Die einfachen Dinge – Ceal Floyer

August 24, 2009 | von
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Ceal Floyer, "Double Act", 2006

Ceal Floyer macht es sich nicht einfach. Auch wenn es manchmal so aussieht. Die 1968 im pakistanischen Karachi geborene und seit einigen Jahren in Berlin lebende Britin macht es auch uns nicht einfach. Denn wie kaum eine andere Künstlerin arbeitet sie aktiv mit den Erfahrungen, dem Vorstellungsvermögen und der Fantasie des Publikums.

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Ceal Floyer, "Duck-Rabbit", 2009

Playboyhäschen oder Schnatterentchen? Es ist ganz leicht, an der ersten Aufmerksamkeitsschwelle aufzugeben und Floyer als lustig, simpel oder nur als banal zu verbuchen. Auch wenn sie einen Kassenbon aus dem Supermarkt an die Wand klebt. Das kann ich auch? Und du schon lange! Wer jetzt weitergeht, ist verloren. Also zurück vor den Einkaufszettel. Der ist ja schon typografisch interessant, Nadeldrucklayout auf Endlosrolle. Nicht nur Synergetiker dürften schon das Schnarren der Registrierkasse hören, die mehrmals am Tag Papierstau verursacht und zum zeitraubenden Rollenwechsel durch expressionistisch manikürte Finger auffordert. Der Text auf dem Zellulosestreifen ist ins Layout konkreter Poesie gesetzt, eine verbfreie Substantivreihung mit kommerzieller Geldwertinformation. Nach semantischer Analyse stehen wir vor einem Warenkorb, dessen Zweck im Reich der ungebremsten Interpretation liegt: Kabeljaufilets, Miracel Whip, 10 Eier, dazu Gänseschmalz, ein Teller, ein Teigschaber, zweimal Unterwäsche, eine Klobürste und Zahnpasta für empfindliches Zahnfleisch. Fünf, sechs Dutzend Produkte einer Supermarktkette, die mit „Hier & Herzlich“ und einer antiquierten Kaffeekanne grüßt. Ceal Floyer war dieser Einkauf 102,39 Euro wert, bis auf einen Cent passend bezahlt. Bleibt zu spekulieren, ob hier die Wocheneinkäufe getätigt wurden oder ganz gezielt eingekauft wurde, um dieses Readymade zu produzieren, das jetzt an präsenter Stelle, mit viel Platz und gut ausgeleuchtet in den Berliner Kunst-Werken an der Wand hängt.

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Ceal Floyer, "Things", 2009

Ceal Floyer präsentiert seit Samstag ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland. Die Hälfte der 16 Exponate ist extra für die Schau entstanden. Etwa „Things“ in der großen Halle im Souterrain der Kunst-Werke, die mit ihrer quadratischen Grundfläche und den vier tragenden Säulchen schwer zu bespielen ist. Fünfzig weiße Stelen stehen hier. In sie sind Lautsprecher eingelassen, aus denen in zufälliger Reihenfolge das Wort thing gesungen wird. Floyer hat dieses vieldeutige Urwort aus fünfzig Popsongs extrahiert und in minimalistische Sockel gesperrt. Die Skulpturen, die auf solchen Sockeln klassischerweise stehen, ersetzt Floyer durch die bloße Idee, die sich sekundenlang als virtuelle Schallplastik über dem Lautsprecher erhebt. Immanuel Kant hätte dieses dreidimensionale Erkenntnismodell als Ding an sich bestimmt gefallen.

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Ceal Floyer, "Works on Paper", 2009

Die einfachen Dinge vermittelt uns Ceal Floyer auf unterschiedlichen Ebenen, über eine vermeintlich simple Oberfläche und komplexe Untiefen. Sie arbeitet in allen Medien, konzipiert statt nur zu konzepten, hat Humor und – ganz einfach – gute Ideen. Für die das gesamte 3. OG der Kunst-Werke fassende Arbeit „Works on Paper“ ist Floyer jahrelang durch Schreibwarengeschäfte gezogen und hat Seiten der Papierblöcke gesammelt, auf denen Kunden Stifte getestet haben. Dabei sind jedoch weniger Testbilder entstanden als Zeugnisse unbekannter Autorschaft. Phantome haben auf den Blättern ihre Signaturen, schlechte Witze und gute Ratschläge hinterlassen, abstrakt gekritzelt, gestisch gezeichnet, zaghaft gekratzt und Tinte verschwendet: die Verschriftlichung sponaner Eingebungen beim Kugelschreiberkauf. Hunderte dieser Papierarbeiten schließen die Ausstellung „show“ von Ceal Floyer ab.

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Ceal Floyer, Untitled Installation (Dotted Line), 1993-2009

Spuren hinterlassen, Spuren aufnehmen und wieder zu Bildern zu formen. Ceal Floyer, die vor zwei Jahren den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewann, verfolgt diesen Anspruch mit aller Konsequenz. Dafür erwartet sie nicht mehr von ihrem Publikum, als einfach mal bis an die Grenzen der Vorstellungskraft vorzustoßen. Oder darüber hinaus…

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Ceal Floyer justiert ihre Arbeit "Long Distance Diptych"

Ceal Floyer, „show“, noch bis zum 18. Oktober 2009, KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin, kw-berlin.de

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