Fair oder prekär?

September 23, 2009 | von

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt arbeiten in den unterschiedlichsten Branchen etwa eine halbe Million Praktikanten. Was viele von ihnen eint: Keine oder geringe Bezahlung bei hoher Qualifikation. Wer genug von Referenzen und der vagen Aussicht auf eine Festanstellung hat – am 9. Oktober streiken bundesweit Praktikanten, die sich nicht mehr billig abfertigen lassen wollen.

logo+prakti+streik+neu gerade Fair oder prekär?

Freitag, 9. Oktober 2009, 10 Uhr: Alle Praktikanten in Deutschland legen ihre Arbeit nieder und demonstrieren auf der Straße. Zumindest wenn es nach dem achtköpfigen Projektteam von creativevillage geht. Die jungen Leute, selbst größtenteils “erfahrene” Praktikanten, organisieren in Kooperation mit der Gewerkschaft und der Berliner Tageszeitung taz den bundesweiten Streik “Uns gibt es nicht umsonst!”. Hintergrund der Aktion sind unfaire Arbeitsbedingungen und die trotz langjähriger Diskussion immer noch fehlenden gesetzlichen Regelungen für die Dauer und Inhalte von Praktika.

Un- bzw. unterbezahlte Praktika und mehr als fragwürdige Bedingungen zum Berufseinstieg verwundern heute höchstens noch die Generation ab fünfzig Jahren aufwärts. Vorbei die Zeiten, als ein Praktikum im Allgemeinen dazu diente, ohne Vorkenntnisse Unternehmen oder Berufszweige kennen zu lernen. Das war und ist sinnvoll und soll gar nicht verteufelt werden. Allerdings machen heute fast 40 Prozent der deutschen Hochschulabsolventen in der Hoffnung auf Festanstellung nach dem Studium mindestens ein Praktikum. Rund die Hälfte dieser Jobs ist unbezahlt. Doch selbst bei geringem Entgelt gibt es oftmals keinen Anspruch auf die Zahlung von Überstunden, keinen Versicherungsschutz, keinen Urlaub.

Besonders stark von den Hinhalte-Taktiken der Unternehmen sind Kultur-, Sprach- und Politikwissenschaftler betroffen, aber auch Berufsanfänger mit wirtschafts-, naturwissenschaftlichem oder technischem Hintergrund sind längst nicht mehr vor Lohndumping und Ausbeutung gefeit. Über die im Vorfeld der Bundestagswahlen wieder aufgekeimte Diskussion von einem Mindestlohn von 7,50 Euro in der Stunde lächelt so mancher von ihnen nur verbittert. Bei einer monatlich optimistisch geschätzten Arbeitszeit von 160 Stunden verdient der Großteil der Praktikanten um die 300 Euro. Macht einen Stundensatz von nicht mal zwei Euro. Kein Wunder, dass viele nur durch Förderungen, Kredite oder die lieben Eltern ihre Praktikumszeit finanziell durchstehen.

Im Nachbarland Frankreich ist die Situation ähnlich. Am 24. November 2005 ging die dortige “Génération Précaire” erstmals auf die Straße und demonstrierte für mehr Rechte und umfassenderen Schutz vor Ausbeutung. Ein Jahr später schloss sich das Netzwerk “Generation P” aus DGB, Fair Work und weiteren italienischen, österreichischen sowie belgischen Organisationen zusammen, um auf EU-Ebene den Praktikanten mehr Gehör zu verschaffen.

Viel getan hat sich seitdem trotzdem nicht. Schuld daran sind auch die Praktikanten selbst.

“Es ist doch immer noch besser ein Praktikum zu machen, als sich bei der Agentur für Arbeit in die Endlosschlange einzureihen.” “Wenn ich diese Chance nicht wahrnehme, kommt eben der Nächste zum Zug.” “Betrifft doch eh nur Einzelfälle, oder?”

Man will beruflich und gesellschaftlich Wert haben und belügt sich dabei selbst. Manche reihen Praktikum an Praktikum, ohne zu merken, dass sie damit helfen, die eigene erstrebte Vollzeitstelle abzubauen. Wer es schließlich doch “geschafft” hat und einen gesicherten Arbeitsplatz sein Eigen nennt, verliert schnell an Interesse, sich für potentielle Konkurrenten einzusetzen. Mit der Betonung auf irgendwie ließe sich schließlich alles schaffen.

Nur darauf zu hoffen, dass die Politik einlenkt, ist zu wenig. Deren Entscheidungsträger stellen sich häufig nur im Vorfeld von Wahlen öffentlichkeitswirksam hinter die Praktikanten und nutzen in den eigenen Fraktionen weiterhin den Nachwuchs aus. Die Unternehmen? Die fühlen sich mitsamt der Interessensverbände durch Vorschriften schon vorab in den Ruin getrieben. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass so mancher Betrieb nur durch niedrigst angesetzte Personalkosten überlebt. Doch soll diese Kalkulation auch weiterhin auf dem Rücken von Praktikanten erfolgen?

Stell’ dir vor es gibt eine dubiose Praktikums-Stellenanzeige und niemand meldet sich darauf.

In diesem Sinne:  Sich nicht unter Wert verkaufen, auch wenn das nicht immer leicht ist.  Zeichen setzen. Zum Beispiel am 9. Oktober auf der Straße.

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2 KOMMENTARE

  1. Pia:

    Ich finde dieses Thema mehr als schwierig. Es ist schon richtig, dass viele Unternehmen eine gewisse Ausbeutung betreiben. Andererseits bekommen so auch viele junge Menschen teils einzigartige Chancen, Efahrungen zu sammeln. Dass was an dann bekommt ist vielleicht auch mehr Wert, als \

  2. Markus:

    Fakt ist aber leider auch, dass zahlreiche Praktikantenstellen nur unter der Bedingung eines abgeschlossenen Grundstudiums vergeben werden. Also, ich werd auf die Straße gehn!

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