die Arbeiten miteinander verknüpft. So evozieren auch die steinernen Türen, die so aneinander gelehnt sind, dass sie einen Hohlraum einschließen, ein Angst vor der Leere. Was verbirgt sich in dieser Höhle, die ein bisschen an ein Felsengrab erinnert? Bezieht sich diese Skulptur auf das bekannte kunstgeschichtliche Motiv des aus dem Grab entschwundenen Jesus? Hat Ai Weiwei mit dieser Arbeit sein eigenes Verschwinden antizipiert?

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Eingeschlossen sein. Ummauert von unbeweglichen Elementen, gegen die man sich nicht mehr zu Wehr setzen kann. Dies erinnert ebenso an das Schicksal der Antigone. Wie Ai Weiwei eine Figur, die mutig für ihre Ideale und Werte eingestanden ist und dafür sogar ihren eigenen Tod in Kauf genommen hat. Eines der Zitate Ai Weiweis, das auf einem Plakat zwischen beiden Schauräumen der Lisson Galerie in der Bell Street zu finden ist, macht das deutlich, was beide miteinander verbindet: „Say what you need to say plainly, and then take responsibility for it“. Dieses konsequente Einstehen für das Recht auf Kritik und freie Meinungsäußerung hat für sie oberste Priorität.

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Selbst wenn Ai Weiweis Coloured Vases demgegenüber ein wenig fröhlicher und verspielter wirken, sind auch diese durch die kritische Haltung des chinesischen Künstlers geprägt. Mit bunten industriellen Farben hat der Künstler antike chinesische Vasen aus der Han Dynastie bemalt. Somit hinterfragt Ai Weiwei die Leitideen der kulturellen Revolution, bei der alles Alte durch Neues ersetzt werden sollte. Dieser Bruch mit der Geschichte macht deutlich, was dem auf Fortschritt bedachten China verloren ging: Eine Legitimationsgrundlage für ihre neuen fragwürdigen Ideale.

Ai Weiwei 5 Die Leere: Ohne Ai Weiwei

Gegenwärtig ist Ai Weiwei nicht nur in seinen Arbeiten, sondern auch in Form einer Videoproduktion, in der er dabei ist, eine SMS zu schicken. Dabei mischt er sich beinahe auf Augenhöhe unter die Besucher der Vernissage. Dies macht umso schmerzhafter bewusst, wie sehr er hier fehlt.

Ai Weiwei 6 Die Leere: Ohne Ai Weiwei

Ai Weiweis Vernissage bei Lisson eröffnet gleich mehrere Möglichkeiten sich am Protest gegen Ai Weiweis Festnahme zu beteiligen. Nicht nur gibt es die Möglichkeit, ein Statement zu setzen, indem man sich mit einem Free Ai Weiwei Schild ablichten kann. Auch werden die Besucher gebeten sich draußen auf der Straße für eine Schweigeminute zu versammeln.

Ai Weiwei 7 Die Leere: Ohne Ai Weiwei

Gerade als sich die Schar der Besucher nach einer kleinen Ansprache wieder ins Innere der Galerie begeben will, geschieht etwas Unerwartetes. Eine rote unangenehm an Blut erinnernde Flüssigkeit wird in die Menge gespritzt. Es ist Ketchup. Von aggressiven Schreien begleitet bespritzen sich damit zwei Künstler gegenseitig. Dies wird von den meisten Besuchern lediglich mit einem Lachen notiert. Was für eine interessante Ablenkung dieser Abend doch darstellt! Verabschiedet wird sich danach mit der freudigen Feststellung, dass man sich ja bald schon in Venedig wieder sieht. Eine Diskrepanz zwischen der Ernsthaftigkeit dieses Anlasses und der Motive einiger, der hier anwesenden, Gäste offenbart sich nur allzu deutlich.

Ai Weiwei fehlt. Ohne ihn läuft der Kunstzirkus Gefahr, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Kunst ist mehr als reines Entertainment. Wer Kunst Ernst nimmt, ist sich ihrer Fähigkeit bewusst, den Status Quo zu verändern. Gerade dieses Bewusstsein hat dazu geführt, dass die chinesischen Behörden Ai Weiwei’s Wirken als eine so enorme Bedrohung empfunden haben.

„Liberty is about our rights to question everything“, hat Ai Weiwei immer wieder betont. Gemäß diesem Motto sollten wir die Leere ohne Ai Weiwei nicht einfach so akzeptieren. Die Petition des Guggenheim ist ein erster Schritt in die richtige Richtung:

http://www.change.org/petitions/call-for-the-release-of-ai-weiwei#?opt_new=f&opt_fb=t

Die Arbeiten von Ai Weiwei sind noch bis zum 16. Juli in der Lisson Gallery zu sehen.

Lisson Gallery
52-54 Bell Street
London, NW1 5DA

Mo – Fr: 10:00 – 18:00 Uhr
Samstag: 11:00 – 17:00 Uhr

Die Welt ist ein Igel – Part 6

Kategorie: | May 21, 2011 | von

marc jacobs Die Welt ist ein Igel   Part 6

Gestern hat Marc by Marc Jacobs seinen Flagshipstore eröffnet. Wurde auch Zeit. Alle waren da. Weiterlesen »

Short Shots 2.0 – Michael Kempf, Koch

Kategorie: | May 20, 2011 | von

Willkommen in unserer neuen Rubrik. Wir wollen wissen was geht – und was gar nicht. Wo das zweite Wohnzimmer ist und was die letzte Sünde war. Was den Alltag ausmacht und was die Butter aufs Brot verdient. Antworten von Menschen der aktuellen Kulturlandschaft auf Fragen rund ums zeitgenössische Leben zwischen On- und Offline-Modus.
Diese Woche mit: Michael Kempf

Mit 26 Jahren einen Michelin-Stern zu bekommen, ist für eine Koch-Karriere sicher nicht der schlechteste Zwischenfall. Michael Kempf konnte sich anno 2003 genau darüber freuen und zwar während seines ersten Jahres als Chef de Cuisine im Restaurant Fácil im Mandala Hotel in Berlin. Fünf Jahre später hatte dann auch die Gastro-Bibel Gault Millaut das Talent erkannt und Kempf zum „Aufsteiger des Jahres“ gekürt. Es könnte also gut sein, dass bald ein internationales Spitzenrestaurant anklopft, um den mittlerweile 33-Jährigen abzuwerben – aber wie Kempf im Short Shots 2.0-Fragebogen verrät, gefällt es ihm in der deutschen Hauptstadt ziemlich gut. Daher stehen die Chancen gut, dass man hierzulande noch eine Weile in den Genuss seiner kulinarischen Kreationen kommen kann. Auf dem aktuellen Menü im Fácil finden sich Gerichte wie „Limfjordauster an einer Emulsion von Erbsen, Wacholdergrün und Monkey 47-Gin.“. Die Kombination von regionalen Zutaten, wie Löwenzahn oder Ruppiner Lamm, mit internationalen Ingridenzien wie Lavendelessig sind typisch für seine Küche. Diese Haltung spiegelt sich auch im Mittagsmenü wieder (das auch für kleinere Geldbeuetel erschwinglich ist), hier stehen Besonderheiten wie „Bisonbacke mit Bulgur, Granatapfel und Manna“ auf der Karte. Wer nicht in Berlin vorbeischauen kann, um die Kempf’schen Leckerbissen zu probieren oder alle, die lieber selbst auf Koch machen: In der Sendung „Buffet“ in der ARD gibt’s Lektionen vom „Berliner Meisterkoch 2010“. Was man dort nicht erfährt, gibt’s nachfolgend zu lesen – etwa in welches Restaurant er selbst keinen Fuß setzen würde…

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NAME Michael Kempf
JAHRGANG 1977

HEIMAT vs. WAHLHEIMAT
Woher kommst du und wohin willst du?

Geboren in Sigmaringen, schwäbische Alb… noch keine langfristigen Pläne … ich liebe Berlin!

BERUF vs. BERUFUNG:
Was verdient die Butter aufs Brot und wo steckt dein Herzblut drin?

Die Butter verdient ein verdammt leckeres Brot!
Mein Herzblut steckt in allem, was ich mache, besondere Saucen … ich bin Saucen-Fetischist.

BOREDOM vs. ENTERTAINMENT
Was langweilt dich zu Tode und was/wer lässt deinen Adrenalinpegel steigen?

Ideenlosigkeit und Faulheit auf Tellern in der „Restaurant-Mittelschicht“.
Die ersten Wildkräuter.

HABEN vs. SEIN
Was ist dein aktuelles Objekt der Begierde und was bewegt dich wirklich?

Meine Freundin.
Mich bewegen ständig neue Kombinationen und Aromen.

HARDWARE vs. SOFTWARE
Welches Gadget ist unentbehrlich und welche Applikation hat immer eine Lösung parat?

Mein Saucenlöffel und natürlich scharfe Messer.
Ich mag grundsätzlich keine Menschen die das Wort benutzen „geht nicht … nicht möglich“!

ONLINE vs. OFFLINE
Welcher Domain stattest du täglich einen Besuch ab und wem gerne in echt?

Meine Domain ist meine Küche… meine Freundin sehe ich leider zu wenig live und in Farbe.

CONVENIENCE vs. LUXURY
Was macht deinen Alltag aus und worauf sparst du schon ewig?

Mein Alltag ist geprägt von Kreativität und positiven Lebensgefühl.
Ich versuche Lebenszeit zu sparen!

HOT SPOT vs. SO NOT!
Wo ist aktuell dein zweites Wohnzimmer und welcher Ort geht gar nicht (mehr)?

Buck and Breck in der Brunnenstrasse. Panasia ist No-Go-Area.

FREUND vs. FEIND
Wer bereichert deine Welt und wer sorgt fürs Gegenteil?

Beide… sowohl als auch

SCHWARMINTELLIGENZ vs. HERDENTRIEB:
Wann baust du die Gemeinschaft und wann lässt du die Massen lieber alleine ziehen?

Ich bin sehr liberal, lasse die Zügel locker, wenn die Leistung stimmt.

NOW vs. FOREVER
Was liest und hörst du momentan und welche Standardwerke möchtest du nicht missen?
Welche Zeilen und Noten treffen den Zeitgeist und welche haben dich geprägt?

Ich lese „Die Zeit“.

Zitat von Eckhard Witzigmann (Jahrhundertkoch):
„Kochen ist geil, Gastronomie ist scheiße.“


Zitat von Paul Bocuse (Jahrhundertkoch):
„Eine Küche ohne Feuer ist wie eine Hure ohne Arsch.“

GOOD vs. EVIL
Wie machst du die Welt ein bisschen besser und was war deine letzte Sünde?

Ich transferiere meine Gäste aus dem Alltag. Und das innerhalb kürzester Zeit.
Ich habe zu wenig Zeit für meine Freundin!

DANKE!

Oktopus 11 Short Shots 2.0   Michael Kempf, Koch

Kraut und Rüben 11 Short Shots 2.0   Michael Kempf, Koch