Panorama und Hain – neue Platten von Efdemin und Marcel Dettmann

May 22, 2010 | von

Zwei der wichtigen Elektro-Musiker des Landes haben neue oder gar erste Alben herausgebracht. Sie klingen – Achtung: These! – wie Berghain vs. Panorama-Bar: schabender, knarziger, repetitiver Techno einerseits – federnder, eleganter House anderseits. Das ist natürlich stark vereinfacht, aber ein bisschen stimmt es schon. Zwei Seiten des selben Clubs, der selben Stadt, des selben Musik. Mit Nähen, Überschneidungen, Spiegelungen, aber eben ganz anders.

MD4 by Sven Marquardt KL Panorama und Hain – neue Platten von Efdemin und Marcel Dettmann

Der Fast-Berliner Marcel Dettmann (Fürstenwalde) wurde nach eigener Auskunft mit EBM und 90er-Jahre-Techno sozialisiert. Das merkt man nicht nur seinen härteren DJ-Sets, seinen EPs und Samplern an – auch sein erstes Album ist dominiert von spröder Maschinenmusik, die nichts anderes will, als den reinen Loop auszustellen: knisternd, schabend, reduziert, mikroskopisch variiert in seiner strukturellen Unendlichkeit. Keine Pop-Allüren, keine Kompromisse.

Der leicht verlangsamte Beat funktioniert nicht nur im kirchenschiffartigen Raum des Berghain, dessen Betonwände solche Klänge – akustisch und ästhetisch – geradezu provozieren. In Zeiten, zu denen das Album als Format immer wieder totgesagt wird, versucht die Platte natürlich mehr zu machen als eine dancefloor-taugliche Nummer an die nächste zu nähen. Eine Nacht im Berghain in short zu simulieren, das hat Dettmanns Mix für den Club zu Recht getan. Hier geht es ums Konzept.

Marcel Dettmann Dettmann Panorama und Hain – neue Platten von Efdemin und Marcel Dettmann

„Dettmann“ (Ostgut Ton) zeichnet sowas wie die Architektur des Clubs selbst nach. Die Schleifen und Loops, ihre Wiederholungen und Variationen, schieben sich zu einem Sound zusammen, der selbst nach Beton klingt, nach Metallrohren und Gittern, nach Schweiss, ja – aber Schweiss, der eine Stahlwand runterläuft. Die kühlen Schichtungen der Samples produzieren auf eine unpathetische Weise Pathos. Das kaputte, klare Industriepathos Berlins.

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Efdemins zweites Album „Chicago“ (Dial) dagegen führt die Stadt, in der House groß wurde, nicht nur im Titel. Es ist kein Konzeptalbum, tappt in keine Retrofalle. Die pochende Eleganz, mit der hier Keyboard-Flächen und klickende Percussion über die warme Bassdrums gebaut werden, ist aber schon eine kleine Hommage. Ein Echo im Gegenwärtigen, in Efdemins eigenem, genau designtem Klangkosmos. Eine Neu-Erfindung dessen, was House sein kann.

Efdemin Chicago Cover 400x397 Panorama und Hain – neue Platten von Efdemin und Marcel Dettmann

Natürlich ist auch Efdemin gern gesehener DJ im Berghain. Er legt aber meist in der helleren Panorama-Bar auf, in die der Lichtmischer auch mal per Knopfdruck Tageslicht durch die Jalousien schießen lassen kann. Hier tummeln sich eher die gemäßigteren Damen und Herren der Nacht. Natürlich sind die musikalischen Grenzen dabei fließend, wie auch die Leute vom Berghain in die Panorama Bar und zurück pendeln.

Auf seinem zweiten Album weitet der Wahlberliner Efdemin seine Palette ans Sounds, Gesten und Referenzen nach dem selbstbetitelten Vorgänger weiter aus. Vom Afterhour-Dub-Pluckern („Nothing is Everything“) über die hüpfenden 4/4 einiger Peaktime-Nummern bis zu etwas, das in den Piano-Läufen schon in Richtung Jazz ausfranst („Oh my God“) reicht die Spannbreite. Dass das alles nicht in eine Nummernrevue zerfällt, ist eine der großen Künste des Mannes.

spexlive efdemin KL Panorama und Hain – neue Platten von Efdemin und Marcel Dettmann

Sagen wir doch  zusammenfassend: Efdemin ist – Achtung: Bildungsbürger-Analogie! – eher Beethoven, Dettmann eher Bruckner.

Strukturen, die sich in ihrer Vielfalt aus wenigen melodischen und rhythmischen Keimzellen entwickeln, das aber völlig vergessen lassen, beim einen – das Beharren auf dem Hörbaren der Reduktion beim anderen: eine Musik, die mehr Architektur ist als Bewegung, mehr Cluster als Melodie.

Man höre sich etwa Dettmanns „Irritant“ an im Vergleich mit „Night Train“ von Efdemin. Wie beide von ähnlichen Situationen ausgehend ganz unterschiedliche Musik entwerfen. Allein schon der Sound der Bassdrums! (Vergleiche auch die Plattentitel, die Cover.)

Der Sound der Bassdrum. Vielleicht geht es im Kern ganz einfach darum. Um ihre Kontur, ihre Schweree, ihren Kick. Wie er in den hörenden, den tanzenden Körper fährt.

(Foto Dettmann: Sven Marquardt / Foto Efdemin: Yasmina Haddad)

Panorama und Hain – neue Platten von Efdemin und Marcel Dettmann

Zwei der wichtigen Elektro-Musiker des Landes haben neue oder sogar erste Alben herausgebracht. Sie klingen – Achtung: These! – wie Berghain vs. Panorama-Bar: schabender, knarziger, repetitiver Techno einerseits – federnder, eleganter House anderseits. Das ist natürlich stark vereinfacht, aber ein bisschen stimmt es schon. Zwei Seiten des selben Clubs, der selben Stadt, des selben Musik. Mit Nähen, Überschneidungen, Spiegelungen, aber eben ganz anders.

Der Berliner Marcel Dettmann

http://www.myspace.com/marceldettmann

wurde nach eigener Auskunft mit EBM und 90er-Jahre-Techno sozialisiert. Das merkt man nicht nur seinen härteren DJ-Sets, seinen EPs und Samplern an – auch sein erstes Album ist dominiert von eher spröder Maschinenmusik, die nichts anderes will, als den reinen Loop auszustellen. Knisternd, schabend, reduziert, mikroskopisch variiert in seiner Unendlichkeit. Keine Pop-Allüren, keine Kompromisse.

Der verlangsamte Beat, den Dettmann als Resident-DJ im Berghain miterfunden hat, funktioniert nicht nur im kirchenschiffartigen Raum des Clubs, in dem schnellere Sachen leicht verwaschen würden, deren Betonwände solche Klänge – akustisch und ästhetisch – geradezu provozieren. Auch der Aufbau der Platte versucht, in Zeiten, zu denen das Album als Format immer wieder totgesagt wird, mehr zu machen als eine dancefloor-taugliche Nummer an die nächste zu nähen. Eine Nacht im Berghain simulieren, das hat Dettmanns Mix für den führenden Club Europas zu Recht versucht. Hier geht es ums Konzept.

„Dettmann“

http://www.laut.de/Marcel-Dettmann/Dettmann-(Album)

zeichnet sowas wie die Architektur des Clubs selbst nach. Die Schleifen und Loops, ihre Wiederholungen und Variationen, schieben sich in einem Sound voran, der selbst nach Beton klingt, nach Metallrohren und Gittern, nach Schweiss, ja – aber Schweiss, der eine Stahlwand runterläuft. Kühle Schichtungen von Sounds und Samples produzieren auf eine unpathetische Weise Pathos – das kaputte, klare Industriepathos Berlins.

Efdemins

http://www.myspace.com/efdemin

zweites Album „Chicago“ dagegen führt die Stadt, in der House groß wurde, nicht nur im Titel. Es ist kein Konzeptalbum, tappt und keine Retrofalle – die pochende Eleganz, mit der hier Keyboard-Flächen, klickende Percussions über die warme Bassdrums geschichtet werden, ist aber schon eine kleine Hommage. Ein Echo im Gegenwärtigen, in Efdemins eigenem, wie immer genau designtem Klangkosmos.

Natürlich ist auch Efdemin gern gesehener DJ im Berghain – er legt aber meist in der helleren Panorama-Bar auf, in die der Lichtmischer auch mal per Knopfdruck Tageslicht durch die Jalousien schießen lassen kann. Hier tummeln sich die gemäßigteren Damen und Herren der Nacht, hier geht es eher housig zu. Natürlich sind die musikalischen Grenzen dabei fließend, wie auch die Leute vom Berghain in die Panorama Bar und zurück pendeln.

Auf seinem zweiten Album weitet der Wahlberliner Efdemin seine Palette ans Sounds, Gesten und Referenzen aber nach dem selbstbetitelten Vorgänger weiter aus. Vom Afterhour-Dub-Pluckern („Nothing is Everything“) über die hüpfenden 4/4 einiger Primetime-Nummern bis zu etwas, das in den Piano-Läufen schon in Richtung Jazz ausfranst („Oh my God“) reicht die Spannbreite. Dass das alles nicht in eine Nummernrevue zerfällt ist eine der großen Künste des Manns.

Sagen wir zusammenfassend: Efdemin ist – Achtung: Bildungsbürger-Analogie! – eher Beethoven, Dettmann eher Bruckner. Strukturen, die sich in ihrer Vielfalt aus ganz wenigen melodischen und rhythmischen Keimzellen entwickeln, das aber völlig vergessen lassen, beim einen – das Beharren auf dem Hörbaren der Reduktion beim anderen, der Versuch, eine Musik zu schaffen, die mehr Architektur ist als Bewegung, mehr Cluster als Melodie. Man höre sich etwa Dettmanns „Irritant“ an im Vergleich mit „Night Train“ von Efdemin; wie beide von ähnlichen Situationen ausgehend ganz unterschiedliche Musik entwerfen. Allein schon der Sound der Bassdrums!

Der Sound der Bassdrum. Vielleicht geht es im Kern ganz einfach darum. Um ihre Kontur, ihren Kick, ihren Klang – wie er in den hörenden, den tanzenden Körper fährt.

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