Ein Jahr Missy Magazine

October 18, 2009 | von

Ein Jahr Missy Magazine. 10 Fragen und hier die Lieblingslinks von Stefanie Lohaus, Chris Köver und Sonja Eismann, den Köpfen hinter dem jungen Popkultur-Magazine für Frauen, von Frauen. Missy Magazine whats wrong with the zoo Judith Marthaler Ein Jahr Missy Magazine

Das Missy Magazine feiert im Oktober seinen ersten  Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch.
Was ist das Fazit eures ersten Missy-Jahres?

Das erste Missy-Jahr war wirklich sehr aufregend. Am Anfang haben wir ja unglaublich viel Aufmerksamkeit durch die Presse bekommen, was uns sehr geholfen hat. Ansonsten war es eine tolle Erfahrung, zu merken wie sich das Magazin entwickelt, immer besser wird, wie sich Abläufe einspielen. Und wir bekommen ja auch immer noch begeisterte Mails von Leserinnen, die uns gerade entdeckt haben und die sehr froh sind, dass es uns gibt! Das gibt uns immer wieder neuen Mut.

Was war in den vergangenen 12 Monaten die größten Herausforderungen für euch und wie habt ihr sie gemeistert?
Nicht so schön war die Anzeigenkrise, die ja alle Magazine voll erwischt hat. Das ist natürlich hart, vor allem wenn man wie wir am Anfang steht und keinen großen Verlag im Rücken hat. Wir hoffen, das sich das im nächsten Jahr entspannt, aber wirklich gemeistert ist die Krise wohl noch nicht…

Wie fühlt es sich an, das eigene Magazin am Kiosk zu sehen? Und überhaupt, wo sortieren die Kioskbetreiber das Missy Magazine eigentlich ein?
Ja, das ist schon ein tolles Gefühl, etwas zu machen, was auch nach außen gesehen wird. Auch wenn es natürlich anstrengend, wenn alle möglichen Leute eine Meinung haben, die sie dir kundtun möchten, auch wenn du es selbst gerade gar nicht hören magst…
Mit dem Einsortieren ist das so eine Sache: Meist stehen wir neben den Musikzeitschriften oder Magazinen für junge Erwachsene, wie Neon oder Zeitcampus. Aber oft sortieren uns die Kioskbesitzer auch neben die anderen Frauenmagazine, was uns gar nicht so passt. Meine Mutter hat die Missy sogar mal aus der Pornoabteilung geholt! Naja, das mit dem Einsortieren scheint wohl eine schwierige Angelegenheit zu sein. Sowas wie Missy gab es in Deutschland halt bislang noch nicht.

Hat sich das Missy Magazine im Laufe des Jahres weiter entwickelt? Wenn ja, wo und inwiefern? Wenn nein, weshalb war keine  Weiterentwicklung notwendig?
Im großen und ganzen verfolgen wir denselben Ansatz, wie am  Anfang, nämlich ein Popkulturmagazin für Frauen zu machen. In den Details probieren wir uns allerdings noch aus, also welche Themen werden wir stark gewichtet wie anspruchsvoll oder akademisch dürfen die Artikel sein,wieviel Wissen können wir vorraussetzen, wie können wir die einzelnen Ressorts  qualitativ verbessern.
Ich würde sagen, wir entwickeln uns ständig weiter,  so gut wir können.Die größte Baustelle sehe ich im Moment im Modeteil, da müssen wir uns  noch klar werden, was wir damit genau wollen. Den Reviewteil, aber  auch die Dossierts finde ich selber schon sehr gelungen. Ich weiß aber nicht wie die Leserinnen das sehen…

“Dieses Heft ist eine Anmaßung”. Im letzten Jahr habt ihr  das Missy Magazine unter anderem mit diesem Satz angekündigt. Ist es  tatsächlich eine Anmaßung? Wenn ja, für wen und weshalb?
Der Satz stammt aus unserem ersten Editorial. Wir selber haben uns damals so empfunden. Wir haben ja nur mit einer Idee, ohne große Vorerfahrung und ohne große Mittel angefangen, das Konzept zu entwickeln und umzusetzen.
Immer mit dem Hintergedanken: Das wird ein Magazin für Frauen wie uns. Dabei haben wir uns sozusagen als Sprecherinnen für eine Gruppe von Frauen definiert, ohne vorher zu Fragen, ob es die überhaupt gibt und ob es gewünscht ist. Und natürlich gab es da viele Diskussionen und viele Unsicherheiten, ob wir das alles so richtig machen. Aber im Endeffekt hat dann auch erstmal der Stolz über die erste Ausgabe überwogen. Auch wenn ich die erste Ausgabe selbst heute stellenweise furchtbar finde – aber das ist ja wohl immer so bei Erstlingswerken… Naja, mittlerweile finde ich Missy gar nicht mehr anmaßend.

Gab es eigentlich Reaktionen der Alt-Feministinnen auf das  Missy Magazine? Wenn ja, welche? Und überhaupt, wie fandet ihr sie?
Also, die Emma hat uns, sagen wir mal wohlwollend, vielleicht etwas “altmütterlich” aufgenommen. Und Alice Schwarzer hat uns mal in  einem Interview im österreichischen Fernsehen genannt. Auf Konferenzen  treffen wir ja auch oft mit Feministinnen unterschiedlicher  Generationen zusammen. Die meisten älteren Frauen, die ich  kennengelernt habe, sind ziemlich begeistert, auch wenn ich teilweise erstmal erklären muss, wie der Feminismus in Missy funktioniert. Allgemein habe ich aber das Gefühl, das es diesen feministischen Generationenkonflikt gar nicht wirklich gibt. Es gibt eher Konflikte unterschiedlicher Gruppen von Feministinnen, egal welchen Alters.

Im Missy Magazine bringt ihr Popkultur und feministisches Bewusstsein zusammen und alle nennen diese Verbindung Popfeminismus.  Sonja Eismann erklärte in einem Interview, ihre Idealvorstellung von  Popfeminismus sei die Kritik von Popkultur mit feministischen Mitteln. Abgesehen davon, dass ihr im Missy Magazine überwiegend weibliche  Stimmen zu Wort kommen lasst und den klassischen Tussi-Themen  abschwört- Wie begegnet ihr diesen Anspruch inhaltlich?
Auf mehreren Ebenen. Zum einen passiert das ganz spielerisch in Rubriken wie den “Lieblingsstreberinnen”, in denen wir die unpopulären weiblichen Charaktere aus Serien vorstellen und zu Heldinnen erklären.  Eine sehr unterhaltsame Rubrik. Dann analysieren und kritisieren wir die Geschlechterverhältnisse im Pop. Zum Beispiel hatten wir einen  Artikeln dazu wie ältere Frauen im Popbusiness wahrgenommen werden, im nächsten Heft gibt es einen Artikel zu Frauen im Heavy Metal. Dann  wollen wir auch ganz klar sowas wie Frauenförderung betreiben, vor und hinter den Kulissen des Popbusiness, z.b. in unserem Dossier zu Frauen im Musikbusiness.
Da haben wir Frauen vorgestellt, die in verschiedenen Berufen  arbeiten, z.B. Andrea Wünsche von Magnet Booking oder die Frauen von Ruby Tuesday, die das erste Girls Rock Camp in  Deutschland ausgerichtet haben.

In der Vergangenheit musste sich das Missy Magazine auch  kritischen Stimmen stellen, die schrieben, dass das Magazin zwar  „gute, erste Denkanstöße“ liefere, frauenrechtlich jedoch wenig  progressiv sei. Nicht zuletzt, weil Feminismus weniger in den  politischen, als in den popkulturellen Kontext gesetzt werde und  Fortschritt nicht im Dialog mit Männern gestaltet, sondern durch  Abgrenzung aufgehalten werde. Ist diese Kritik berechtigt?
Nein, diese Kritik halte ich nicht für gerechtfertig. Politik  wird ja nicht nur im Parlament oder auf der Straße gemacht, sondern auch im Alltag. Uns war es wichtig ein Magazin zu machen, nach dessen  Lektüre Frauen sich inspiriert und stark fühlen, mit dem Gedanken,  “Hey, ich kann die Welt verändern”. Und nicht: “Hey ich muss in Fitnessstudio.” Und wenn ich mir überlege, wieviele Leserinnen sich bei uns melden mit Themen, die sie bewegen, muss ich sagen,  das das schon funktioniert, dass Frauen sich inspiriert fühlen für sich zu sprechen.

Wir ersetzen damit keine politische Auseinandersetzung mit gesellschaftliche Themen, und wir finden auch nicht das die “harte Politik” unnötig wäre. Aber mit Print- und Onlineangeboten wie der Emma, mädchenmannschaft.net oder diestandard.at gibt es einige feministische Medien, die sich explizit damit auseinandersetzen.
Den Vorwurf mit der “Abgrenzung  gegen Männer” habe ich nie so richtig verstanden. Ich habe manchmal das ungute Gefühl, dass die Kritikerinnen ihre Hausaufgaben nicht ordentlich machen und sich auch nicht wirklich mit  dem Heft auseinandersetzen, wenn sie etwas schlechtes schreiben wollen. Wir haben ja durchaus auch männliche Mitarbeiter, wir stellen Männer im Heft vor… Vor allem die Rubriken, wo man  klassischerweise Frauen vermutet, wie das Eltern-ABC besetzen wir gerne auch mit männlichen Autoren.
Und wir haben auch einige männliche Leser und Fans, wir wir erfreut  festgestellt haben.

Ihr habt euch dafür entschieden, ein Print-Magazin  herauszugeben obwohl es wesentlich einfacher und günstiger gewesen  wäre, das Missy Magazine ausschließlich online zu publizieren.  Weshalb habt ihr euch für Print entschieden? Würdet ihr diese  Entscheidung heute noch einmal so treffen?
Wir sind selbst totale Printfans und wollten etwas machen was haptisch ist, was man sammelt,  was etwas besonderes bleibt. Wir  glauben an Print! Online wäre Missy doch erstmal ein beliebiges Angebot unter vielen geblieben und hätte bestimmt nicht die Aufmerksamkeit erreicht, die wir mit dem Heft hatten. Auch wenn Print schwierig zu finanzieren ist – Online Content zu finanzieren ist im Moment auch nicht einfacher, insbesondere wenn man seine Inhalte nicht verkaufen will. Da sind wir sehr streng, denn wir glauben, das  man die Leserinnen ernst nehmen sollte. Und die merken sehr schnell,  wenn sie Advertorials untergejubelt bekommen sollen.

Zu guter letzt selbstverständlich noch die Frage nach der  Vision. Welche Entwicklung wünscht ihr euch für das Missy Magazine  und wo seid ihr in 5 Jahren wenn eure kühnsten Träume Realität  werden würden?
Wir planen natürlich die Weltherrschaft. Rupert Murdoch sollte sich warm anziehen, wenn wir in ein paar Jahren auch noch die Missy-Radiostation  und Missy-TV zum Erfolg gebracht haben….
Nein, im Ernst, ich freue  mich, wenn wir auf soliden Beinen stehen, und uns und ein paar Mitarbeiterinnen ein kleines Auskommen haben, wenn wir neben Print auch noch eine gut besuchte Online-Plattform bieten können.

Die Köpfe hinter dem Missy Magazine:
Missy Magazine Ein Jahr Missy MagazineVon links nach rechts: Stefanie Lohaus, Chris Köver und Sonja Eismann.
Vielen Dank an Stefanie Lohaus, die sich meinen Fragen angenommen hat.

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1 KOMMENTAR

  1. [...] so.« über das Magazin. Außerdem blickt Stefanie Lohaus, ebenfalls eine der Herausgeberinnen, im Interview mit Judith Marthaler auf die letzten zwölf Monate [...]

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