Ganz weit draußen: The Notwist orchestral

December 12, 2009 | von Alexander Gumz

THE NOTWIST UND DAS ANDROMEDA MEGA EXPRESS ORCHESTRA LIVE IN BERLIN, 9.12.09

notwist Bild017 Ganz weit draußen: The Notwist orchestral

Haltet mich für altmodisch, aber ich glaube, The Notwist sind immer noch eine der besten Bands in Deutschland. Vielleicht die einzige von internationalem Format. Also krame ich mein Fan-T-Shirt raus, das schon etwas an Farbe verliert, und mache mich auf den Weg ins Astra.

Die Lampen der Notenpulte schimmern wie Glühwürmchen im Dämmerlicht als The Notwist und das Andromeda Mega Express Orchestra auf die Bühne kommen. Violinen, Bratschen, Trompeten, Saxophone, Cello, Posaune, Querflöte, Vibraphon und Harfe – es werden immer mehr.

Sie beginnen mit einem interstellaren, chromatischen Intro, in dem sich die Band sehr langsam in den flirrenden Sound der Orchesters schiebt. Das hat erst mal gut fünf Minuten lang wenig zu tun mit dem, was man von Notwist-Konzerten gewöhnt ist. Klar, das wollte man auch nicht hören. Sie spielen nur ein paar Mal live zusammen mit dieser Formation, die sie auf ihrem letzten Album „The Devil, you + me“ unterstützt, und die man so richtig weder Big Band noch Orchester nennen will. Das ist keine normale Tour.

Dann schlägt Markus Acher ein paar Akkorde auf der alten, getapeten Telecaster, und dreht sich zum Mikro. Und da wird klar: K. und ich und alle andern im Astra sind weder auf einem Jazz- noch auf einem Rockkonzert gelandet. Das hier ist was anderes.

Okay, es geht nicht so nach vorn wie sonst. Alles ist etwas temperierter, kontrollierter. Wenn man – ohne Dirigenten – mit einem fast 30köpfigen Orchester zusammenspielt, ist das aber wohl nicht zu vermeiden. Man will ja neben Gitarren, Drums und Laptop auch noch was hören von den Streichern, den Bläsern, der Harfe. Und man wird reich belohnt dafür. Eine so filigrane, vielschichtige und mitreißende Synthese aus Band und Orchester hab ich lange nicht gehört.

http://myspacetv.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=44779726

Die Arrangements sind über weite Strecken, z.B. bei „Neon Golden“, auch band-intern ganz anders als auf Platte. Alles ist aufeinander abgestimmt, die Band macht den Orchester-Arrangements von Daniel Glatzel Platz. Und die haben absolut nichts zu tun mit klebrigem Radiogefiedel. Weder werden hier Indienummern auf Breitwandformat aufgeblasen, noch drehen sich Popsongs ins Jazzkeller-Verkopfte.

Klar denkt man – spätestens wenn die Band die Bühne verlässt um das Orchester dreimal eigene Stücke spielen zu lassen – an Sun Ra und sein Arkestra, an Charles Mingus, Gil Evans oder Carla Bley. Die ganze Geschichte des Big-Band-Sounds nach dem Duke und Count Basie schwingt mit, plus, sagen wir, zwei Löffel Strawinsky und eine Messerspitze Debussy. Das ergibt aber im Wechselspiel mit der ohnehin schon komplex aus Indie und Elektronik zusammengesetzten Musik der Notwist sowas von Sinn, dass man momentweise glaubt, man habe wirklich noch nie was vergleichbares gehört.

Nach fast 90 Minuten kommen drei Zugabensets, die tief abtauchen in die Spätnachtclubmusik des Orchesters, in der es klingt wie sophisticated ladies in einer Unterwasserbar. Aber es gibt auch Raum für einen Song, mit dem die Band, alleingelassen, mal schnell ihren hypnotischen Repetitions-Rock auspackt. Da tanzt das halbe Orchester auf der Seitenbühne mit. Einfach so, aus Begeisterung.

notwist Bild020 Ganz weit draußen: The Notwist orchestral

Dann kommen sie nochmal zurück und spielen zusammen eine Version von „Hands on us“, die einfach nur ganz weit draußen ist. Musik, so sexy in ihrer Intelligenz, ihrem Spaß an der Überraschung. Applaus beim Bratschensolo, Applaus beim Saxophonsolo. Applaus für die Band, Applaus fürs Orchester. Tosender, nicht enden wollender Applaus. Jawohl.

K. kauft sich danach die CD des Andromeda Mega Express Orchestra. Ich kauf mir ein neues Notwist-T-Shirt.

// Fotos > Alexander Gumz. Shot with Nokia N Series. //

[Video nicht vom Berlin-Konzert.]

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1 KOMMENTAR

  1. [...] Wer einen Eindruck von den Live-Qualitäten der Band bekommen möchte, dann erlaubt uns sounds-like-me.com einen entsprechenden Einblick in die Welt, in der Drehen verboten ist. Damals noch mit der [...]

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