Rauch, nicht Neon

January 05, 2010 | von

Rauch ist grau. Immer ein Aufsteiger. Und der einzig echte Vorteil des Schreibens im Home Office; im Büro ist es schon lange verboten, das Café hat nachgezogen, kaum dass W-LAN installiert gewesen ist. Die trägen Tage sind vorbei, auf ein Neues. Jahr. 2010, weiter am Text. Also sitze ich wieder alleine vor meinem Laptop, blase den Qualm über den Bildschirmrand gen Zimmerdecke und  was mir dazu einfällt, ist die einige Wochen alte Nachricht, dass die Gutmenschen bei Apple sich beginnen zu weigern, die Rechner von Rauchern zu reparieren. Begründung: sie seien kontaminiert, man könne die Mitarbeiter solchen gesundheitlichen Gefahren nicht aussetzen. Der letzte Höhepunkt einer Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen zu sein scheint.

Die Zigarette als künstlerisches Accessoire, um den Geschäftsmann zum “Kreativen” umzudeuten. Wie lange wird so etwas noch gutgehen, wo doch Raucher mittlerweile bei Stellenausschreibungen offen diskriminiert werden dürfen? Zum Glück brauche ich mich nicht darüber aufzuregen. Nicht, weil ich als passionierter Raucher nicht allen Grund dazu hätte, sondern wegen einer Anthologie, welche das bereits bestens an meiner statt besorgt. Ich muss mir dieses Buch noch nicht einmal kaufen, denn jemand, der mich besonders gut kennt, hat es mir zu Weihnachten geschenkt.

stopschild Rauch, nicht Neon

Photo by Stefan Knittler

Es handelt sich dabei um Smoke Smoke Smoke that Cigarette, herausgegeben vom umtriebigen Klaus Bittermann und dem mir endgültig mit seiner Biographie von Johnny Cash an die Herzklappe gewachsenen Franz Dobler. Bereits 2008 erschienen, vereint es das Lamentieren von mehr als 50 AutorInnen, die deshalb wohl nicht vorausschauen konnten, dass sich zumindest hier im Kölner Nachtleben rein gar nichts nach dem Erlass des Nichtrauchergesetzes geändert hat. Abgesehen von Restaurants und den oben genannten Cafés wird in Clubs und Kneipen munter weitergequalmt. Auch wenn die kurzen Texte manchmal informierend, in der Mehrzahl aber unterhaltend daherkommen, eine gewisse Redundanz in den Themen und Topoi ist da kaum zu vermeiden – es tauchen wiederholt auf: die Erotik des Rauchens, gerne illustriert anhand von Frauenfiguren des Film Noir; damit einhergehend die Selbständigkeit und Unabhängigkeit moderner Frauen (Prototyp Carmen); die Beschreibung von Rauchern als den geselligeren, von Nichtrauchern als den langweiligeren Männern; wirtschaftliche Aspekte (Tabaksteuer, Arbeitsplätze, usw.); der obligatorische nichtrauchende Vegetarier Hitler.

Aber wahrscheinlich bedarf es gerade dieser – nichtsdestotrotz amüsant zu lesenden – Wiederholungen, um schon während der Lektüre ein Gefühl von verschworener Gemeinschaft mit den Nikotinsüchtigen dieser Welt seitens des Rezipienten entstehen zu lassen. Wer jemals bei strömendem Regen vor die Tür getreten ist, um seinem Laster zu frönen und dabei dem im besten Wortsinne mitleidigen Blick eines Leidensgenossen begegnet ist, der weiß, wovon ich spreche. Die auch. Aber ich verfalle in den Ton weiter Teile des Buchs, das übrigens den Untertitel “Eine Verherrlichung des Rauchens” trägt. Und weil es so schön einseitig ist, dass man fast aus Trotz allein vom Aufhören Abstand nimmt, hier noch ein paar Zitate:

“Mit dem Rauchen aufzuhören ist kinderleicht. Ich habe es schon hundertmal getan.” (Mark Twain)

“Seit ich aufgehört habe zu rauchen, bin ich nicht mehr ich selbst.” (Woody Allen)

“Männer, die sich das Rauchen abgewöhnt haben, sind mir unheimlich.” (Jeanne Moreau)

“Ich hasse es, ein Nichtraucher zu sein, weil ich Raucher immer für die interessantesten Leute am Tisch halte.” (Michelle Pfeiffer)

“Wir würden gute Freunde bleiben.” (Groucho Marx auf die Frage, was er täte, wenn er sich zwischen seiner Frau und dem Rauchen entscheiden müßte.)

“Ich mußte mich zwischen der Zigarette und dem Leben entscheiden, aber oft denke ich, ich habe einen Fehler gemacht.” (Christina Peri Rossi)

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Spätestens jetzt dürfte endlich klar sein, an welches Klientel sich diese Anthologie mit Texten von Wiglaf Droste, Francoise Cactus, Fritz Eckenga, Luis Bunuel, Kinky Friedman, Hans Zippert, Jean-Pierre Melville, Hunter S. Thompson, Harry Rowohlt, Jess Jochimsen und vielen mehr richtet. Darauf – und vielleicht als Ausblick auf die Zukunft – ein abschließendes Zitat von Joe Strummer: “Nichtraucher, kauft keine Bücher, die von Rauchern geschrieben wurden! Seid konsequent.”

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