Kafka im Gefängnis – Beifall hinter schwedischen Gardinen

December 05, 2011 | von

prozess1 3320 1024x681 Kafka im Gefängnis – Beifall hinter schwedischen Gardinen(Foto: Thomas Aurin)

Zu einer Form doppelter Metareflektion regt es an, wenn man auf einemmal im Gefängnis sitzt und dabei kulturellem Genuss in Form von Kafkas “Der Prozess” beiwohnt. Doch wie ist das möglich, so einen nicht ein K. oder wer auch immer dort hin bugsiert hat.

DER PROZESS Karte 730x1024 Kafka im Gefängnis – Beifall hinter schwedischen Gardinen

Es beruht auf eigener Entscheidung und man gehört zu den Glücklichen, die noch eines der Tickets erhalten haben, die aufgrund der Besonderheit des Spielortes und vor allem der Spielenden, wohl aber auch wegen der rar gesäten Spieltermine etwas DDR-Bananen-haftes hatten.

Angekommen in der JVA Charlottenburg, nach Ablegen der Winterhülle und all dessen was einen identifiziert, DNA ausgenommen, unterzieht man sich der Leibesvisitation, den Kuchen mit der Nagelfeile musste man auch draußen lassen und landet alsdann im Kultursaal der Haftanstalt und alles, bis auf den Weg dahin ist ungleich entspannt und angenehm spannend. Der Boden ist bedeckt mit einem Aktengewirr, dass eine fehlgeleitete Koloskopie dokumentiert oder nicht nachvollziehbare Gerichtswege diverser Verkehrsdelikte. Es fängt an und knapp zehn Gefangen betreten den Saal, nehmen Platz auf der Bühne und auch auf Freiplätzen im Publikum. Alles ist bedacht.

Die Gefängnistheatertäter um das Regieteam Moras/Minkowskihaben mit Aufbruch eine Institution geschaffen, die im Zuge des Strafvollzugs Gefangen die Möglichkeit gibt, sich eine Welt innerhalb der ihren zu schaffen, aufzubrechen, durch Rollentausch ihrer Situation, ihrer Rolle gewahr zu werden.

Dass dabei klassische Stücke gewählt wurden, deren Plot mehr Inspirationsgeber denn roter Faden für eine solche Inszenierung werden, gibt Freiheit auf mehreren Seiten. Wer im Sommer in der JVA Tegel schon “Don Quichotte” besuchen durfte, wird wissen, was gemeint ist. Ein gar unbeschreibliches Gefühl machte sich dort breit, im Blockcarrée unter den Augen vielzelliger inhaftierter Zeuge einer Inszenierung zu werden, die so sehr ans Mark rührte, dass in der Tat der Spielort kurz in Vergessenheit geriet.

 Kafka im Gefängnis – Beifall hinter schwedischen GardinenBild: “Don Quichotte” – JVA Tegel

Und ebenso trug es sich am Spielort von “Der Prozess”. Junge Straftäter, ältere Straftäter, deren Augen nicht immer mehr den Glanz tragen der auf Lebenshoffnung hindeutet, fügen sich auf einmal prozessual in ein Zusammenspiel, das man gleich zwei Mal verstehen muss: Hier sind Menschen, die Unmenschlichkeit, das nicht Nachvollziehbare versuchen nachvollziehbar darzustellen, in eine Szene zu packen, die das tiefe Verständnis dieser Situation letztlich anzudeuten vermag und nachdenklich stimmen kann.

Eine Szene, die von den Machern sicher bewusst auch das eindenkt, was einem, wenn man Jahre seines Lebens hinter Mauern verbringt eine Chance gibt. Die Chance, sich als Mensch zu entdecken und vor allem zu zeigen, zu überdenken, dem Schicksal mit einem Lachen zu begegnen, aber auch auf Leute von “draußen” zu stoßen, die sie als diese Menschen anerkennen mit einem Beifall, der ausreichte, dass das Ensemble mehrfach auf die Bühne zurückkehren muss.

Ein Chance, laut Arschloch, Fotze und Ficken zu schreien, auf deutsche, auf türkische, auf menschliche Borniertheiten bestimmende Lebenslagen zu schimpfen und sich danach eben nicht abzustechen, sondern die Hand zu geben, sich zu gratulieren, dass man da als Mensch doch ein Stück weitergekommen ist. Und sei es nur das Stück aus der grauen Zellentristesse heraus. Ganz großes Theater.

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  1. [...] “Ein Chance, laut Arschloch, Fotze und Ficken zu schreien, auf deutsche, auf türkische, auf menschliche Borniertheiten bestimmende Lebenslagen zu schimpfen und sich danach eben nicht abzustechen, sondern die Hand zu geben, sich zu gratulieren, dass man da als Mensch doch ein Stück weitergekommen ist. Und sei es nur das Stück aus der grauen Zellentristesse heraus. Ganz großes Theater.” (www.sounds-like-me.com, 5.12.2011) [...]

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