Author profile: Jan Joswig
Einträge von Jan Joswig:

„Vizekanzler, benimm dich!“ sollte es am 6. März 2010 von Plakaten aller Couleur auf dem Alexanderplatz mitten in Berlin schallen. Eine Flashmob-Initiative rief über Facebook zu dieser Anti-Westerwelle-Demonstration auf. „Benimm dich!“, diese Formel kommt direkt aus dem Mustopf (Lieblingsschimpfwort für die Heimat aller Kopfschwachen von meinem nazifizierten Geschichtslehrer, der immer unterschiedliche Strümpfe trug) zu uns. Weiterlesen »
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(Screenshot von faz.net)
Internet – ich liebe dir! Elitärer Separatismus hat keinen Platz in diesem Mix aus globalem Circus Maximus und Bibliothek zu Alexandria. Da kann man noch so sehr in Nosferatu-Pose „Unser nie geträumtes Tränenreich“ skandieren. Der Autor Michael Lentz liest für faz.net in Kurzvideos Zeilen aus seinem nächsten Gedichtband. So etwas heikel Ungeschwollenes wie: „Ich habe ganz einfach die Dinge einmal klarstellen wollen / für immer / nun stehen sie ganz verloren da / als gäbe es immer nur / was in den Blick gerät“.
Und was gerät in den Blick auf der faz-Seite? Oben rechts die Liebesgedichte von Michael Lentz, unten links die Unterwäsche von Schiesser. Das prägt. Jeder (sag’ ich mal so) kennt den hässlichen Pawlowschen Reflex, wenn man in seiner eigenen Duftwolke auf Klo sitzt und beim Magazinblättern auf eine spannende Klamotte stößt. Die ist dann leider für alle Zeiten mit dem Klogestank kontaminiert. Man kommt nicht dagegen an. Genauso geht es mir mit Michael Lentz. Höre ich: „Ich bin Staub und Stempel / aber du bestäubst mich nicht“, denke ich, an den schicken Schiesser-Unterhosen mit Eingriff kann es nicht liegen. Intoniert er: „Du reißt mich auf“, stelle ich mir vor, wie Lentz statt im schwarz autoritären Mantel im Liebestöter von Schiesser dasteht. Tut mir Leid (ob für mich oder für Lentz, weiß ich nicht so genau).
Ich glaube, seit der Popularität des Internets habe ich so oft wie noch nie resümiert: „Das falsche Medium / bringt den Besten um.“
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Altklugheit mausert sich zum Modewort des jungen Jahres. Helene Hegemann muss es sich anheften lassen. Und den drei Südlondoner Schmalhemden The XX wird es wegen ihres Sounds auch immer wieder attestiert. Zu introvertiert, zu spröde, zu verhalten sei ihr Minimalisten-Pop für ihr jugendliches Stürmer-und-Dränger-Alter. Musik mit mehr Löchern als Verknüpfungen setzt eine lyrische Abgeklärtheit voraus, die man Zwanzigjährigen nicht zutraut.
Für die Provozierung der Klammer „Altklugheit“ kann man musikalisch aber nur sehr dankbar ein. Weiterlesen »
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Da ist eine neue Gang in der Stadt. Und sie besteht nur aus Frauen, wie „The Lizzies“ in dem Film „Warriors“. Das ist schon mal nicht schlecht. Ihr Logo kombiniert einschüchternd eine Schere und zwei Schlangen. Und sie rufen: „Come out to play!“ Weiterlesen »
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I had a dream. Einen Traum zur Berlinale. Die Musikstadt Berlin scheint sich zur Musikfilmstadt Berlin aufzuschwingen. Erst das Techno-Drama „Berlin Calling“, dann die Bushido-Seifenoper „Zeiten ändern dich“ und nach der Berlinale führen Peaches und Gonzales ihre Version vom 70er-Musical „Jesus Christ Superstar“ auf der Berliner Debattierbühne des „Hebbel am Ufer“ auf. Aber ich reibe mir die Augen, wo sind da die Schauwerte? Weiterlesen »
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Helene Hegemann hat eine grob fahrlässige Zumutung an Anti-Entwicklungsroman geschrieben. In „Axolotl Roadkill“ weiß die 16-jährige Protagonistin schon mehr, als ihr passt, und sie versucht mit Drogen ihrem Angekotztsein eine angemessene Richtung zu geben. Sie ist zu schlau, um nicht kaputt zu sein.
Aber sie hat Freunde. Nicht die Freunde, deren Namen sie direkt jedem vorsetzt: Patti Smith, Atreju aus der „Unendlichen Geschichte“, Gena Rowlands oder ihre privaten Kontakte Ophelia, Edmond, Alice. Sie hat geheime Freunde.
Der Text legt versteckte Verweise aus, geheime Tapetentüren, die nur die sensibilisierten Seelen mit dem entsprechenden (intellektuellen) Sensorium erkennen können. Das Aufdecken der Verweise kommt einer Initiierung gleich, einer Initiierung in die Subwelt von „Axolotl Roadkill“. Die Tapetentüren leiten zu Personen, die nie direkt im Text genannt werden. Sie führen ein Dasein wie die kleinen Männchen unterm Bett, die nur das Kind sieht, aber nie die Eltern.

Völlig unvermutet steht dort auf Seite 134: „Alles was passiert, dauert drei Sekunden“ und man – also die sensibilisierte Seele – ergänzt unwillkürlich: „eine Sekunde für vorher, eine für nachher und eine für mittendrin“. So lautet der vollständige Refrain von Meinrad Jungbluts „Sonnendeck“, einem jungspundigen Dada-Quatsch-Hit von 2000 auf dem Indie-Label „Betrug“, das ganz mies ausgebootet wurde, als das Stück seinen Weg durch die Hitparaden nahm.

Nur ein paar Seiten weiter reiht Hegemann scheinbar völlig unverdächtig „Verdi, Wagner und ich“ aneinander. Aber die Leser, die vorher schon den materialistischen Kindskopf Jungblut untergehakt haben, sind wieder alarmiert: „Bach, Beethoven, Mozart & me“ sang der desillusionierte Protestbarde Phil Ochs 1970 auf seinem Album „Greatest Hits“, das den Elvis-Slogan „50.000.000 Elvis Fans can’t be wrong“ auf den Boden der traurigen Phil-Ochs-Tatsachen brachte: „50 Phil Ochs Fans can’t be wrong!“
Während die anderen, die Eltern-Mäßigen, ganz hin und weg sind über die unausgewogene Kamikaze-Komposition, den fehlenden Plot, die hingeschluderte Drastigkeit von „Axolotl Roadkill“, tanzen wir eine Polonäse mit den ungleichen Freunden Meinrad Jungblut und Phil Ochs durch Helene Hegemanns Welt hinter der Tapetentür und rufen mit Boris Vian, dem Schutzheiligen aller Kaputt-Dada-Glamour-Gestörten: „Die kapieren nicht.“
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Beim Benähen von 59Fifty-Kappen mit den Protest-Klassikern brach mir mein gesamter Vorrat an Nadeln ab. Also lief ich zu meinem zweitliebsten Shop nach dem ehemaligen Umsonstladen in Berlin Mitte (Friede deiner Asche, Krieg den Palästen!), dem Trödelparadies „Zillehof“ in Berlin Charlottenburg. Ich wusste genau, in welcher Ecke ich stöbern musste. Die forsche Besitzerin mit ihrem gefärbten Haarhelm wies vorne jemandem zurecht, der getragene Socken nicht von ungetragenen unterscheiden konnte. Ich fand auf Anhieb fünf Nähnadeln auf einem Papphalter. So klein waren sie. Fast nicht zu sehen auf meiner Hand. Schwupps, könnte ich sie einstecken. Die Besitzerin würde es nicht nur nicht merken, sie würde die Nadeln auch nie vermissen. Aber mein preußisches Rechtsempfinden befahl mir, die Nadeln gut sichtbar vor sie hinzutragen und nach dem Preis zu fragen, bereit, bis zu drei Euro mitzugehen. „Die Nadeln? Die schenke ich dir. Nimm mit“, grummelte sie in sich hinein. So viel Großzügigkeit, und ich wollte sie bestehlen. Rot lief ich an vor Beschämung und vor Freude. Ehrlich wehrt nicht nur am längsten, ehrlich wärmt auch das Herz am stärksten. So, jetzt aber Schluss mit den Gutenachtgeschichten, liebe Kinderlein. Dieses Lehrstück könnt ihr demnächst auch in meinem Ullstein-Ratgeber „Inneres Glück in zehn Tagen ohne Yoga“ nachlesen.
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Nacht für Nacht leuchtet diese Fensterfront über meinen Kreuzberger Hinterhof in meine Phantasie. Was wird dort oben getrieben? Ja, getrieben, in all diesem Anspielungsreichtum muss man das formulieren. Illegaler Spielsalon, Puff, Glühbirnentestlabor? Für eine Drogenfabrik wirkt es nicht steril genug.
Man muss in Berlin nicht einmal seine Wohnung verlassen, hier blühen auch dem vergrabensten Pantoffelhelden die aberwitzigsten Abenteuer. Aus meinem norddeutschen Elternhaus habe ich extra ein Fernglas herausgeschmuggelt, um mir Klarheit zu verschaffen. Aber auch mit dieser Verstärkung sehe ich durch die dunklen Baumumrisse nur dunkle Schatten von links nach rechts schreiten. He, ich stecke doch mitten in einem Thriller von Brian de Palma! Ob der stiernackige Typ mit dem winzigen Chihuahua an der Gucci-Leine, dem ich morgens beim Bäcker begegne, zu dem Rätsel gehört?

(Es wird immer rätselhafter: Die Klingel oben links gehört zu der nachtaktiven Wohnung – nur ein nacktes Loch mit Drahteingeweiden im Messingbrett.)
Das Rätsel stellte sich mir vor Jahren. Längst weiß ich gar nicht mehr, wo ich eigentlich das Fernglas verstaut habe. Es war aber auch sehr schwer und wackelig.
Mensch, ist Berlin spannend. So spannend, dass man selbst ganz ungespannt wird.
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(Tiger-Panzer, Bausatz beworben auf Tele5)
Deutschland rüstet auf. Und nicht nur auf den Militärbasen mit dem Airbus A400M (der zu solch einer skandalösen Lachnummer wie der Starfighter zu werden droht), sondern auch im Wohnzimmer. Wer nicht fürs Totschießen ist, wie Bischöfin Käßmann, gilt als Kameradenschwein oder muss sich gleich die Dolchstoßlegende anhören. Weiterlesen »
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Natürlich sollen uns die 80er aus ihrem endlosen Würgegriff entlassen. Aerobic, Leggings, Schulterpolster halten uns in einem Neon-Jahrmarkt gefangen, der keinen erwachsenen Gedanken zulässt.
Aber es gab nicht nur Cyndi Lauper, sondern auch Catherine Deneuve in den 80ern, die Catherine Deneuve aus dem lebensmüden Dekadenzschattenspiel „The Hunger“ mit David Bowie. Weiterlesen »
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