Meine kleine deutsche Toleranz

October 23, 2009 | von Judith Marthaler

i see the world in two dimensions Meine kleine deutsche Toleranz

Er Kurde, ich Deutsche; zusammen: beste Freunde. Gefühlt sind Mehmet und ich eine verschworene Gemeinschaft für die Ewigkeit. Mit allem, was dazu gehört. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt waberten wir uns ins Erwachsenwerden. Mal eng, mal weit zueinander – jeder jedoch mit seinem eigenen Leben unweigerlich in das des anderen verwoben. Treu zur Seite, hart in der Kritik, ehrlich in den Worten und herzlich im Sinn, die Liebe im Gepäck. Beste Freunde, nicht nur beste, sondern BESTE eben.

Was kann da noch passieren?
„Ich heirate meine Cousine. Nächsten Monat“. Das kann passieren.

„Erst einmal standesamtlich, im Sommer dann richtig.“ Meine Fingernägel sind mal wieder nicht sauber, bemerke ich beim Senken meines Blickes. Ich fühle mich fehl am Platz.  Das „Wo“ ist schnell geklärt, in der Osttürkei selbstverständlich. Die Familien haben bereits alles arrangiert. Ja, und Liebe ist es auch. Meine Millionen und Abermillionen Warums bleiben unbeantwortet. Als beste Freundin habe ich schließlich das Recht, es als Erste zu erfahren. Wow.

Geich treffen wir die anderen. Den Freundeskreis. An ihren Blicken erkenne ich, dass ich nicht alleine bin mit diesem dumpfen Gefühl, meinen besten Freund nicht mehr zu kennen. Seit seinem achten Lebensjahr wohnt Mehmet nun ich Deutschland und lebt seit ich ihn kenne als Alewit so westlich, als gäbe es kein Osten. Nein, das ist jetzt übertrieben. Aber Ihr wisst schon, was ich meine. Kulturelle Differenzen waren nie ein Problem. Die kleinen Unterschiede eher bereichernd. Große gab es nicht. Schule, Studium, steile Architektenkarriere. Mehmet wollte es zu etwas bringen und hat es weiter gebracht als jeder vor ihm in der Familie. Internationale Bauherren stolpern nicht mehr über seinen Namen, sondern klopfen an die Tür. Deutscher ist er seit einigen Jahren auch auf dem Papier.

„Kennst du sie überhaupt?” Mehmet murmelt etwas von “früher” und einem überraschenden Wiedersehen in der Türkei mit Schmetterlingen im Bauch. Er ist 35. Sie, die unbekannte Cousine, 33. Zusammen sind sie die ältesten Unverheirateten im Clan. Würde ich die Familie nicht kennen, ich würde an ein Arrangement denken. Ach was, daran denke ich. Und fühle mich ganz schrecklich in dieser diffusen Wolke Unverständnis. „Stehst du hinter mir?“. „Habe ich eine andere Wahl?“, denke ich und fühle mich zum ersten Mal ausgeschlossen aus unserer Freundschaft. „Bist du glücklich?“, frage ich stattdessen.

Ein halbes Jahr später kann mir Mehmet die Frage nach dem Glücklichsein immer noch nicht beantworten. Nun, er war noch nie der Mann der großen Gefühlsduseleien. In jedem unserer Gespräche pieke ich mitten rein ins Thema Liebe und Hochzeit und er weicht aus. Ich möchte verstehen. Und er sich nicht erklären müssen. Man lerne sich übers Telefon kennen. Geheiratet wurde ja schon auf dem Papier und in wenigen Wochen dann die große Feier in der Osttürkei. Schon aufregend das alles. Die Entscheidung sei sowieso getroffen und jetzt werde was daraus gemacht.

Keiner der Freunde fliegt mit. Alleine will ich da auch nicht hin. Von den 600 Gästen kenne ich maximal 9. Mehmet hat es geahnt. Mündlich wurde längst eingeladen. Die Einladungen überreicht er uns eine Woche vor dem Freudenfest. Er fühlt sich im Stich gelassen. Ich mich auch. Zum ersten Mal seit 20 Jahren verstehe ich meinen besten Freund nicht. Soll er mal machen. Das letzte Telefonat vor Abflug ist unbefriedigend. Er hat Angst. Ich kann sie ihm nicht nehmen. Habe ja selbst keine Ahnung, was und wer da auf ihn zukommt.

3 Monate später kommt die Cousine, die Frau meines besten Freundes, nach Deutschland. Mehmet hat eine Wohnung gekauft und arbeitet viel. Wie immer. Wir Freunde organisieren das Begrüßungsfest in Deutschland. Im engen Kreis. Man will sie und sich ja nicht überfordern. Ich bin aufgeregt. Wäre ich Aura-Leser, würde ich Rosa mit silbernen Kugelblitzen sehen. Mehr verliebt geht nicht. Sie sehen sich ähnlich. Ansonsten ist alles anders. Die Cousine, nun Ehefrau, ist kein Phantom. Sie ist cool und heißt Savin. Die Frauen finden sie smart, die Männer heiß.  Und der Immigrationskurs nervt ein bisschen. Da sitzen Leute, die sich mit dem Deutsch lernen so schwer tun, dass es zu langsam geht. Ach ja, Freunde, Job und Wohnung zurückzulassen war nicht leicht. Aber, die Liebe eben. Dafür lohnen sich doch auch Opfer. Und überhaupt, das Leben gehe ja jetzt weiter. In Deutschland. Und das Land, von dem sie so viel hörte, sei doch ganz anders, als sie dachte. Freundliche Menschen.

Ich muss zugeben: Ich war auf Klischees gefasst und begreife, an welch eng gefasstem Tellerrand meine kleine deutsche Toleranz eigentlich endet. Savin passt in keine Schublade. Mit Händen und Lachen geht es im türkischdeutschenglischen Kauderwelsch durch den Abend. Mehmet ist stolz auf seine Frau. Ich bin stolz auf ihn. Sie ist die Beste – zumindest von denen, die mir in den Jahren zuvor präsentiert wurden.

Und jetzt könnte fast das „und wenn sie nicht gestorben sind, dann…“ kommen. Doch rührig ist es nicht. Sondern einfach nur normal. Wir haben wieder zurückgefunden in die alte Unbefangenheit. Es gehe ihnen gut zusammen, aber es gäbe viel Arbeit miteinander, erzählt mir Mehmet. Erst jetzt bemerkt er, wie deutsch er und wie kurdisch sie sei. „Man muss den anderen dort abholen, wo er steht.“ Kulturelle Unterschiede sind die große Herausforderung. Sie arbeiten viel aneinander, am Gemeinsamen. Man müsse sich gegenseitig viel erklären. Aber das ist ja in jeder Beziehung so. „Vor allem in Kurdisch-Deutschen“, sagt er und lacht. In Sachen Toleranz habe ich meine Lektion gelernt. Und er macht jetzt die Übungsrunde im Erklären. Nicht bei mir, aber das ist auch nicht mehr notwendig. Mal sehen, ob wir aus der nächsten kulturellen Rumpelei eine Kür machen können. Übung macht ja bekanntlich Meister…

1 Star (10)
Loading ... Loading ...

3 KOMMENTARE

  1. Meine Liebe Judith,

    Chapeau! … großartig geschrieben und zum Nachdenken is auch was dabei. Danke

    Lieben Gruß britt

  2. Toller Artikel! gut zu wissen, welche Erfahrungen andere im multikulti Miteinander machen und dass die Wege doch immer wieder zusammen kommen…. Danke!

  3. Doris:

    Liebste Judith,
    ein toller Artikel mit tiefem Blick in Dein Herz. Ebenso schaust Du Deine Mitmenschen an, fühlst mit Ihnen. Schön …
    Doris

Kommentar verfassen