Catch the Inspiration: “Ich bin die Idee.”
AUTOR MICHAEL OBERT ÜBER DAS RAUBTIERHAFTE DER INSPIRATION

Die Ränder Welt. Dorthin zieht es Michael Obert immer wieder. Mit im Gepäck reist seine persönliche Grundsehnsucht. Sein Verlangen nach fremden Realitäten, nach extremen Lebenssituationen und nach intensiver Nähe zu den dort lebenden Menschen. Über diese schreibt er so fesselnd, dass einem die Schauer über den Rücken laufen.
Michael Obert ist einer der bekanntesten deutschen Reisejournalisten und -autoren. Seine Reportagen und Fotostories werden u.a. von Geo, ZEIT, FAZ, Greenpeace Magazin und The Journal in New York publiziert. In seinen Werken erzählt Michael Obert von intensiven Begegnungen mit Menschen, die im Sudan, in Sierra Leone oder in Patagonien, in Timbuktu, Papua Neuguinea oder Bhutan leben.
Geschichten, die immer auch mit seiner eigenen verwoben sind. Das geht auch gar nicht anders, wenn er für „Regenzauber“ den 4160 Kilometer langen Niger von der Quelle bis zur Mündung befährt und dabei Schamanen, Wasserfrauen und Hexenmeistern begegnet. Wenn er Osama Bin Laden auf dem Vogelmarkt in Kabul trifft, in einer Höhle in Mexiko beinahe den Tod findet und von solchen Erfahrungen immer weiter und immer wieder an „Die Ränder der Welt“ (sein aktuelles Buch) gezogen wird.

Michael hat mir erzählt, dass er im Reisen seinen Weg gefunden hat. Dass es dabei die Berührung mit dem Fremden ist, die er sucht. Nicht selten auch mit Menschen, deren ganz eigene Sicht auf ihr Land von westlichen Medien noch nie zuvor auf solch persönliche Weise aufgegriffen wurde. Michael Obert begegnet diesen Menschen und reibt sich an ihrer Realität und der ihrer Kultur. Er sucht nach ihr, um in seinen Büchern über sie zu erzählen, aber auch um seine eigene Realität immer wieder zu überprüfen. Hält sie dem stand, was da an neuen Weisheiten an den Reisenden herangetragen wird?
In Berlin, seiner Wahlheimat, tut sie das. Und so treffe ich mich mit Michael Obert an seinem Lieblingsplatz an der Spree, wo er mich auf eine Reise mitnimmt. Ein faszinierender Trip in die Inspirations- und Ideenwelt von einem, der auszog, um die Ränder der Welt zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen.

Michael, was fühlst Du, wenn Du inspiriert bist?
Wenn die Inspiration mich anspringt, dann hat das etwas Raubtierhaftes. Ich fühle mich, als würde ich verschlungen werden. Die Inspiration frisst mich auf, verdaut mich und wenn sie mich ausscheidet, dann bin ich die Idee.
Wie holst Du die Inspiration zu Dir?
Ich kann das nicht steuern. Die stärksten Inspirationen stoßen mir unterwegs zu. In einem Bummelzug, auf einem Flussschiff, auf einem Kamelrücken, zu Fuß. Das sind extrem entschleunigte Fortbewegungsarten. Da bin ich meinem gewohnten Umfeld komplett entzogen, ich werde leer, es entsteht ein Freiraum, eine weiße Wand, auf die sich alles Mögliche projizieren lässt. Irgendwann ist diese Wand voll, dann beginne ich zu schreiben.

Wie verwandelst Du Inspiration in Ideen für ein neues Buch?
Ideen stelle ich mir vor wie ein Schwarm Spermien auf dem Weg zum Ei. Als Ergebnis von Inspirationen wirbeln sie wild durcheinander. Sie lassen sich nicht kontrollieren. Und sie sollen ja auch ihren Spaß haben. Am Ende ist es aber ein einziges Spermium, welches das Ei erreicht – und dann entsteht etwas Neues, etwas Wichtiges, Unumgängliches. Die Idee wird so stark, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu realisieren.

Du sagst, Dein neustes Buch „Chatwins Guru und ich“ sei vielleicht Dein bisher wichtigstes und persönlichstes Werk. Was hat Dich dazu inspiriert?
Dieses Buch ist eigentlich ein Buch über Inspiration. Es erzählt davon, wie Inspiration wirken kann, wenn man ihr auch wirklich nachgeht und sich ihr völlig überlässt. In meinem Fall hieß das: aufbrechen, in einen Zug steigen, wegfahren, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Einem überwältigenden inneren Drang folgend, machte ich mich auf den Weg quer über den Balkan nach Griechenland, um nach dem Menschen zu suchen, der mich vor fast zwanzig Jahren zu einem zweiten Leben als Autor inspirierte. So entstand die Idee für „Chatwins Guru und ich“.
Was genau war der Auslöser für Dein zweites Leben?
Ich war damals Anfang zwanzig und hatte einen vielversprechenden Job als Jungmanager in Paris. Aber ich hielt dieses Büroleben nicht aus. Also kündigte ich, um mit dem Rucksack durch Lateinamerika zu reisen. Ich ließ mein erstes Leben hinter mir, ohne zu wissen, was mein zweites bringen würde. Doch schon in den ersten Tagen, im Hochland von Guatemala, sprang mich eine Inspiration an, die einen unglaublichen Sog entwickelte. Zwei Bücher von Patrick Leigh Fermor haben damals mein Leben verändert.
1933 wanderte Fermor von Rotterdam nach Istanbul. Als ich seine Beschreibungen las, da ist etwas in mir passiert. Ich sah plötzlich eine neue Zukunft vor mir. Fermors Bücher stehen am Anfang meines Lebens als Journalist und Buchautor. Seine Erzählungen, seine Art zu schreiben schwingen bis heute bei meinen Reisen und in meinen Büchern mit.

Bist Du Deinem Guru jemals begegnet?
Vorletztes Jahr habe ich gehört, dass dieser fast 100 Jahre alte Mann noch leben soll. Irgendwo im Süden Griechenlands. Ich brach Hals über Kopf auf, um nach ihm zu suchen. Diese Reise über den Balkan war die wohl wichtigste Passage in meinem Leben, ein persönlicher Schatz, den ich eine Zeit lang mit mir herumtrug. Doch bald wurde mir klar, dass er auch für andere Menschen kostbar sein könnte. Ich wollte ihn mit anderen teilen. Mut machen, einer starken Inspiration zu folgen, sich zu verändern, Ballast abzuwerfen, um frei zu sein. Die Entscheidung für das Buch war wie das eine Spermium, das es zum Ei schafft: Der Stoff hat mir keine Wahl gelassen. Und nun kommt das Buch heraus.
Mehr
„Chatwins Guru und ich“ findet ihr hier
Wer Michael Obert auf einer seiner Leseevents genießen mag, hier
Die beiden Bücher von Patrick Leigh Fermor hier und hier
Photos shot with N86.
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