Love all over – Scissor Sisters auf Heimatbesuch

July 16, 2010 | von Esther Harrison

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Nach ein wenig terminlichem Hin- und Her wurde das für den ursprünglich 9.7. angesetzte Konzert der “Scheren Schwestern” dann auf Dienstag den 13.7. verlegt. Man traf sich im Postbahnhof, der den nicht unerheblichen Vorteil des Innenhofs für sich verbuchen konnte.

Und so war das schräge und großartige Musikerkollektiv der Hidden Cameras, die das Vorprogramm bestritten zwar ein würdiger Start aber die meisten sammelten dann doch Kraft, Vorfreude und Sauerstoff, bevor der Abend beginnen konnte.Das Publikum quittierte ein Freund (selbst schwul) wie folgt, als er sich im Hof umsah: “Huch, ganz schön schwul hier” und löste damit einige Heiterkeit aus. Soviel neckische “Hot Pants mit Söckchen”- Kombis, wo sonst bekommt man das in solcher Pracht zu sehen? Und gibt es etwas Schöneres, als mit der liebsten Gayboyfriends-Clique zu einem Scissor Sisters Konzert im Hochsommer zu gehen?

Kurzer Rückblick: Die 5 New Yorker, die 2004 mit Ihrem großartigem, gleichnamigen Debüt mit Knallern wie “Tit´s on the Radio”, “Take your Mama”,  “Filthy Gorgeous” und natürlich “Comfortably Numb” den Soundtrack für einen endlos scheinenden Sommer lieferten. Sie verkauften damals über 1 Million Tonträger, wobei die Zusammenarbeit mit Kylie Minogue (”I believe in you”) wohl den entscheidenden Impuls für den Erfolg auch außerhalb es britischen Eilands gab.

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Das zweite Album “Ta-Dah” allerdings konnte nicht an das großartige Songwriting des Erstlings anknüpfen und so ist es herzergreifend sympathisch wenn man Jake auf der Bühne geschehen von dieser schweren Zeit in 2009 erzählen hört: Er erwachte eines Tages sprach mehr zu sich selbst: “Das ist alles nichts. Ich muss raus.” Und aus dem Hintergrund schreit Ana: ” The Album was shit!”
Jake berichtet über die Zeit, die er in Berlin verbrachte: “Es gab Nächte, in denen ich mir die tanzende Menge anschaute und bei diesem Anblick jegliches Gefühl für die Zeit verlor. Ich hätte nicht einmal sagen können, in welchem Jahrzehnt wir uns gerade befanden”
Und so ist das neue Album “Night Work” Ergebnis dieser Phase: Eine absolute und konsequente Weiterentwicklung und eine tanzbare Sensation. Mit Killertanzschrittbeats, die aus den verschiedensten Dekaden stammen könnten. Die erste Single ist dann auch gleichzeitig die “einfachste” wenn wir über “Singlemerkmale” sprechen, die heutzutage so maßgeblich und doch bedenklich scheinen.

Scissor Sisters “Fire with Fire”.

Nicht zu vergleichen mit “Invisible Lights”, von dem es leider noch kein Video gibt.

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Jake: “Die Platte ist einfach nur ein Traum. Sie vereint all das, woran wir uns früher vergeblich die Zähne ausgebissen haben.”
Das Album kam am 10.6.2010 auf den Markt und man kann es nicht oft genug sagen: Jeder der hierbei nicht ins “wippen” gerät, ist entweder taub oder tot. Soviel dazu.

Als gegen Ende mit der Zugabe der neue Song “Invisible Lights” kommt, scheinen alle absolut entfesselt. Sich selbst und allem um sich herum bewusst, mit allem und jedem verbunden und doch gleichzeitig ein sinnliches Einzelteil für sich. Für jeden, der nicht dabei war, mag sich das etwas befremdlich anhören aber ich kann mich nicht erinnern wann ich das letzte Mal unmerklich in so einem Gefühlszustand “getanzt” hätte. Fast schon instinktiv, archaisch wie der höchstpersönliche Vodooclan in your tummy, brain and heart. Und so bringen die Scissor Sisters die Crowd im wahrsten Sinne des Wortes mit jedem Song unbeirrt zum Rasen. Wie aufgepeitschte Wellen- die Hände in der Luft.

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“Put on your dancing shoes filthy old party children, we are scissors sisters and so are you!”

Wie soll man eine Scissor Sisters-Show am besten beschreiben, als mit großartiger Bühnepräsenz und bis ins letzte Detail gelebtes Posing und Lyrics.
Doch die Intensität liegt auch an etwas anderem: Es ist nicht irgendein Konzert, sondern jenes, das in Berlin stattfindet. Von Song zu Song stieg nicht nur die Temperatur, sondern ebenso die Verbundenheit dieser Band zu ihrem Berliner Publikum und umgekehrt. Die Berliner und die Scissor Sisters, das ist Familie. Eine Lovestory die als Radiokonzert vor 100 Fans 2004 begann, ihren wohl vorerst kommerziellsten Höhepunkt 2006 mit der Singleauskopplung “I don´t feel like dancing” in der ausverkauften Columbiahalle hatte und jetzt wieder ein Stück intimer, vertrauter, herzlicher, aber eben auch anspruchsvoller, musikalisch aufregender und schmutziger geworden ist.
Und so überrascht es nicht, dass der Überraschungs DJ auf der Aftershowparty im Bang Bang Club, Jake himself ist, der schon da ist als wir eintreffen.

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Und Ana findet man eine halbe Stunde später ausgelassen auf der Tanzfläche. Ähnlich präsentieren sich beide auch im Gespräch: Unprätentiös, herzlich, offen und direkt. Die Backstage-Pässe werden direkt nach der Show zu Requisiten. Backstage? Brauchen die New Yorker nicht, sie mischen sich lieber unter die Leute. Denn sie sind ja in Berlin. Also irgendwie zuhause. Bei der Familie, die sie glücklich an alle Busen und äh… Bälle drückt.
Und als kleine, letzte Randnotiz: Der Bang Bang Club war mit circa 30-50 Gästen angenehm gefüllt, alles also intim und nah. Michael Stipe von R.E.M. hing da auch irgendwo rum. Mittendrin. Das ist halt Berlin, wa?

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