Catch The Inspiration: Im Atelier der Modedesignerin Stephanie Franzius

August 19, 2009 | von Eva Kaczor

Franzius

Die Kreativzelle von Stephanie Franzius liegt gut versteckt im Souterrain eines für Berlin untypischen Hochhauses inmitten eines vor Hitze flirrenden Parks. Als ich ihr Atelier betrete, sind das grelle Helle und der verbrannte Rasen da draussen schlagartig vergessen. Es ist kühl, fast dunkel und es sieht nach verdammt harter Arbeit aus.

Stephanie Franzius macht den Auftakt für die heute startende Serie zum Suchen, Finden und Leben mit der Inspiration. Stephanie, die seit 2002 zur Berliner Design-Avantgarde zählt und ihre Kollektionen international präsentiert, hat in Berlin, New York, Mailand und Amsterdam studiert und entworfen. Sie hat bei Anne Klein, Adrienne Vittardini und Viktor & Rolf gearbeitet. Aber gewusst hat sie es schon ganz früh: Sie wollte immer ihr eigenes Label machen. Und so geschah es, dass Stephanie direkt nach ihrem Studium vor sieben Jahren Franzius gründete. Vor einiger Zeit habe ich Stephanie nach Paris in den Showroom „Rendez Vous“ begleitet und am eigenen Leibe erfahren, wie herausfordernd es ist, im internationalen Modekarussell die ganz eigene Inspiration und Vision zu entwickeln. Ganz viel Konzentration gehört dazu, gepaart mit einem glühenden Draht zu sich selbst und der eigenen Intuitions-Hotline.

Stephanie hat mir an diesem heißen Tag erzählt, wie sie die Inspiration ruft und damit die erste skizzenhafte Idee für ihre Kollektionen zum Schwingen bringt.

Bild 51 Catch The Inspiration: Im Atelier der Modedesignerin Stephanie Franzius

Stephie, was geschieht mit Dir, wenn Du inspiriert wirst?
Es ist, als ob ein Türchen aufgeht. Ich erkenne eine Schönheit in kleinen, alltäglichen Dingen. Das kann mir im Supermarkt passieren oder auf der Strasse. Ich spüre dann so eine Art überirdischen Schlüsselmoment, der das Besondere an den einfachen Dingen leuchten lässt. Das ist etwas sehr Feinstoffliches, nichts Dingfestes, sondern mehr ein Gefühl. Gerade diese Emotionalität macht dieses Erleben so wertvoll.

Zapfst Du bewusst bestimmte Inspirationsquellen an?
Jein. Eine ganze Zeit lang habe ich bewusst nicht in Zeitschriften geblättert, bin nicht in die Shops gucken gegangen, sondern habe gewollt, dass die Inspiration aus mir selbst heraus kommt. Mittlerweile öffne ich den Radius und schaue mir Kollektion von anderen Designern an. Ich versuche zu verstehen, worum es ihnen geht und wie sie das umsetzen.

Aber richtig gezielt losgehen, um Inspiration zu sammeln, das tue ich erst, wenn ich den Faden gefunden habe. Dann baue ich diese Idee über verschiedene Layer aus. Schaue mir Bücher, Filme und Ausstellungen an. Oder begebe mich in passende Umfelder.

Franzius

Wie entsteht die allererste Idee für eine Kollektion?
Die erste Idee, das ist immer ein Moment. Ich rufe ihn, indem ich mich mit der Materie beschäftige. Ich schaue mir Stoffe an, drappiere sie an der Puppe, sammle ganz viele Zutaten. Und während ich das tue, passiert es: Das Thema kommt zu mir.
Es ist wie bei einem Koch, der während des Kochens plötzlich weiss: „Das Gericht heisst so und so“ und jetzt fehlen noch die folgenden Zutaten.

Hast Du ein Ritual, um in die richtige Kreativitätsstimmung zu kommen?
Eigentlich nicht. Ich umgebe mich ja jeden Tag damit, das hört nie auf. Von daher brauche ich kein warmes Bad, um den Motor hochzufahren. Das Level an Kreativität wird ständig gehalten. So wie ein Eichhörnchen, das die ganze Zeit Nüsse sammelt.

Zeigst Du uns eines Deiner Werke? Was hat Dich dazu inspiriert?
Das hier ist Snice, die Winterkollektion 2008/09. Snice entstand abends im Bett vor dem TV, als ich einen Bericht über Eishotels gesehen habe. Snice ist ein Material aus Snow und Ice, aus dem das Hotel gebaut wurde. Es schmilzt nach einer Saison. Ich wusste in diesem Moment: „Wow, ich will eine Kollektion mit Eis machen!“.

Franzius

Diesen Gegensatz von Schnee und Eis fand ich super spannend. Er findet sich in den Materialien der Kollektion wider. Ich habe transparente Stoffe wie Seide verwendet und sie so geschnitten, dass sie mit ihren spitzen Falten wie fragile Eiskristalle wirken. Diese multiplizieren sich dann zu einer Dichte, die zu einer Farbe wird.

Franzius

Das Shooting haben wir zusammen mit dem Fotografen Özgür Albayrak auf einer Eislaufbahn inszeniert. Der Racesuit und die Dance Panty betonen den Körper der Sportlerin. Im Kontrast dazu steht das Drape Jacket aus dickem Wollstoff. Es erinnert an die wärmende Decke, die man sich nach dem Training überwirft und ist so geschnitten, dass man sich von hinten in es einhüllen kann.

Danke, Stephie.

Stephanie Franzius arbeitet im Moment an ihrer Frühjahr-/Sommerkollektion 2010. Diese wird den Namen Ragtag, zu deutsch: “kunterbunt”, tragen. Muse der Kollektion ist die Schauspielerin Sarah Mühlhause, die hier im Imagefilm (Regie Ken Toni Yamamoto, Sound Michael Müller) zu sehen ist. Erreichen könnt ihr Stephanie Franzius über info@franzius.eu.

Ragtag

Photos shot with N86.

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