intervista 04: Fil über Comics, Shows und freie Wahl

December 25, 2011 | von

Fil ist schon lange nicht nur zitty-Lesern bekannt als Zeichner der beiden Ideal-Berliner Diddi und Stulle. Fast genau so lang schon gibt er großartige Shows, mal mit Stoff-Hai Sharkey, mal ohne, im Mehringhof-Theater, Kreuzberg, und all over the land. Der Mann, bei dessen Programmen einem schon zur Pause vor Lachen alles weh tut, hat uns ein paar knackige Antworten gegeben – zum Zeichnen, Auf-der-Bühne-Stehen, zu Künstlerbetreuerinnen und der Illusion des freien Willen. Live zu erleben ist er in nächster Zeit hier.

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Fil – kommst du eigentlich wirklich aus dem Märkischen Viertel? Und warst mal Punk? Wie sah deine Jugend in West-Berlin aus? Spannend? Langweilig? Weder noch?

Ich habe 15 Jahre im MV gelebt und war dort auch Punk. Langweilig war es nie.

Wie kamst du zum Comiczeichnen?

Das hab ich schon als Kind gemacht und einfach nie aufgehört.

Du hast eine Ausbildung zum Kunstmaler abgebrochen, hab ich gelesen. Warum? Gabs da nichts zu lernen?

Ich hab nie ne Ausbildung zum Kunstmaler gemacht – ich glaub, sowas gibts auch gar nicht. Nur einen Haufen Aktzeichenkurse besucht.

Wie wichtig ist Zeichentechnik für deine Comics? 

Ganz unwichtig. Ich glaube sogar: je hingekrakelter die Sache, desto lustiger. Leider zeichne ich fast immer in so einer Grauzone zwischen ganz kraklig und fast ordentlich.

Zeichnest Du jeden Strich selbst, oder wie läuft die Produktion?

Ich zeichne mit Bleistift vor, mit Tusche nach, radier den Bleistift wieder weg und gebs dann meinem freund Gurke, ders am Computer koloriert.

Irgendwann hast Du angefangen, aus „Didi und Stulle“ Mehrteiler zu machen – längere, schlingernde Geschichten. Ist das leichter oder schwieriger als sogenannte One-Pager zu zeichnen?

Viel, viel leichter, weil man den Gag einfach auf die nächste Folge verschieben kann. Die Mehrteiler sind auch alle aus dem Unvermögen, einen schnellen Witz zu finden, entstanden, sie waren nie geplant.

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Wie entwirfst Du Deine Shows? Wie viel ist vorab geschrieben, geplant, wie viel improvisiert?

Ich schreibe vorher nur die Lieder und Gedichte, und auch die meistens nicht ganz fertig. Der Rest, das Drumrumgerede, das zum Schluss 80 Prozent der Show ist, entsteht auf der Bühne. Oder nicht, was dann schlecht ist. Darum wird die Show jede Woche 15 Minuten länger und ich muss Lieder rausschmeissen. Bei den Premieren hab ich meistens um die 14 Lieder/Gedichte, am Ende nur noch fünf oder so.

Sitzt Du acht Stunden am Tag mit Laptop und Gitarre am Schreibtisch, oder wie müssen wir uns Fil beim Arbeiten vorstellen?

Ich arbeite sehr wenig und nie am Laptop.

Du tourst ne Menge, trittst auch häufig in Berlin auf. Kann man jeden Abend auf der Bühne witzig sein? 

Du kannst nur so witzig sein, wie das Publikum dich lässt. Das ist wie beim Sex.

Du versuchst immer, scheint mir, bewusst ein bisschen schlechter zu singen und Gitarre zu spielen als Du es kannst. Ist das sowas wie: die Inszenierung des Unperfekten? Ist das Punk?

Ich fürchte, ich kann gar nicht besser spielen oder singen. Bei mir gehts allerdings auch nicht um Können, glaub ich.

Und ist, was Du auf der Bühne machst, ‘Comedy’? Oder was anderes?

Wohl eher etwas anderes.

Gibt es einen spezifischen Berliner Humor?

Ich glaube, es gibt nur zwei Arten von Humor: guten und schlechten. Städteunabhängig. Also nein. 

Wie viel hat ‘Fil’, den wir auf der Bühne sehen, mit ‘Dir privat’ zu tun? Ist er eine autonome Kunstfigur? Oder ein Mischwesen? 

Es sind nur meine guten Eigenschaften, die ich da zeige.

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Bist Du schon morgens am Frühstückstisch am Witzereißen, oder ist – im Gegenteil – was dran am Klischee, dass witzige Künstler privat eher Melancholiker sind?

Weder noch. Ich bin ganz normalmässig drauf. Erst wenn mehr als fünf Leute um mich rum sitzen fang ich an, sie zu entertainen.

Würdest Du gern mal ein total ernstes Programm machen? Oder einen Band mit schwieriger Lyrik schreiben?

Nein. Jeder sollte das machen, was er kann. Das Leben ist keine anthroposophische Klinik.

Wie kriegt man so viele Auftritte, so viele Comics mit Privat- und Familienleben zusammen?

Weniger saufen und nicht jede Künstlerbetreuerin flachlegen hilft mir dabei.

Was würdest Du machen, wenn Du die freie Wahl hättest? Das ganze Jahr am Strand liegen? Jeden Abend in die Philharmonie gehen? Fußball gucken? Oder doch Comics zeichnen? 

Ich würd wahrscheinlich alles genau so machen wie jetzt. Was heißt schon “freie Wahl”? Der einzige freie Wal, den ich kenne, ist Free Willy, und wie der will ich nicht sein.

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(Konzept der Reihe und Fragen: Alexander Gumz)

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