Laberflashmob
Die Twitterlesung ist sooo 2008. Oder zumindest 2009. Auf jeden Fall scheinen ihre Tage gezählt, schließlich ist die eigentlich grundgute Idee doch längst im Establishment angelangt – sagen manche. Ich nicht. Mir gefällt nach wie vor die Idee in minimalen Sinnzusammenhängen Qualitätstweets gut vorgetragen zu bekommen. Nur leider macht die Grüppchenbildung des re:publica-wir-kennen-und-bleiben-unter-uns-Mikrokosmoses es oft schwierig all dem zu folgen, was da – nicht nur im Rahmen von Twitterlesungen – auf den Podien und Podesten vorgetragen wird. Aber darum soll es jetzt ja nicht gehen.
“Nach Powerpoint-Karaoke und Domain Name Scrabble präsentiert die Zentrale Intelligenz Agentur mit dem Laberflashmob die Mutter aller Improvisationsformate. Debattierclub trifft Echtzeitweb: Der Laberflashmob ist eine Live Lecture Battle, bei der mehrere Teams gegeneinander antreten und jeweils zu einem Zufallsthema kollaborativ in einem SkypeIRC-Gruppenchat einen Vortrag schreiben. Dieser wird parallel zum Schreibprozess zeitgleich auf der Bühne von einem Team-Mitglied dem Publikum als Lecture vorgetragen. Eine hochkompetente Jury beurteilt gnadenlos Kohärenz der Argumentation, sprachliche Eloquenz sowie Gesamtperformance und kürt am Ende des Abends den Sieger.” (So die offizielle Ankündigung der Veranstalter unter dem Programmübersicht-tag “fun”)
Mit dieser Beschreibung ist eigentlich alles gesagt was man wissen sollte. Der Erfahrungswert des Abends ist dann auch ebenso kurz zusammengefasst: Die Jury rund um die grundtolle Kathrin Passig dürfte die amüsanteste in diesem Land sein – zumindest im Vergleich mit den ansonsten via TV bekannten Beurteilungslegasthenikern da draußen. Moderator Holm Friebe machte zumeist einen souveränen Eindruck – zumindest bis zu dem Punkt, wo die Organisation kurzerhand am Ende den Spieß umgedreht hat und das Saalpublikum ihm die Abschlussrede nach dem Spielprinzip “diktieren” durfte. Hier wurde zwar fließig in den (zwischendurch doch arg technikfehlerhaften) IRC-Chat getippt, nur mäßig unterhaltsam erzählt aber hat Friebe eher das, was sein Ego gerade von sich geben wollte. Macht ja nichts. Passt hervorragend zu einem Abend, der mit einer eigentlich ganz putzigen Nerdgeek-Idee ausklingen sollte, zwischendurch ja auch grandios funktionierte, aber insgesamt dann doch leider ein wenig in die “nicht sooo lustig” Hose ging. Auf hohem Niveau aber, wie man so sagt. Und: Leicht wurde es niemandem gemacht, gab es doch Gruppenthemenaufgabenstellungen mit Titeln wie:”Wearables: Intelligente Kühlschränke zum Anziehen”, “Runde Ecken, spiegelnde Flächen: What’s next im Web-Design?” oder “DOs and DON’Ts im Umgang mit Webprofilen verstorbener Mitmenschen”. Puh.
Ghostchatting und das entsprechende Vortragen leben dann eben doch von den Entertainer-Qualitäten der Beteiligten. So war es auch nicht weiter wunderlich, dass sich Nilz Bokelberg und sein zur Hälfte zumindest humorbrillierendes, twitter-geschultes Team mt weitem Abstand vor verquast-hilflosen Showamateuren durchsetzen konnte. (Aber hey, das liest sich nur deshalb so gemein, weil die Konkurrenz einfach zu gut war und zu viele Jahre Un-ter-hal-tung auf dem Buckel hatte!) Gleich wie: weiterdenken, bitte und nächstes Mal Skype benutzen, egal was der Techie-Berater sagt. Aber was laberflashmobbe ich hier…
P.S.: Tolle Amüsement-Bauchschmerzen hatte ich tatsächlich kurz beim Kalauer des Abends von Team 1, als der Vortragende aus einem “Zweitakt-Pionier” (denkt: Motoren!) durch aufgeregtes Flüchtiglesen ein “Zweit-Akt-Pionier” wurde (denkt: ach, ihr wisst schon!). Fun, fun, fun, oder: wie die Albernheit am Ende doch jeden Zweifel über das vertreiben kann, was die Konferenz einem bis zum Ende des zweiten Tages denn nun wirklich an neuen Erkentnissen gebracht hat.



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