Rewind: Falko Brocksieper über “Disco”

May 24, 2010 | von

Finn im Gespräch mit Falko Brocksieper über “Disco” von den Pet Shop Boys (1986).

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Wie kamst Du erstmalig mit den Pet Shop Boys in Kontakt? “West End Girls” im Radio, in jungen Jahren?

Ich habe eine zwei Jahre ältere Schwester, deren beste Freundin hatte auch wiederum eine zwei Jahre ältere Schwester, und über diese zähe Nahrungskette gelangte einiges an kredibler Popkultur schließlich zu mir. Das waren zwar auch mal Sachen wie Wham! oder so, aber auch Depeche Mode, The Smiths, und eben Pet Shop Boys. Da muss ich etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Ein eigenes Kassettenradio hatte ich erst gegen Ende der 80er. Die Mitschnitt-Zeit fing für mich also erst etwas später an.

Hattest Du generell eine Schwäche für den Synthpop dieser Zeit, und die Pet Shop Boys waren eine Facette davon, die Dir besonders gut gefiel?

Auch davor schon, auf diversen NDW-Compilations, die in unserer Familie kursierten, übten die Synthie- und Drummachine-geprägten Lieder eine große Faszination auf mich aus. Irgendwie Knöpfe drücken und Sachen bedienen erschien mir weitaus reizvoller als das handwerkliche Beherrschen eines Musikinstruments. Der Synthpop der 80er traf also ebenfalls diesen Nerv, auch wenn mein Fanverhalten da wenig systematisch war, geschweige denn von irgendwelchem Wissen gekennzeichnet. Ein eigenes Radio besaß ich wie gesagt nicht, das elterliche hochwertige HiFi-Equipment war tabu, und ich durfte auch eigenartigerweise ziemlich lang keine Bravo lesen. Mir kamen also nur einzelne Songs gelegentlich zugeflogen – wenn nicht von Freunden, dann etwa im Supermarkt, oder aus einem vorbeifahrenden, sportlich lackierten Ascona. Da gab es so ein paar schnauzbärtige Jungs in Netzhemden einige Straßen weiter, die schraubten an ihren Autos rum und hörten dabei Sachen wie Trans-X “Living On Video” oder Shannon “Let The Music Play”. Meistens wusste man aber natürlich nie wer/was/woher das jetzt war. Welches Lied nun von Bronski Beat, und welches von Kim Wilde war, das erfuhr ich oft erst Jahre später.

Die Pet Shop Boys aber weckten schon beim ersten Kontakt mein ganzheitliches Interesse. Neben der Musik gefiel mir auch einfach diese seltsame Unnahbarkeit und ihr nüchternes Auftreten. Gott weiß wie bunt auftoupierte Haare und komische Anziehsachen fand ich dagegen als Kleinstadt-Kind eher verstörend – damit wollte ich lieber nichts zu tun haben. Die Perücken- und Hut-Eskapaden der Pet Shop Boys kamen ja dann erst später, in den 90ern.

Was mich ebenfalls von Beginn an reizte, war das ganze Setup der Band, bzw. dass es eben gar keine richtige Band war, sondern nur zwei Leute, von denen der eine sogar nur sang. Denn das hieß ja, dass der andere Typ da hinten die ganze Musik quasi ganz alleine macht mit seinen Keyboards, von denen er teilweise sogar mehrere um sich stehen hatte. Ich nahm an, dass diese Geräte unglaubliche Komplexität und Leistungsumfang besitzen mussten, und dass derjenige ein Genie sein muss, der all das beherrscht und dabei auch noch so lässig rüberkommt. Von technischen Errungenschaften wie Playback ahnte ich also nichts.

Warum hast Du Dir aus der langen Diskografie der Pet Shop Boys “Disco” ausgesucht, das Remixalbum zu ihrem Debüt “Please”? War es das erste Album, was du Dir von ihnen gekauft hast, oder gab es andere Gründe?

“Disco” war meine erste Pet Shop Boys Platte. Natürlich wusste ich nicht, dass das eigentliche Album ein anderes war, geschweige denn was ein Remix oder eine Auskopplung ist. Kaufentscheidungen richteten sich eher nur danach, was in der Plattenabteilung unseres Kleinstadt-Karstadt eben grad so herumstand. Das wurde dann gekauft, und alles andere spielte sich jenseits meiner Realität ab.

Ein Fehlkauf ist es trotzdem nie gewesen – die Platte begleitet mich nun seit fast 25 Jahren, und neben all den anderen Lieblingsalben die man hat oder mal hatte, ist “Disco” trotz vieler mehrjähriger Hörpausen und kurzsichtiger Verschmähungen eine Art Referenz geworden, ein Ding, das ich immer mal wieder hervorholen und zu dem Schluss kommen kann: Ja, dies ist geile Musik!

Hat es Dich interessiert, dass es ein paar Hits in anderen Versionen gibt, oder kam das erst später, als man nach ersten Clubbesuchen kapiert hat, welchen Sinn solche Remixe dort machen?

Zuvor kannte ich nur die Singles “West End Girls” und “Love Comes Quickly”, die in den Shep-Pettibone-Remixen auf “Disco” ja in ihrem Grundwesen noch recht nah am Original sind. Das eigentliche Album “Please” hörte ich erst später, mir war also nicht klar, dass dies spezielle Versionen einer eigentlich ganz anderen Platte waren. Aber es gab da irgendwas sehr Spezielles in der Musik, das den Eindruck des in abstrakt-verwaschener TV-Ästhetik gehaltenen Covers untermauerte und mich lange fesselte. Das hatte etwas sehr Futuristisches. Ich hab das Album dann wirklich sehr oft und überall angehört. Einmal hatte ich auf familiärer Wohnmobil-Tour das Kassettenradio in meine Gewalt gebracht und plötzlich fuhr mein Vater erschrocken auf den Seitenstreifen, da er aufgrund seltsamer mechanischer Geräusche dachte dass unser Gefährt Schaden genommen hatte – zum Glück war es aber nur dieser penetrant blecherne Loop-Sound im Remix von “Opportunities”.

Erst einige Jahre später nahm ich Club-Mixe unter Realbedingungen wahr – ich glaube als ich während Sprachferien in England Maxi-Versionen von “Relax” und “Blue Monday” hörte – in einer Rollschuhdisco.

Bist Du zufrieden mit der Trackauswahl auf diesem Album, oder hättest Du dir gewünscht, dass auch andere Tracks von “Please” berücksichtigt worden wären?

Die neunminütige Version von “Suburbia” ist heute vielleicht der von mir meist-überskippte Track. Das plustert sich so auf und kommt nicht so slick daher wie die anderen Stücke. Auch für “Paninaro” bin ich nicht jeden Tag zu haben. Trotzdem fällt es mir schwer an der Trackauswahl etwas zu kritisieren. Im Gegenteil, ich denke zu jeder Lieblingsplatte gehört auch das Stück das man nicht so mag, mit dem man sich aber doch irgendwie arrangieren und damit leben muss. Auch das ist eben Pop?

Auf “Please” gehörten auch immer noch “Violence” und “Why Don’t We Live Together” zu meinen Favoriten. Letzteres wäre aber vielleicht wiederum zu nah dran gewesen an “In The Night”.

In späteren Jahren hätte man ja vielleicht auch von einem ruhigen Stück wie “Later Tonight” einen Remix anfertigen lassen, andersherum wurde ein sich anbietendes Stück wie “I Want A Lover” nicht berücksichtigt. Hier gibt es mit “Paninaro” und “In The Night” noch zwei B-Seiten vorheriger Singles dazu, die zwar inhaltlich mit dem Clubthema von “Disco” zu tun haben, aber in der Originalversion belassen wurden. Bei der Fortsetzung “Disco 2″ gab es dann ausschließlich Remixversionen, bei “Disco 3″ wurden die Remixe wiederum durch gänzlich unveröffentlichte Stücke ergänzt. Meinst Du, sie haben sich bei diesem Album noch nicht getraut, ein reines Remixalbum zu machen? War das noch zu unetabliert, dass man als kommerziell erfolgreicher Act ein komplettes Album an die Clubgänger richtet?

“In The Night” ist aber schon ein Remix? Von Arthur Baker. Die Originalversion als B-Seite von “Opportunities” ist auch deutlich kürzer und unfetter. Aber in der Tat stellt sich bei “Disco” die Frage, wer überhaupt die Zielgruppe sein sollte. Mit den drei Stücken pro Seite war der Sound der Platte für DJs sicher schon weniger attraktiv als eine schön breit geschnittene Maxi auf 12″. Insofern machte es vielleicht ohnehin wenig Sinn, sich bei der Zusammenstellung des Albums konzeptuell zu sehr festzulegen. Meine Theorie ist, dass im Laufe des “Please”-Jahres offenbar wurde, dass da einige sehr bemerkenswerte Neubearbeitungen zusammengekommen waren und man sich kurzerhand entschloss, daraus weiteres Kapital zu schlagen und die Pet Shop Boys gleichzeitig ohne zusätzlich anfallende Produktionskosten um eine weitere künstlerische Facette zu bereichern. Was sprach also gegen eine einigermaßen freie aber wohlkuratierte Zusammenstellung von Songs aus dem erweiterten “Please”-Zyklus für den club-affinen Privathörer?

Die 12″ Version für den Club war zum Erscheinen von “Disco” absolut nicht neu, aber musste das Prinzip Hit-Remix vielleicht im Bewusstsein der Pophörer auf Albumbasis wieder wachgerufen werden?

Die Voraussetzung für ein solches Albumformat ist ja auch erstmal die Qualität der Neubearbeitungen auf die man zurückgreifen kann, ihre Dichte und Langlebigkeit. Ich bin zwar mit keinem 12″-Version-Werk der 80er so vertraut wie mit dem der Pet Shop Boys aber ich möchte bezweifeln, dass es nennenswert viele Popgruppen gibt, die ein qualitativ ähnlich hochwertiges Remix-Album hätten liefern können. Vielleicht noch New Order.

Die Pet Shop Boys haben sich von Beginn an sehr genau mit der Arbeit verschiedener Produzenten und Remixer auseinandergesetzt und dem Clubmix als eigener Kunstform einen besonderen Stellenwert eingeräumt. Das reicht bei “Disco” gleichermaßen wie bei “Introspective” von der Auswahl der Remixer, über die ganze Dramaturgie, bis hin zum sehr speziellen Artwork. Die Maxi-Version war also nie irgendein Stiefkind, sondern stellte bei ihnen einen wichtigen Nebenschauplatz dar. Viele 12″-Versionen von 80er-Hits wirken dagegen halbherzig und uninspiriert. Für viele war das scheinbar eher ein Pflichtprogramm, eine Marketing-Maßnahme der Plattenfirma die künstlerisch zweitrangig erschien.

Was hältst Du, auch aus der heutigen Sicht als erfahrener Produzent, von den Neubearbeitungen? Wenn man sich Namen wie Shep Pettibone, Arthur Baker oder die Latin Rascals für die Aufgabe auswählt, hat man ja schon bewiesen, dass man weiß was die anerkannte Seite von Clubmusik ist, aber haben die Remixer ihren Job auch erfüllt, die Musik der Pet Shop Boys kredibel an die Clubkultur anzudocken? Passen sie in den Sound jener Zeit?

Ich finde die Produktionen großartig. Auch nach Jahren gibt es immer noch was zu entdecken – ein Rascheln hier, eine Hintergrundatmo dort… Erst vor kurzem habe ich mir “Disco” ziemlich laut in meinem Studio angehört, und war einmal mehr total geflasht. Gerade wenn man die damalige Produktionstechnik betrachtet, ist es mehr als erstaunlich, wie viele Elemente hier subtil ineinander greifen und wie komplex und vielschichtig die Arrangements sind, und dabei stets catchy und auf den Punkt bleiben. Das sind eben nicht irgendwelche verlängerten Versionen die man schnell zusammengeschustert hat, sondern die Remixer haben mit Detailversessenheit und viel künstlerischem Engagement offenbar keine Überstunde gescheut um etwas Besonderes abzuliefern.

Die Produktionen in punkto Club-Funktionalität zu beurteilen fällt mir schwer, da mir diese Erfahrung rein altersbedingt fehlt. Aber die Beats und der Groove stehen hier immer schön im Vordergrund, und der Abstraktionsgrad ist (insbesondere bei “In The Night” und “Opportunities”) streckenweise atemberaubend, und ich nehme an, dass so etwas auf den damaligen Tanzflächen schon genauso gut ankam wie heute – insbesondere wenn sich ein radiobekanntes Pop-Stück dahinter zu erkennen gibt.

Bei “Disco” ist es New York Freestyle, zu der Zeit von “Introspective” umarmten sie Chicago House, später allerdings gab es auch eine Menge Remixe zwischen Großraum-House und Eurotrance. Hatten sie mit der Zeit ihr Trendnäschen verloren, oder ging es eher darum, stets eine grundlegende Schwäche für populäre Clubsounds zu verarbeiten, anstatt ihre Musik über Geheimtip-Remixer interessanter zu machen?

Ich denke in ihrer Rolle als Popstars lag ihr Fokus nie vorrangig beim Underground der Clubkultur. Mit den Remixen haben sie gewissermaßen die allgemeine Entwicklung nachgezeichnet, die die Musik in den großen Clubs und Tanzflächen genommen hat – Irgendwann wurde Dance Music halt Mainstream und plötzlich war das auch alles nicht mehr so spannend. Insofern sind sie sich doch treu geblieben in dem Anspruch, durch Club-Remixe Musik anzubieten für die große Tanzfläche voller Leute, die privat eher chartbekannte Popmusik hören.

Hingegen hat sich z. B. Depeche Mode bei der Wahl ihrer Remixer in den letzten zehn Jahren immer sehr nah an der Avantgarde des Clubsounds orientiert. Schlammpeitziger, Console, Metope, Michael Mayer, Tiga… die Liste ist lang und eindrucksvoll, hat den Stellenwert von Depeche Mode aber nur marginal beeinflusst, egal in welcher Szene. Allseits hört man immer noch am liebsten die Originale und keiner erinnert sich so recht an diese ganzen Remixe, mit Ausnahme des Villalobos-Remixes vielleicht, den sie nicht haben wollten.

Es lässt sich also darüber streiten, inwiefern die Benennung von viel versprechenden Künstlern des Undergrounds überhaupt zu den Aufgaben einer großen Popgruppe gehört.

Was bedeutet die Clubkultur für die Pet Shop Boys? Haben sie nur Einflüsse der Clubkultur verarbeitet, oder haben sie auch von sich aus wichtige Impulse geliefert? Welche Rolle spielen die Pet Shop Boys in den Geschichtsbüchern der Clubkultur?

Neben der rein musikalischen Ausrichtung glaube ich, dass ihre immer wiederkehrenden textlichen Themen rund um Leute und deren eigenartige Beziehungen, Nachtleben, Lifestyle, Geld und Selbstdarstellung sehr gut zum Clubkontext passen. Da gab es also immer Schnittmengen und Synergien mit dem urbanen Leben, insbesondere dem nach Sonnenuntergang.

Ob ihr musikalischer Einfluss klar genug ist für die Geschichtsbücher würde ich fast bezweifeln, aber ich bin mir sicher dass es außer mir vielerorts Produzenten und Konsumenten von Clubmusik gibt, die die Pet Shop Boys als prägenden Einfluss nennen würden.

Sie scheinen ja schon darauf zu achten, dass ihr Interesse an Clubmusik auch bei Albumtracks präsent ist, andererseits scheint ein Großteil ihrer Songs für andere Hörsituationen gedacht. Wie ist das Verhältnis Pop- und Clubmusik bei ihnen austariert?

Sie sind einfach ein gutes Beispiel gegen die allzeit verbreitete Ansicht, dass es zwei unabhängige Musiken gibt. Die “für zuhause” und die “für den Club”. Die Pet Shop Boys haben schon immer mit großer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit beides zusammengebracht und immer wieder gezeigt, dass diese beiden Welten einander nicht ausschließen. Im Gegenteil – das Nachtleben ist ein fester Bestandteil im Leben vieler, etwas das auch besonders viel mit Emotion und Erlebnis zu tun hat. Welchen Sinn sollte es also haben, diesen Aspekt aus der Musik zu verbannen der man attestiert “für zuhause” zu sein?

1986, als “Please” und “Disco” erschienen sind, war die Hochphase von Synthpop eigentlich vorbei. Die Pet Shop Boys hatten zwar vorher schon erfolglos versucht mit von Bobby Orlando produzierten Stücken, die noch mehr Hi-NRG waren, in den Charts zu landen, aber zu Hits wurde das erst in jenem Jahr. Warum eigentlich? War das Poppublikum vorher noch nicht reif für die Vorstellung der Pet Shop Boys wie Pop zu klingen habe, oder haben sie ihren Sound auch erst dann so dem zeitgenössichen Popgeschehen angepasst und verfeinert, dass es fortan besser funktionierte?

Die Frühwerke und mit Bobby O’ produzierten Stücke habe ich selbst erst vor einigen Jahren aufgearbeitet. Sie wirken auf mich wie ein Zerrbild der Pet Shop Boys, wie der verkrampfte Versuch, Dinge zusammenzubringen die nicht zusammengehören, und so als wüssten sie da selbst noch nicht so richtig was sie überhaupt sein wollen. Die Produktionsweise verträgt sich nicht besonders mit dem Songwriting, und die Figuren Neil und Chris wirken in diesem wenig eleganten und bereits leicht angestaubten Kontext auch deplaziert. Die späteren und erfolgreichen Versionen sind dagegen viel feinsinniger und filmischer produziert – dort springt der Funke erst über und es ergibt sich ein Gesamtbild, das vielen früheren Synthpop-Produktionen auch wiederum etwas hinzufügt. Weg von der Wegwerfmusik und hin zu einer ausbaufähigen Gesamtwirkung von Sound, Text, Atmosphäre und auch Design. Da wurde schon früh nichts mehr dem Zufall überlassen. Es ging um das Auftreten als Ganzes.

Die Pet Shop Boys sind oft das Kardinalbeispiel für die Möglichkeit, intelligenten Pop zu machen und trotzdem erfolgreich zu sein. Es ist nachvollziehbar, warum Musikjournalisten ihnen die Treue halten, aber wie verhält es sich mit dem Poppublikum? Hat man sich aneinander gewöhnt? Erschließen sie sich überhaupt neue Fangenerationen, oder sind die alten noch groß genug?

Ich vermute dass der Zulauf an neuen Fans eher gering ist. Zumindest höre ich ihre Songs sehr selten aus den Handys in der U-Bahn plärren. Bei meinem ersten Pet Shop Boys Konzert letztes Jahr im Berliner Tempodrom war ich erstmal ein wenig schockiert – Oh! Alles alte Leute hier! Es ist halt nach wie vor schwer sich daran zu gewöhnen, dass im Jahre 2010 ein 60jähriger Musikliebhaber nicht zwingend auf Deep Purple und die Stones steht. Ich glaube also die treuste Fangemeinde altert mit ihnen, aber ich schätze deren Gesamtzahl ausreichend hoch ein für einen auskömmlichen Fortbestand der Karriere – insbesondere weil es sich dabei um eine Generation handelt, die es noch gewohnt ist für Musik Geld auszugeben.

Liegt der konstante Erfolg eher an den Texten Neil Tennants, der Musik, oder ist das ein Gesamtpaket, das da greift?

Diese sich nie ganz auflösende Spannung, die zwischen eingängiger Musik und eigenartigen Texten entsteht, und dabei auch immer genug Raum für eigene Assoziationen lässt, ist sicher ein wiederkehrendes Erfolgsrezept der Pet Shop Boys.

Von den reinen Inhalten abgesehen scheint es aber mindestens genauso wichtig, dass sie sich wohl zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere im Klaren darüber waren wo sie stehen, und dass sie die Situation immer richtig einschätzen konnten. Man muss bedenken, dass Neil Tennant beim großen Durchbruch der Pet Shop Boys schon Anfang 30 war, und auch über mehrjährige Erfahrung als Popjournalist verfügte. Vielen, die mal Erfolg haben, fehlt hingegen oft die Intelligenz und der Weitblick, um diesen Erfolg auch zu verwalten. Oder aber man wird in jungen Jahren eher überraschend und über Nacht zum Star gemacht, um dann dem vorgezeichneten Weg von Größenwahn, Exzess, Skandalen und Absturz zum Opfer zu fallen.

Bei den Pet Shop Boys hat es keine dieser Hässlichkeiten je gegeben, und sie haben es bis heute geschafft sich diese Klasse zu erhalten, die zum Berufsbild des Popstars einfach dazu gehört: Man hat immer das Gefühl dass sie so etwas wie Halbgötter sind, die recht unantastbar über den Dingen stehen. Man weiß zwar Manches über sie, kann sich aber dennoch nie ganz vorstellen, wie der Alltag eines Pet Shop Boy wohl aussehen mag. Und all diese Distanz können sie sich bewahren, ohne dabei je unsympathisch oder hochnäsig zu wirken. Diese Fähigkeit schätze ich mittlerweile mindestens genauso hoch ein wie ihre Musik. Klar kann man immer mal wieder sagen – dies und das gefällt mir jetzt nicht, aber man muss bei seinem Urteil ständig das Gefühl haben, dass man grad nur nicht checkt welcher größere Pop-Masterplan sich dahinter verbirgt.

Gibt es andere Künstler, die für Dich ähnlich funktionieren, oder sind sie in der Popgeschichte ein Einzelfall?

Zumindest müsste man jetzt eine ganze Weile grübeln um irgendwo signifikante Parallelen zu finden. In der Welt des Pop gibt es ja die Tradition, in den Erfolgszwang behutsam eine Prise künstlerische Freiheit reinzuschummeln und das irgendwie unter einen Hut zu bringen. Und es gibt die anderen die sagen: Ist mir egal wer das kauft oder hört. Das ist meine Kunst und nur darum geht es. Oftmals ist der Song / das Album, das niemand kennt, jenes wo der Künstler sich mal durchgesetzt hat gegen alle Manager und Plattenbosse, und mit dem er mal seine eigentliche künstlerische Vision rausgekehrt hat.

Für den Popbegriff der Pet Shop Boys hingegen war es schon ziemlich früh ein zentrales Kriterium dies beides nicht nur zu verbinden, sondern eine Spannung und Abhängigkeit aufzubauen zwischen diesen vermeintlich widersprüchlichen Zielen. Das fängt schon im Kern an mit der Kombination von energetischen Synth-Pop-Motiven und entrücktem, von Neil Tennant mit teilnahmslos klinischer Stimme vorgetragenem Text. Und immer wieder muss man auch mit Überraschungen rechnen. Irgendwelche Kunstprojekte, oder etwa dieses Video von Wolfgang Tillmans zu “Home And Dry” – das mit den Mäusen.

Insofern sehe ich sie auch in Anbetracht ihrer zählbaren weltweiten Erfolge schon als Einzelfall. Ihre ganzheitliche Version von Pop ist auch ein Grund warum sie sich so lang gehalten haben und immer mal wieder auf dem Radar auftauchen. Sie haben Hörer und Betrachter nie einfach bloß befriedigt, und sind daher auch nicht als Strohfeuer verpufft. Man muss eben immer damit rechnen dass da noch was kommt.

Wie siehst Du den Verlauf ihrer Karriere? Sind sie für Dich wichtig geblieben, oder hast Du beizeiten das Interesse an ihrer Musik verloren? Wie mag es mit ihnen weitergehen?

Das Interesse hab ich zwar nie verloren, wohl aber die Begeisterung. Das “Behaviour” Album von 1990 fand ich noch toll, ebenso die Single “Being Boring” und das dazugehörige Video. Ich kann mich allerdings auch noch an der Veröffentlichung von “Very” (1993) erinnern. Da stand ich mit dem wunderbar orangen Plastikcover im CD-Laden und dachte mir: Krass. Du kaufst dir das jetzt tatsächlich nicht! „Go West“ und so weiter, das war zu dem Zeitpunkt einfach nicht mehr meine Welt.

Dennoch habe ich die Pet Shop Boys bis heute immer aufmerksam verfolgt, und mir einige Sachen auch wohlwollend gekauft ohne sie richtig gut zu finden. Die hat man halt zweimal angehört und dann sind sie im CD-Regal verschwunden. Das letzte Album und auch die Single “Love etc” fand ich allerdings mal wieder richtig klasse!

Ich denke es ist auch unfair eine Popgruppe 30 Jahre lang danach abzuklopfen ob sie einem mal wieder die Emotionen und den Vibe liefern kann wie zu der Zeit, als man sie erstmals hörte. Man war viel jünger, man war ganz woanders, die Welt war ganz anders usw. etc. — Natürlich war früher alles besser, aber da können die Pet Shop Boys ja auch nichts für.

Immerhin schleppen sie sich nicht nur noch müde von einem Dorffest zum nächsten und nudeln ihr Hit-Medley ab. Stattdessen setzen sie komische Federhüte oder Würfel auf, bringen mal ganz hübsche und mal ganz scheußliche Musik raus, und bieten immer mal wieder Anlass für die Frage: Hä? Was soll das denn jetzt schon wieder?

Gibt es Elemente ihres Schaffens, die sich sich auch in Deiner Arbeit als Produzent und DJ wiederfinden?

Unbedingt. Oft glaube ich auch, dass die Pet Shop Boys und insbesondere “Disco” ein tief verwurzelter Grund sind, warum ich heute Techno produziere. In bestimmten Arrangements und Sounds bemerke ich immer wieder Parallelen zu Stücken der Pet Shop Boys – manches was sich ins Gehirn einbrennt kriegt man da einfach nicht mehr weg.

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(Foto: Ronni Shendar)

Falko Brocksieper gelangt 1993 durch zahlreichen Besuch von Raves und Clubs zur elektronischen Musik und beginnt schon wenig später damit, sich eigene Qualitäten als DJ anzueignen. War der europäische Rave-Techno der Zeit noch erster Impulsgeber, entdeckt er schon bald Künstler aus Detroit, Chicago und dem Mittleren Westen für sich, wie Robert Hood, Woody McBride, Daniel Bell und Jeff Mills.

1997 zieht er von seiner Heimatstadt nach Köln und erhält dort weitere Einflüsse aus der lebhaften Minimaltechno- und Elektronik-Szene.

Nachdem er in früher Jugend bereits erste Sequenzer-Erfahrung auf einem Amiga 500 gesammelt hatte, entschließt er sich 1999, während seines Studiums an der Kunsthochschule für Medien Köln mit Aktivitäten in Mediengestaltung, Videokunst und -installation, sich verstärkt dem Produzieren von elektronischer Musik und Techno zu widmen.

Seine erste Vinyl-Veröffentlichung erscheint 2001 auf dem kurz zuvor gemeinsam mit Mia Grobelny gegründeten Label Sub Static. Weitere folgen schon bald, bei Labels wie Treibstoff, Tuning Spork, Dumb Unit, Resopal und Tongut. 2003 erscheint das erste Album “Hoax Deluxe”, auf dem er seinen Stil zwischen hypnotischem Minimalismus und kantig-analogem Sound weiter manifestiert. Auch als Remixer ist Falko Brocksieper daraufhin verstärkt gefragt, und liefert Bearbeitungen für Akufen, Basteroid, Gabriel Ananda, Dirt Crew, Sid LeRock, Dapayk & Padberg, Benjamin Fehr u.v.a. ab.

2003 folgt auch die Gründung des zweiten Labels Karloff Rekordings, mit der Absicht eine separate Spielwiese für experimentellere und musikalischere Techno-Ansätze zu bieten. Nach insgesamt über 100 bisherigen Veröffentlichungen sind Sub Static und Karloff heute namhafte Marken der elektronischen Label-Landschaft.

2004 zieht Falko Brocksieper von Köln nach Berlin, um dort mit neuer Energie an Musik und Labels zu arbeiten – 2008 erscheint schliesslich sein zweites Album “Heavy Day”.

Nach 10 Jahren als internationaler DJ ist Falko Brocksieper seit der jüngsten Album-Tour nun auch erstmals mit Live-Auftritten zu sehen.

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2 KOMMENTARE

  1. [...] Sounds Like Me 05/10 [...]

  2. [...] Finn Johannsen ist DJ, Kulturjournalist (u. a. de:bug, Resident Advisor, D*ruffalo) sowie Labelbetreiber und lebt in Berlin. Für Sounds Like Me spricht er mit Menschen über Musik, die ihnen viel bedeutet. Finn im Gespräch mit Falko Brocksieper über “Disco” von den Pet Shop Boys (1986): http://www.sounds-like-me.com/news/rewind-falko-brocksieper-uber-disco/ [...]

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