Die Verzerrung der Boye 28

August 17, 2009 | von

TORTOISE IN HAMBURG

Die Urlaubslogistik macht es nötig: Auf dem Weg zur Nordsee muss ich in Hamburg vorbei. Sowieso, aber auch auf jeden Fall, denn da spielen Tortoise, die würde ich in Berlin sonst verpassen.

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Also Auto abstellen, Fahrrad leihen und mit zerknittertem Stadtplan loshetzen zur ‚Fabrik’. Drei Minuten vorm Konzert schweißnass einrauschen. Vor dem Club aber große Relaxtheit. Man steht in der warmen Abendluft, plaudert, raucht noch eine. Dann schlendert man langsam rein.

Hauschka macht den Opener, spielt neo-romantische Stücke, die ein bißchen nach Steve Reich klingen, ein bißchen nach Philipp Glass, auf John-Cage-mäßig präpariertem Klavier. Er macht ein paar Ansagen, die so uncool sind, wie man sich das in Berlin wohl nie trauen würde. Gefühlte 200 Hamburger klatschen freundlich Beifall. Real sind es wahrscheinlich 500, aber Hamburger sind so freundlich, dass man sie irgendwie als Masse nicht merkt.

Dann kommen Tortoise auf die etwas zu kleine Bühne. Zwei Schlagzeuge stehen vorn, Keyboards, Verstärker dahinter, links und rechts noch analoge und elektronische Vibraphone. Dahinter flimmern Videobilder über ein Mosaik von Leinwänden. Keine Lightshow, keine Ansagen, nur Musik. Proberaumfeeling.

Natürlich wechselt John McEntire schon beim zweiten Stück vom Schlagzeug an die Keyboards, Dan Bitney vom Keyboarder ans Vibraphon, Doug McCombs vom Bass an die Gitarre, Jeff Parker von der Gitarre an den Bass. Keiner spielt weniger als zwei Instrumente, eher fünf. Und zwar verdammt gut.

Man muss Tortoise aus Chicago – die Erfinder dessen, was Mitte der 90er ‚Postrock’ genannt wurde – eher mit den Ohren von Miles Davis aus den 70ern hören oder mit denen von Pink Floyd aus der ‚Ummagumma’-Zeit als mit – sagen wir – Franz Ferdinand oder Madonna. Dann aber gibt es eine großartige Mischung aus Krautrock, Jazz und analogen Dancepattern.

Dabei geht es nicht um Songstrukturen, obwohl fast alles, was improvisiert daherkommt, heftig ausgeklügelt ist. (Ich sag nur: Unisono-Schlagzeugsbreaks!) Es geht eher um Strukturen, um Ballungen und Löcher, um Überlagerungen von rhythmischen Schichten. Es geht darum, was man an E-Gitarren-Soli gerade noch verzapfen kann, ohne Cock-Rock zu produzieren, was an Atonalität, ohne in altbackene Free-Jazz-Muster zu verfallen. Es geht darum, wie Intellektualität, Technik, Energie und Spaß zusammenkommen können.

Auch die Visuals spiegeln das: Langsame Fahrten über Architektur-Anschnitte, Hochspannungsmasten, verzerrte Brückenpfeiler, eine Boye mit der Nummer 28. Einmal zittert ein Flugzeug in stahlblauem Himmel, und die Zeitgeschichte klickt ins Hirn, so unaufdringlich wie die Musik ihre Komplexitäten aufbaut, verschiebt und wieder bricht.

Nach fast zwei Stunden mit Material aus der neuen CD „Beacons of Ancestorship“ und einem Best of der alten Sachen sind die fünf teils grauhaarigen Herren durchgeschwitzt. Sie lächeln. Heftiger Applaus. Draußen ist Hamburg kühl geworden. Man raucht noch eine Zigarette, schiebt langsam das Fahrrad über die Straße. Ich zähle einen einzigen 80er-Retro-Hipster. Wunderbar.

Photo shot with Nokia.

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