Auf den ersten Blick

December 24, 2009 | von Hendrik Spree

Mal etwas zu meinem Arbeitsweg, ich bin nämlich äußerst selten Heimoffizier und in szenigen Cafés mit W-LAN kann ich auch nicht schaffen. Also fahre ich von montags bis freitags morgens mit der Bahn durch halb Köln, von der Südstadt inklusive Rheinüberquerung nach Köln-Mülheim. Und abends fahre ich wieder zurück. Die Strecke vom Büro nach Hause dauert mit einem Mal Umsteigen etwa eine knappe Dreiviertelstunde. Das mache ich jetzt seit anderthalb Jahren, aber so kurz vor Weihnachten – sensibilisiert für Zwischenmenschliches -ist mir dabei erstmals etwas aufgefallen. Leser in Zeiten des Tauwetters können somit aufatmen, die Aufregerei über ein schneewetterbedingtes Verkehrschaos ist hier kein Thema.

Glatteiswitze gibt’s woanders. Ich habe vor ein paar Tage schon direkt dazu einen Tweet abgelassen, den ich wegen des 140-Zeichenlimits leider so zusammenkürzen musste, dass vom eigentlichen Unbehagen der Situation nicht mehr viel übrig geblieben ist. Schon da ist mir klar gewesen, darüber kann man sich länger auslassen, plus einem Tag Bedenkzeit wird das hiermit getan.

Wie getwittert, bin ich ausnahmsweise mal ohne irgendeine Tasche aus dem Haus gegangen, keine Zeitung unter dem Arm, nichts. Ich bin auch in der Agentur leger gekleidet – Turnschuhe, Jeans, Pullover – und somit nicht durch Blaumann oder Uniform beim innerstädtischen Pendeln als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung zu erkennen gewesen. Die Tatsache, dass da jemand während des morgendlichen Berufsverkehrs die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt, scheint besonders Anzug tragende Sparkassenangestellte offenbar ziemlich stark zu irritieren.

“Vielleicht Anfang dreißig? Der Kerl ist eigentlich schon zu alt, um noch zu studieren. Die Beats im Kopfhörer sind nicht laut genug, um ihn anhand der Musik zu stereotypisieren. Gut, Dreitagebart; doch wirklich ungepflegt sieht er ja nicht aus. Termin beim Amt? Aber wo sind dann die Papiere, mit denen Hartz4er so gern wichtig vor sich her wedeln? Naja, wenigstens hat er keine Fahne und morgens um halb neun schon ein Bier in der Hand.” Und dass ich mit meinem Handy etwas anderes tun könnte als “dumm rumdaddeln”, dass kommt den meisten Spießergesellen auch nicht in den Sinn. Dabei habe ich schon die Headlines auf spiegel.de überflogen, ein paar Artikel angerissen, den RSS-Reader leer gelesen und die Timeline nachgeholt, während Unterhäuptling Seitenscheitel mir gegenüber seit zehn Haltestellen zu verbergen versucht, dass er gar nicht die Nachrichten auf der Titelseite liest, sondern zwischen seinen abwertenden Blicken in meine Richtung, nur dem Seite-1-Girl auf die Titten glotzt.

So ist das in Köln.

Wie man Leute nach einem Blick einordnet, abstempelt, aussortiert. Okay, ich gehöre auch zu den Leuten, die sich darüber aufregen können, dass Rentner mit ihrer unermesslichen Freizeit unbedingt frühmorgens die Wartezimmer von Allgemeinmedizinern verstopfen und scheinbar ausnahmslos samstags zum Frisör gehen. Aber was rege wiederum ich mich auf? Weil wir zum Fest der Liebe alle schön versöhnlich gestimmt sind, kommen wir also für ein paar Tage runter und ertragen selbst den allerletzten Christmas-Song – zumindest dann, wenn Whitest Boy Alive-Mastermind Erlend Oye ihn covert. Bitte sehr:

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