Items Of The Week – Wolkig

June 02, 2011 | von

von Mareike Nieberding

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.

Uns bleibt nichts anderes übrig als ihnen an Sommertagen nachzuhängen, den Schäfchen-, Schleier-, und Federwolken wie es die Macher des österreichischen Magazins Nevertheless in ihrer ersten Ausgabe getan haben (03). Auch die neue Ausgabe von Style and the Family Tunes lädt bereits im Titel zum Tagträumen ein: pointiert irritierende Modestrecken geben den Stoff, um seine eigene Geschichte in Gedanken weiterzustricken und ein Interview mit Lorenz Bäumer, dem Designer der Haute Joaillerie bei Louis Vuitton gewährt uns einen Einblick in das Schaffen eines radikalen Kreativen auf der Suche nach den verborgenen Geheimnissen der Edelsteine (02). Für verträumte Stunden unterm Wolkendach sind die Espandrilles von Ralph Lauren Collection mit gehäkelter Spitze (01) oder die weißen ledernen Bootsschuhe von Sebago und Cool Cats ein optimaler Begleiter (08).

Doch wenn die Wolken bedrohlich werden und mit ihrer scheinbar alles umfassenden Größe unsere Welt verdunkeln, dann ist es Zeit die Sicherheit einer Behausung zu suchen. Aus so oder ähnlichem Sicherheitsbedürfnis ist vielleicht auch das Album “We´re new here” von Gil Scott Heron und Jamie xx (06) entstanden: “I did not become someone different I did not want to be, but I´m new here – can you show me around?” fragt zu Beginn Gil Scott Heron mit verkratzter Stimme seinen Compagnion und Jamie xx zeigt der “Stimme schwarzer Wut und Weisheit” die puzzlenden Möglichkeiten des Dubstep. Nach fast 16 Jahren Schweigen war sein Album I´m new here und die daraus hervorgegangene Remixplatte mit Jamie xx die Auferstehung aus den Ruinen seiner selbst – niemand hätte gedacht, dass dies sein letztes Album sein würde. Vergangene Woche starb Gil Scott Heron in New York.

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Auch die Arbeiten Jeff Walls leben vom interdisziplinären Austausch – seine Leuchtkastenfotografien sind inspiriert vom Film, von der Literatur, von historischer Fotografie und Kunst. Im Bozar in Brüssel zeigt die Ausstellung “Jeff Wall, The Crooked Path” nun seine Fotografie und die dazugehörigen Referenzräume (07). Christoph Schlingensief wollte dem im Jahreswechsel mit Zwiespalt begegneten Deutschen Pavillion in Venedig diesen Sommer zu einer neuen deutschen Selbstprovokation verhelfen: wer hätte das besser gekonnt als der Regisseur von “100 Jahre Adolf Hitler”, “Egomania” oder “Das deutsche Ketttensägenmassaker”? In einem Nachruf schreibt Karlheinz Schmitz für die Kunstzeitung, dass er “oben auf Wolke 24, oder unten, in Satans Feuer, unbedingt wissen [soll], dass wir jetzt schon ahnen, wie groß der Verlust ist” - ein Dokument dieses Verlusts ist die Publikation “Christoph Schlingensief, German Pavillion, 54th Venice Biennale , 2011″, die seine Ideen dokumentiert und sein Lebenswerk durch Gastbeiträge von Frank Castorf, Thomas Demand, John Bock, Alexander Kluge, Elfriede Jelinek und vielen anderen neu kontextualisiert (05).

Wenn Literaturwissenschaftler verloren geglaubte Manuskripte ausfindig machen und erstmals zur Veröffentlichung bringen, schweben sie auf Wolke 7. Joseph Mc Veigh ist dies gelungen. Er konnte die  Hörspielserie “Die Radiofamilie” von Ingeborg Bachmann zur Publikation bringen (04) und ermöglicht damit den Blick auf eine weitere Facette der damals noch jungen Schriftstellerin, die der Radiofamilie Floriani, und durch das Massenmedium Radio vielen Hörern in Österreich, mit Witz, Ironie und kabarettistischer Schärfe durch die Nachkriegszeit, die Entnazifizierung und den beginnenden Wiederaufbau hilft. Nehmt den Kopf aus den Wolken!

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