Rewind: Sebastian Dresel über “Now Is Early”

November 02, 2009 | von

Finn im Gespräch mit Sebastian Dresel über “Now Is Early” von Nicolette (1992).

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Wie bist Du zuerst auf “Now Is Early” gestoßen?

Das war insofern einfach, als dass alles was auf “Shut Up & Dance” kam einfach Pflichtübung war. Aus irgendeinem, mir schlussendlich nicht erklärlichen, aber ausgesprochen glücklichen Umstand, hatten in unserem überschaubaren Mannheim schon Jahre zuvor einige Leute ein sehr feines Gehör für alles entwickelt, was in England so geschah. Interessant für mich ist diesem Zusammenhang aber vor allem auch das “Wo?” . Ich habe damals in der hiesigen WOM-Filiale (für diejenigen die sich nicht erinnern – eine Plattenladenkette namens „World of Music“) am so genannten “Vorspieltresen” gearbeitet. WOM war ein Franchise-Laden, was bedeutete, dass man in der Order deutlich autarker war als reine Filialen einer großen Kette, die teilweise zentral bestückt wurden. Und so war ausgerechnet eine WOM-Filiale mitten in Mannheim einer der am besten sortiertesten Plattenläden, die mir je über den Weg gelaufen sind.

Gregor “DJ. GO.D.” Dietz (der sich u. a. als “Brainstorm” auf R&S Records bemerkbar gemacht hat und mit seinem damaligen Partner auch die famosen TZ 8 und 9 verantwortet) – der, zu meinem immer noch anhaltenden Grauen, vor 4 ½ Jahren verstorbene großartige Freund, Musiker und DJ – hat die “Disco-Abteilung” (die Zusammenfassung der Stilistika in dieser Abteilung ist ein Thema für sich, auf das ich gleich nochmal komme) geleitet und Holger “Groover” Klein (der – das muss man auch unbedingt sagen, schlicht derjenige war, der “Breakbeats” in Deutschland vor jedem anderen gesportet hat) hat ebenfalls da gearbeitet.
Ich stand also am Vorspieltresen und habe den ganzen Tag für alle möglichen Leute ihre Platten aufgelegt. Angesichts der anderen Abteilungen, die durchweg von ziemlichen Freaks bestückt wurden, war das eine wahnsinnige Vielfalt an Input für einen jungen Typen. So wird mir zum Beispiel Nirvanas “Nevermind” immer in erster Linie als eine Platte in Erinnerung sein, die zunächst einmal monatelang weitestgehend unberührt im Regal vergammelte, obwohl sie der zuständige Typ aber auch wirklich jedem aufzudrängen versucht hat. Ich gebe zu, dass ich an meiner Schule auch nicht mit Wissensvorsprung-Überheblichkeit gespart habe. Wollte ja monatelang keiner wissen.

Aber zurück zur Disco-Abteilung, in der dann die erste Stereo MCs oder Silver Bullet zusammen mit diesen ganzen Soul Sachen Marke Levert, zunächst auch dem ganzen Acid-Jazz-Katalog, C&C Music Factory, Archie Bell and the Drells, Mister Fingers, KLF, Chill Records oder Plus 8 und vor allem den ganzen wunderbaren ersten Warp-Records wie etwa Sweet Exorcists „Clonk“ in einer Ecke versammelt standen. Der damalige Manchester-Rave-Zusammenhang war bei Wave einsortiert und ich entsinne mich der Debatten, warum eigentlich. Zumal Holgers Blick auf Breakbeats sicher eher aus einem Zusammenhang entstand, der sich aus The Jam, Orange Juice, Clash und dem Factory Records-Backkatalog samt des ganzen On-U-Universums (den ich eher über die Depeche Mode Mixe und dann vor allem über Gary Clails wunderbaren „Emotional Hooligan“ erschlossen habe) und eben den späteren Manchester Bands speiste und quasi nahtlos daraus erwuchs.

Biz zum heutigen Tage scheint es mir nicht fraglich, warum sämtliche Nitzer Ebbs, Weathermen und Front 242s des Planeten damals eben nicht bei „Disco“ (und damit eben in der Nähe von Techno) einsortiert waren und insofern House, Techno und Breakbeat der Zeit immer auch „räumlich“ in einem Zusammenhang mit Soul und Hip Hop und Jazz standen. Insofern auch nicht verwunderlich, dass so Typen wie Talla später wieder nur Schrott gemacht haben. Irgendwie haben wir hier so eine Hacienda-Sozialisation nachempfunden ohne es genau zu wissen (zumindest ich nicht). Dass Holger dieses „It’s grim up north“ T-Shirt abgegriffen hat, schmerzt mich bis heute. Und wenn ich jetzt den Titel von Peter Hooks Buch lese „How Not To Run A Club“ dann fällt es schwer, das nicht auch auf’s Milk zu beziehen. Eine ausgesprochen wertvolle Erkenntnis übrigens, dieses immer wiederkehrende Phänomen des Dilettantismus.

Aber nochmal zur eigentlichen Frage. Auf „Now Is Early“ zu stoßen war zunächst keine Entscheidung aufgrund der Platte selbst. Ich kannte Nicolette vorher schon weil ich „O si Nene“ als 12“ gekauft hatte und das rauf und runter lief. Die B-Seite war ja zusätzlich mit einem „Strings of Life“ Sample bestückt, was eben auch den damals ja ganz eindeutigen, ja zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Detroit und England verdeutlicht. „Waking Up“ war ja auch noch früher und man wollte alleine des Remixes wegen die ganze Platte haben. Mal ganz abgesehen davon, dass „Waking Up“ dann im Milk zu den allabendlichen Putzlicht-Platten zählte. In einer Reihe mit „Loaded“, „Strings Of Life” (Beatless), M1s „Feel The Drums“ oder YBU’s „Soul Magic”. Ziemlich balearisch ging es da zu. Auch wenn ich  dieses Wort damals sicher nicht verwandt habe.

Warum hast Du Dir dieses Album ausgesucht? Was macht es so wichtig für Dich?

Zum einen die bis zum heutigen Tage immer noch nicht annähernd ausgelotete Frage, wie aus dem „Dance“-Zusammenhang (oder wie man es auch immer nennen will) auch wieder der klassische „Song“ erwachsen kann. Also eine Art Rückwärtsbewegung im Disco-Historien-Sinne. „Now Is Early“ ist eine Signature-Platte einer Zeit, die ich für mich als irre prägend wahrgenommen habe. Es wäre schlicht verlogen zu behaupten, dass sie mir damals als so besonders aufgefallen sei, wie ich sie heute einschätze. Ich empfand das auf gewisse Weise als normal, mit Ansätzen konfrontiert zu werden, die mir unbekannt waren, mich begeistert, aufgeregt aber auch gefordert haben.

Vielleicht habe ich sie auch genau aus diesem Grund ausgesucht. Weil sie für Stilprägung steht und gleichzeitig immer solitär geblieben ist. Aufregend ist sie auch heute noch. Als Mike Skinner auf „Original Pirate Material“ bzw. auf „Sharp Darts“ fragte „’ave you ever ’eard a beat like this?“ habe ich mich schon denken hören: „yeah, mate! I ’ave. Kind of.“ Als ich über die Auswahl nachgedacht habe, habe ich mit meinem besten Kumpel King Kummi of D*ruffalo Fame auch über „Road To Nowhere“ von den Young Disciples gesprochen. Eine echt schwierige Entscheidung, weil „Road To Nowhere“ so unfassbar toll ist. Aber „Now is Early“ verbildlicht eben auch vieles, was mir Techno jemals bedeutet hat. Von ihr gehen so viele Pfade aus, dass ich sie kaum zusammenfassen kann.

Die Assoziationsketten reichen von King Tubby bis zu Grant Green auf Blue Note, den ich etwa zur selben Zeit für mich entdeckt habe. Auch die für mich absolut glasklare Logik hinter der Verbindung zu Two-Tone und so etwas erscheint mir weniger über Umweg meiner wunderbaren Vespa, als über eine tiefer liegende Ästhetik zu funktionieren. Ich würde das nicht Mod nennen, aber den Begriff im Sinne seiner modernistischen Bedeutung muss man schon mal fallen lassen. Wenngleich sicher weniger im Sinne besonderer modisch-zeitloser Vorlieben dieser Tage.
Aber es erscheint mir heute schon irgendwie stimmig, dass ich meine musikalische Identität damals irgendwie als Daisy-Age-Raver-Pop-Scooter-Boy gesehen habe. Aber damals war ich schwer zerrissen, weil ich vermutlich lieber irgendetwas von all dem richtig gewesen wäre. Was aber auch irgendwie nicht ging. Man hat eben auf dem Weg ins Milk Toots & The Maytals gehört und auf dem Rückweg Inner City.

Nicolettes Gesangsstil rief schnell Vergleiche zu berühmten Jazzsängerinnen hervor, und auch später wurde elektronische Musik mit Breakbeats gerne in einen Jazz-Kontext gestellt. Ist das berechtigt?

„Berechtigt“ mag das sein – aber mir ist das ziemlich egal. Ich hege gegen die offensive Betonung von Jazz-Kontexten meist erst einmal ein tief empfundenes Misstrauen. Schlicht weil derartigen Argumentationen meist der Verdacht entweder eines gewissen Dünkels oder andersherum eines merkwürdigen Minderwertigkeitskomplexes anhängt. Wenn man es herunter bricht, erscheint mir die Herstellung des Zusammenhangs einfach nur nahe liegend. Musik, die sich aus den Quellen speist, die Shut Up And Dance ganz offen angezapft haben, kann natürlich zurückgeführt werden auf alle Aspekte afroamerikanischer Musikgeschichte und deren sehr spezieller englisch-karibischer Rezeption. Aber „Beat-Synkopierung“ mit „Jazz“ gleichzusetzen ist doch etwas kurz gegriffen. Und ganz ehrlich: was hat es mich denn gekümmert? Meine damalige (und wie ich ehrlich gesagt hoffe: aufrechterhaltene) Naivität hat mir gar keinen Referenzrahmen gegeben, in den ich das hätte einordnen können oder in dem ich Linien hätte ziehen können.

Wenn Jazz ein Prinzip ist, nach dem im jeweils gegebenen Instrumental-Rahmen nach anderen Wegen der Auslotung der Möglichkeiten gesucht wird, ist es natürlich richtig, dass Umgehung von „four-bar-loop-crap“ (Zitat Shut Up And Dance) diesem Prinzip folgt. Insofern ist ein S1000 ein Jazz-kompatibles Instrument gewesen wie jedes andere auch. Es ist auch sicher kein Zufall, dass sich die Jazz-Festivals des Planeten um Aphex Twin oder Squarepusher gerissen haben. Insofern ist Jazz dann einfach die Herangehensweise, die mit Perfektion zu übersetzen wäre. Was ich allerdings gleichzeitig bezweifeln würde, wenn man Jazz (durchaus puristischer) als Suche nach Ausdruck übersetzt. Dann ist alles Jazz – und es kommt zum Tragen was ich eingangs sagte: ist mir doch egal. Weil selbst aus einer beinhart hergeleiteten Begründung, warum Breakbeats oder Drum & Bass ganz eindeutig Jazz seien ja nicht wirklich ein Erkenntnisgewinn erwüchse.

Wesentliche Merkmale des Produktionsstils von Shut Up And Dance sind auch auf “Now Is Early”, die Beats, die rigide Art, bekannte Samples aus Pop oder Detroit Techno einzubinden beispielsweise. Wie aber unterscheidet sich das Album von anderen Platten des Labels?

Das ist einfach. Durch Nicolette. Ich würde sagen, sie hat auch Shut Up And Dance gezeigt, dass man etwas sagen kann. Ich würde mutmaßen, dass etwa „Autobiography Of A Crackhead“ ohne Nicolette nicht entstanden wäre. Vielleicht auch nicht „Raving I’m Raving“. Das Ganze hat vielleicht mehr „Distanz“ zwischen Produktion und Protagonistin, als das etwa bei den Ragga Twins der Fall ist. Was „Now Is Early“ dann eben auch abhebt. Aber das führt zu nichts – man kann PJ & Smiley und Nicolette nicht getrennt betrachten, genauso wenig wie Peter Bouncer oder die Ragga Twins. Sicher hebt Nicolette einen anderen Zusammenhang hervor, als es die Ragga Twins getan haben, wo ja eher der Jungle-Grundstein zu vermuten ist. Ich könnte mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass damals jemand gesagt hätte, dass Nicolette im Club schwer einzusetzen sei.

Gibt es andere Platten von Shut Up And Dance, die Du ähnlich hoch bewerten würdest?

Absolut! Meistens völlig zu Unrecht übergangen wird das großartige Rum & Black Album Without Ice, das mit „Your Funky Emotions“ oder vor allem dem unfassbar weitsichtigen „Insomnia“ Blueprints eine Ästhetik geliefert hat, die erst viel später als Drum & Bass im Bukem’schen Sinne populär wurde. „Reggae Owes Me Money“ ist ganz wunderbar und wer „Death Is Not The End“ nicht wertschätzt, hat aus meiner Sicht kein Herz in der Brust. Und auch wenn „Raving I’m Raving“ natürlich gehöriges Potenzial hat, ordentlich zu nerven (vor allem in der melancholischen Überhöhung) –  denke ich bei dem Song schon auch an Menschen, die beim einsetzenden Gewitter zum Ende der Love-Parade ’92 am Wittelsbachplatz in ihrer Ekstase die Zierrasen-Rabatten gevögelt haben. Ecstacy pouring down on me. So ein Drehbuch kann man gar nicht schreiben. Das war absolut irr. Irrer noch!

Die frühen Sachen wie „Lamborghini“ oder „10 Pounds to Get In“ natürlich. Aber für mich war dann vor allem noch „Green Man“ ein Meilenstein. Auf diesem Wege habe ich zu Ryuichi Sakamoto gefunden, dessen Sample das Stück ausmacht. Gregor war riesiger Fan des Yellow Magic Orchestras und auf einmal war da so ein ganzes Regalbrett mit -für mich- total abwegigen Sachen. Ich habe Sakamoto gerade letzte Woche live gesehen. Eine Solo-Piano-Show, die der helle Wahnsinn war. Da sitzt man da in der barocken Stadthalle von Heidelberg, lauscht der schon eher kitschigen aber wunderbar mitreißenden Version von „Merry Christmas, Mr. Lawrence“, umgeben von lauter gesetzten und echt bemerkenswert schlecht angezogenen Bildungsbürgern, und muss wieder an die enthemmten 92er Rasenficker denken. Ein Privileg, wie ich finde!

Wie hast Du diese Phase erlebt, als Shut Up And Dance oder 4 Hero auftauchten? Die Musik wurde damals ja noch Breakbeat Techno genannt. Wann wurde klar, dass sich womöglich noch mehr daraus entwickeln würde?

Einen Erweckungsmoment kann ich da nicht benennen. Ich möchte aber eine Episode aus dem Milk zum Besten geben. Anfänglich tat sich der Laden eher schwer. Dann gab es regelmäßig Partys namens „Space Baby“ oder sonstwie. Meist im 14-tägigen Rhythmus. Da war es dann bummsvoll und am nächsten Samstag wieder mau. Wir saßen also eines Abends (ein Nicht-Party-Abend)  im Büro, haben  „Drunter und Drüber“ gespielt (ein simples aber sagenhaft lustiges Brettspiel). Vermutlich wurde viel geraucht und irgendwer irgendwann zu “Pizza Hut” geschickt. Vermutlich der Türsteher, der gerade letzte Woche im Mannheimer Zimmer unvermittelt wieder neben mir an der DJ-Booth stand mit Schnaps in der Hand und „Abfahrt“ brüllte. Jedenfalls war der ewig verschollen und kam irgendwann hinten rein und faselte irgendwas im Sinne: „Hilfe! Da draußen drehen alle durch“. Es war pickevoll, der Barkeeper war der Verzweiflung nahe und keiner wusste warum. Ab diesem Moment gab es allsamstäglich kein Halten mehr!
So ähnlich habe ich auch die musikalische Entwicklung empfunden. Irgendwann war es soweit. Aus einem Manchester-nahen Detroit-Techno-Abend mit deutlich balearischen Zügen ist das Ganze erwachsen. Da ging es ja auch um Interaktion mit dem sich selbst zunehmend als „Milk-Posse“ wahrnehmenden Publikum, dass aus der Breakbeat-Nummer ja durchaus immer mehr Distinktionsgewinn etwa zu Frankfurt gezogen hat.

Interessant war ja dann schließlich auch zu beobachten, dass Holger sich bald wieder für andere Dinge interessiert hat während Sascha tatsächlich zum führenden Breakbeat-DJ wurde. Da gab es dann schon auch Leute, die Breakbeat gefordert haben, während Holger lieber andere Sachen gespielt hat. Auch diesen Split kann ich nicht auf einen Moment beziehen. Und die Bezeichnung Breakbeat-Techno ist ja vor allem insofern richtig, als dass einige der wichtigsten Nummern damals durchaus einen ordentlichen Vierviertelwumms aufzuweisen hatten. Die Sachen auf KMS jener Tage sind ein wichtiges Bindeglied. Weil Breakbeat ohne klassische Reese-Bassline oder auch ohne Inner-City sicher anders gelaufen wäre. „Pennies From Heaven“ etwa, was für Breakbeat-Classic!

Wie wichtig waren Shut Up and Dance für den Fortgang dieser Entwicklung? Wie würdest Du ihre Meriten einschätzen?

Im Fortgang der Entwicklung hatten Shut Up And Dance natürlich noch das, schon erwähnte,  „Raving I’m Raving“ im Ärmel. Ich würde sagen – das war der Peak. Und wie wir ja wissen auch der Beginn des Abstiegs, nachdem die Royalties nicht geklärt waren. Ihre Meriten kann man nicht hoch genug einschätzen. Aber ich würde auch meinen, dass sie ein bisschen Opfer der maßlosen Genre-Klitterung wurden, die dann folgte. Und natürlich der Tatsache, dass sie aufgrund ihrer Probleme in einer Zeit von der Bildfläche verschwanden, in der sich alles rasend schnell gewandelt hat. Dann waren sie auf einmal old school. Ich nehme manchmal noch die Ragga Twins als MCs auf irgendwelchen Raves wahr. Hat ja fast etwas von alternden Rockbands in Multifunktions-Turnhallen.

Ist ihr Einfluss immer noch spürbar?

Ich muss gestehen, deutlich zu wenig Einblick in etwa die Dubstep-Ecke zu haben, um mir über die etwaig wirksamen Einflüsse ein Bild machen zu können. Grundsätzlich würde ich aber vermuten: wenn – dann zu wenig!

Als einer der DJs im Mannheimer Milk-Club, der gemeinhin als die wichtigste Bastion für Breakbeat-Musik in Deutschland galt, waren es Musiker wie Shut Up And Dance, die diese Richtung für Dich vorgaben? Wann und warum wurde klar, dass man sich darauf spezialisieren würde und wie hast Du diese Musik als DJ benutzt?

Zunächst steht fest: Die Richtung für mich haben Holger „Groover“ Klein, Gregor „G.O.D.“ Dietz, Dirk „D-Man“ Mantei und Bassface Sascha vorgegeben, die solche Tunes gespielt haben. Diese Jungs haben Tempo gemacht und mir einen Weg gezeichnet, der andere Optionen eröffnet hat, als sich auf den „Techno“ der „Raving Society“ einzuschießen. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich ziemlich schnell danach die House-Musik jener Tage als aufregender empfand als den nächsten pitched-up Piano-Loop. Aber natürlich waren Shut Up And Dance unfassbar wichtig. „Raving I’m Raving“ war und bleibt eine Hymne. Übrigens ein Grund, warum ich jede noch so augenzwinkernde Sympathie-Bekundung für die uninspirierten Vollpfosten von Scooter ausgesprochen wenig amüsant – nein, Entschuldigung – kreuzdumm finde! Die ironisierende „Distanz“ mit der die immer wieder betrachtet werden macht mich richtig wütend. Dieses postfaktische Anbiedern an musikalischen Bodensatz ist nicht Ausdruck von Erhabenheit sondern von Haltungslosigkeit!

Aber zu den wichtigen Dingen: Es wurde ganz schnell klar, dass man sich auf Breakbeats spezialisieren konnte, als man die Tanzfläche gekillt hat, wenn man zu Techno zurückgekehrt ist. Und die Frage nach der Nutzung als DJ führt ja zu einer für mich wichtigen Erkenntnis. Ich habe einfach immer nachgelegt! Emotional konnte man Wellenbewegungen zeichnen aber energetisch gab es nur eine Richtung: nach vorne. Ich war Kid, ich war all right! Und das ist einer der Punkte, in denen ich mich gerne als “hängengeblieben” bezeichne. Nämlich der Punkt, an dem ich mir in endlosem Ergehen in Schönheit einfach sehnlichst ein Rave-Signal, eine Emotion wünsche! Und einer der Punkte, an dem ich riesige Sympathie für Ed Banger und Konsorten empfinde – auch wenn sich mir persönlich das heute nicht mehr erschließt.

Hattest Du das Gefühl, dass die Art von Musik, die Shut Up And Dance auf den Weg gebracht haben in Deutschland bleibende Spuren hinterlassen könnte bzw. hat es das? Oder ist es doch mehr ein UK-Phänomen?

Ich kann für Mannheim sagen, dass das natürlich Spuren hinterlassen hat. Auch heute existiert kein Plattenladen in der Region, der ohne Drum & Bass auskommt. Ich würde sagen, dass man Spuren am ehesten in der Ragga-Ecke finden wird. Aber man muss schon attestieren, dass vermutlich nicht allzu viel hängen geblieben ist. Die Re-Teutonisierung des Techno war verflucht effektiv. Man muss ja nicht der absoluten UK-Hörigkeit das Wort reden, um das deutsche Musikempfinden zu bedauern.

Hat auch dieses Album bei gegenwärtiger Musik Spuren hinterlassen? Gibt es heute Vergleichbares, dass Du darauf zurückführen würdest?

Das ist schwer zu beurteilen aber ich hatte Mike Skinner ja schon erwähnt. Der atmet sicher auf Umwegen ein wenig diese Luft. Von mir aus auch Jamie T. Aber das erscheint mir alles zu konstruiert. „Now is Early“ schöpft das Gewicht vermutlich weniger aus Einfluss als aus der Sonderstellung. Man muss ja auch sagen, dass Nicolette selbst sich später nicht so angehört hat, als habe „Now Is Early“ Spuren hinterlassen. Insofern einfach mal ein tief empfundenes: „here’s to you PJ & Smiley“ zum Schluss!

Farbstandartgroß 1024x682 Rewind: Sebastian Dresel über Now Is Early

Sebastian „Seebase“ Dresel war nach Holger „Groover“ Klein und Bassface Sascha der dritte im Bunde des Milk-DJ-Teams. Er hat für Groove und Spex geschrieben und lebt noch immer in Mannheim. Dort hat er Ende der 90er mit der „boogiebar“ eine weitere regional legendäre Party-Reihe bestritten. Sein Source-Records Sub-Label Urban Flow brachte es nur auf drei Platten, von denen sich jedoch vor allem C-Rock’s „Confused Workout EP“ dank Villalobos’schem Einsatz immer wieder einiger Beliebtheit erfreut. Heute ist er „Beauftragter für Musik und Popkultur“ der Stadt Mannheim und man sagt ihm enge Nähe zu D*ruffalo nach.

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  1. [...] Sounds Like Me 11/09 [...]

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