Fauser lesen!

December 23, 2009 | von

Schnell noch, bevor ich mich auf die glitschige Autobahn schmeiße und hoffentlich nicht so ende wie er: Wer mal wirklich gute, verdammt gute deutschsprachige Literatur lesen oder verschenken will, der muss zu Jörg Fauser greifen.

Fauser Fauser lesen!(Foto: Alexander Verlag)

Nach Jahren der Nichtverfügbarkeit ist die schöne Werkausgabe des Alexander Verlags jetzt endlich auch als Taschenbuch-Ausgabe bei Diogenes erschienen – 9 Bände in Kassette oder einzeln. Jeder Band mit Extras versehen: Vorworten, Interviews, Bonustracks von Wegbegleitern und Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, die von ihrer Fauser-Begeisterung schreiben.

Jörg Fauser erlebte die 60er bis 80er als Junkie, dann als Säufer, zugleich als unheimlich produktiver Profiautor: Journalist, Essayist, Erzähler, Dichter.

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Er schrieb zwei großartige Krimis: „Der Schneemann“ und „Das Schlangenmaul“ (der erste damals sein kommerzieller Durchbruch, verfilmt mit dem jungen Marius Müller-Westerhagen), in denen er die Lakonie von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett, den Urvätern aller Hardboiled Autoren, auf seine Gegenwart einer vermieften, korrupten Bundesrepublik übertrug. Das wurde oft versucht, aber selten ist es gelungen, ohne albern zu wirken. Fauser kann das – er hat den Stil, er hat das Material, er hat vor allem den metallenen Blick, der jeden Männerkitsch, zu dem das Genre ja ein wenig neigt, transzendiert.

Fauser2 Fauser lesen!

(Foto: Archiv Fauser)

Fausers ganz große Werke aber sind seine Gedichte und der Roman „Rohstoff“. Die Gedichte sind nah bei Rolf-Dieter Brinkmann und zeigen mal wieder, warum in den 70ern in der BRD kaum etwas an den ran reichte – wie schwach ist die ganze Schrebergartenlyrik der Zeit, die eine ‚neue Privatheit’ ausrief, um sich den Widerständen der Sprache nicht mehr stellen zu müssen. Fauser ist auch hier: knapp und unakademisch, alltagssprachlich, pointiert, aber nie platt.

In „Rohstoff“ erzählt er einfach nur weitgehend die eigene Geschichte – vom Drogenasyl in der Türkei über besetzte Häuser in Frankfurt zu Wachschutzjob und Stammkneipe, vom Leben zwischen falscher Idylle auf dem Land und – im Nachhinein betrachtet – nicht viel richtigerer Schwarzfahnen-Rebellion in den Städten. Dazu Sauf-, Junk-, Gorki-hafte Unterweltszenen wie man sie in dieser von Selbstironie abgefederten Klarheit noch nicht gelesen hat.

Jedenfalls nicht so gut. Denn Fauser ist – entsprechend seinem Selbstverständnis – vor allem ein ausgefuchster Techniker. Jeder Straßenname, jede Trambahnlinie, jeder Fernbahnhof sind recherchiert. Jeder Satz, jeder Dialog, jedes Bild sitzen, jedes Absatzende knallt.

Wenn man etwas von der Geschichte der Bundesrepublik von den 60ern bis in die 80er Jahre kapieren will, muss man dieses Buch lesen. Wenn man was von Liebe, Drogen, Aufruhr und den harten Ecken der Wirklichkeit begreifen will, gegen die man immer wieder rennt, auch. Und wenn man miterleben will, wie es aussieht, wenn jemand individuelle Geschichte mit ‚der großen’ zusammenschreibt, dicht an der eigenen Haut Erlebtes so meisterhaft stilisiert, dass es viel mehr wird als ein Erlebnisbereicht, sondern eben Literatur, dann, bitte, auch: „Rohstoff“ lesen.

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(Foto: Archiv Fauser)

Wer weiß, was Fauser noch alles fertig gebracht hätte. Nach seiner 43. Geburtstagsfeier am 17. Juli 1987 hat er sich aber ins Auto gesetzt und ist auf dem Rückweg nach München auf der Autobahn 94, unweit der Ausfahrt Feldkirchen, von einem LKW erfasst worden. Das wars.

Glücklicherweise ist es ja aber, wie der große John Ford sagte: “No man is really dead until the last man who remembers him is dead.” Gilt übrigens auch für Frauen. Und Erinnern kann man sich auch aus der Halbferne: via Literatur.

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