Kill Billy
IKEA, das blau-gelbe Einkaufsparadies für Selbstschrauber, ist peinlich um sein positives Image bemüht. Doch der Unmut gegen die Standort- und Beschäftigungspolitik des schwedischen Möbelriesen wächst. Wie zuletzt in Hamburg-Altona: Anrainer wehren sich gegen eine geplante Filiale und weiten ihren Protest aufs Internet aus.

IKEA-"Keksdose"| Kai Herrner via flickr.com
IKEA wollte im Hamburger Stadtteil Altona in der Großen Bergstraße die erste deutsche Cityfiliale mit beschränktem Sortiment errichten. Dazu wäre der Abriss des Frappant, eines ehemaligen Kaufhauses aus den 1970er Jahren, nötig gewesen. Über 140 Künstler hatten sich allerdings in den vergangenen Jahren darin als Verein organisiert und nutzten den archetektonisch streitbaren Betonklotz als Atelier, Ausstellungsraum und schufen mit der Blinzelbar einen Austauschort für interessierte Anwohner.

Frappant| Weblogy via flickr.com
Der sozial schwache Bezirk würde durch das Künstlerkollektiv belebt und durchmischt, meinen die Unterstützer des Projektes. Doch es gab wirtschaftlich ambitioniertere Pläne. Das Grundstück wurde im April für zehn Millionen an den IKEA-Konzern verkauft. Einzelhandel und Bezirksplolitiker sahen die Innenstadt gerettet, die Anrainer ihren Bezirk vor die Hunde gehen. Zu viel Lärm, zu viel Verkehr, Verdrängung von Kreativen und in späterer Folge durch die Umgestaltung steigende Mieten. Auch zahlreiche Kulturschaffende wandten sich in einem offenen Brief direkt an den IKEA-Gründer Ingvar Kamprad gegen die Ansiedlung einer weiteren Filiale.

Anrainerprotest| NullProzent via flickr.com
Aufgrund der zahlreichen Proteste kam es am 16. September zur öffentlichen Anhörung des einberufenen IKEA-Sonderausschuss. Während sich sowohl Befürworter als auch Gegner des IKEA-Bauprojekts angesichts lascher Aussagen zu Bauplänen und Verkehrsbelastung nicht ernst genommen fühlten, wirkten die lokalen Politiker und Konzernmanager heillos überfordert.
Mittlerweile reichte die Bürgerinitiative „Kein IKEA in Altona“ über 2.500 Stimmen gegen einen Frappant-Abriss beim Bezirksamt ein und erwirkte einen dreimonatigen Planungsstopp. IKEA selbst hält sich noch bis Ende Dezember die Option offen, aus dem Kaufvertrag und somit aus dem Projekt auszusteigen.

Aufkleber gegen IKEA| NullProzent via flickr.com
Fast hört man die duzfreudigen Obrigkeiten im Konzern rufen: „Hej – du, warum hast du uns nicht mehr lieb?“ IKEA fuhr seit langem mit seiner Unternehmensstrategie „wir sind die Guten in Blau-Gelb“ satte Gewinne ein. Deutschland war und ist einer der umsatzstärksten Märkte für das Großunternehmen, im vergangenen Jahr kauften 47 Millionen Deutsche bei IKEA ein. Weltweit erzielte der Konzern mit knapp 300 Filialen 21 Milliarden Euro Umsatz.
Doch im Fall Altona zeigt sich, dass für den Global Player IKEA der Riecher für Möbel-Trends nicht mehr ausreicht. Die Idee einer Cityfiliale als „Klotz im Kleinen“ ist eine städtebauliche Katastrophe. Wer wäre schon glücklich, wenn er einen 200 Meter langen und 30 Meter hohen Neubau vor der Nase hat, Autokolonnen und Abgase inklusive? Neben den Anrainern überging IKEA auch den Künstler-Verein, dem bisher keine sinnvollen Optionen auf eine neue Unterkunft unterbreitet wurden. Von wirtschaftlicher Seite dämmert es vielen Einzelhändlern, dass ein Zuzug des Möbelkonzern nicht mit mehr Kundschaft für sie einhergeht. Die Devise lautet: Alles unter einem Dach, alles von IKEA. Von der Duftkerze übers Billy-Regal bis zu den Köttbullar.

"IEAK" Street Artist Banksy verhöhnt die "massenkonforme Individualität" von Ikea| 303db via flickr.com
Angesichts des Traditionkonzeptes „Masse statt Klasse“ wird Konkurrenten, Lieferanten aber auch den eigenen Mitarbeitern kein Spielraum gewährt. Betriebsräte werden drangsaliert, Mitarbeiter bis zur völligen Erschöpfung eingesetzt. In Sachsen-Anhalt schloss ein Tochterunternehmen nach 27 Jahren Zusammenarbeit. Mit dem für den Export bestimmten „Billy“ ist Schluss. Zumindest in Deutschland, weiter geht es an einem slowakischen Standort. Die rund 250 Beschäftigten erfuhren vom Auftragsstopp zwischen ihrem Schichtwechsel.
IKEA leistet sich hingegen gern mal Spielraum. Zulieferbetriebe in Asien beschäftigen Kinder? Da wartet man erst mal die Beweise von NGOs und Presse ab, um dann das Vorgehen zu entschuldigen und als Einzelfälle darzustellen. Nachhaltigere Produkte? Man würde gern mit entsprechenden Lieferanten kooperieren, allerdings gebe es zum Beispiel in der Holzbranche zu wenig zertifizierte Rohstoffe. Vom „ökologischen“ Druck den IKEA dank seiner Marktstellung ausüben könnte, ist keine Rede.
Viele Maßnahmen, die IKEA in seiner Unternehmensphilosophie anführt, sind zum jetzigen Zeitpunkt bloße Absichtserklärungen, mit denen Kunden weiterhin das positive Image vorgegaukelt werden soll.
Doch wenn eben jene Kunden nach der billigsten Designermöbel-Kopien Ausschau halten und von Preisdrücker-Methoden vermeintlich profitieren, und wenn IKEA-Kritiker unisono als Wirtschaftsstandort-Killer und Unheilsbringer beschimpft werden, braucht Umdenken seine Zeit.
Zum Glück ist in Hamburg-Altona die Zeit reif.

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Super Artikel! IKEA weiß wirklich um die Blendung von Kunden. Zahlreiche Familien sehen einen Einkaufsbummel bereits als Familienausflug an – Mandeltorte, Pommes und Hot dogs für alle! Es wird wirklich Zeit, dass diesem Trend mal Schranken gesetzt werden!
naja…so ein IKEA mitten in der stadt, wär ja nicht übel. eben mal schnell hin, um vorhänge zu kaufen, oder bezahlbar möbel mit dem taxi direkt nach hause mitnehmen. immer, wenn ich dort hin fahre, fluche ich über die anfahrt.
Ja, vielleicht. Aber um welchen Preis denn? Jeder, der bereits in HH Altona war weiß, dass eine Künstlerinitiative dort besser aufgehoben wäre als ein klotziges, gelb-blaues Konsumgebäude.
[...] Sounds-like-me “…Die Idee einer Cityfiliale als „Klotz im Kleinen“ ist eine städtebauliche Katastrophe.” [...]