Rewind: Ulrich Schnauss über “Force Majeure”

August 23, 2010 | von

Im Gespräch mit Ulrich Schnauss über “Force Majeure” von Tangerine Dream (1979).

0 Rewind: Ulrich Schnauss über Force Majeure

Ich nehme mal an, Tangerine Dream waren nicht so ein gängiges musikalisches Thema zur Zeit Deiner Jugend. Kannst Du Dich noch daran erinnern, wann und wie Du die Band für Dich entdeckt hast?

1991 erschien das Album “Frequencies” von LFO – eine Platte, die mich sehr nachhaltig beeindruckt hat – zum einen musikalisch, zum anderen da sich im Inlay der Text des Openers “What Is House” befindet: im Prinzip einfach eine Aufzählung der wichtigsten Vertreter der elektronischen Musik der vorangegangen Jahrzehnte. In dem Alter hatte ich tatsächlich keine Ahnung, wer Yellow Magic Orchestra oder Tangerine Dream sind – als großer LFO-Fan hat es mich aber interessiert, wen die beiden da als ihre Vorbilder nennen. Ich habe mich dann einfach Stück für Stück durch die Liste durchgearbeitet – als ich schließlich bei “Tangerine Dream” angekommen bin, hatte ich so eine Art musikalisches Erweckungserlebnis.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie Du in den 90ern im kleinen Rahmen eines Clubs Deiner Geburtsstadt Kiel ein DJ-Set mit Deinen liebsten Tangerine Dream-Platten bestritten hast. Hattest Du damals schon die musikalischen Ideen im Kopf, die Du dann an anderen Orten umgesetzt hast? Wie wichtig waren Tangerine Dream für Deine persönliche Entwicklung als Künstler?

Ja, ganz bestimmt – ich habe eigentlich seit meiner Kindheit eine bestimmte Art von Musik im Kopf, die ich gerne irgendwann machen würde – alles was ich veröffentliche ist Teil eines langsamen Annährungsprozesses an dieses Ziel.

Tangerine Dream war für mich in verschiedener Hinsicht wichtig – grundsätzlich erst einmal um zu erkennen, dass man mit Hilfe von elektronischen Instrumenten nicht nur Dance-Musik machen kann – für Jemanden, der zum ersten mal bewusst Synthesizer im Rahmen von Acid House gehört hat, ist das nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Zum anderen finde ich Edgar Froeses Herangehensweise an dieses elektronische Instrumentarium immer wieder inspirierend und das ist zu einer Art Leitidee auch für mich geworden: anstatt die Technik zum Fetisch zu erheben und die Transformation zur “Menschmaschine” zu propagieren (wenn auch zunächst in ironischer Brechung), steht das Werk von Tangerine Dream für ein Modell, bei dem der Mensch der bestimmende Faktor bleibt – das Sounddesign von Tangerine Dream unterscheidet sich grundsätzlich: warme, organische Farben, die den Hörer auf eine “Reise im Kopf” (pardon für das Klischee!) schicken – weit entfernt von technokratischer Kälte und büro-germanischer Sterilität (wobei ich nicht bestreiten will, dass sich unter dieser Voraussetzung nicht auch interessante Musik produzieren lässt – mich persönlich hat das allerdings nie sonderlich gereizt).

Tangerine Dream sind immer sehr produktiv gewesen. Warum Hast Du Dir aus ihrem Backkatalog “Force Majeure” ausgesucht? Was macht das Album so wichtig für Dich?

Letzten Endes ist das eine völlig subjektive Entscheidung – ich finde einfach alles an diesem Album fantastisch – ich weiß gar nicht, ob ich unbedingt versuchen will, das analytisch zu begründen.

Das Album besteht ja nur aus drei Stücken und ist sicherlich darauf angelegt als Ganzes gehört zu werden. Gibt es für Dich trotzdem Höhen und Tiefen, oder ist “Force Majeure” ein Gesamtkunstwerk?

Das Finale des Titelstücks ist für mich schon ein Höhepunkt – obwohl ich “Force Majeure” auch deshalb schätze, weil es ein so konsistentes Album ist.

Diese 8 Minuten gehören für mich auf jeden Fall zum Schönsten, was jemals an Musik veröffentlicht wurde.

Gerade bei “Cloudburst Flight” sind aufällige Progrock-Elemente zu hören, dessen Blütezeit zum Erscheinungsdatum des Albums im Jahre 1979 eigentlich schon vorbei war. Was mag Tangerine Dream dazu bewogen haben, die Musik so anzulegen, und wie würdest Du “Force Majeure” in ihr gesamtes Schaffen einordnen?

Grundsätzlich finde ich zwei Arten von Alben besonders spannend – Platten auf denen man die Euphorie der Entstehung von etwas Neuem hört (“Phädra” wäre im Tangerine Dream-Katalog solch ein Moment) und die Alben, die sich mit Gelassenheit und Detailaufmerksamkeit, reflektierend mit einem musikalischen Thema auseinandersetzen. “Force Majeure” gehört sicher in die letzte Kategorie: es ist ein mit großer Souveränität erstelltes Resümee der progressiven Musik der 70er Jahre – von abstrakten Klangcollagen (in denen sich noch Traditionslinien der Musique Concrete erahnen lassen), über rauschhafte Sequenzerpassagen bis zu den von dir erwähnten proglastigen Parts ist alles vertreten.

Tangerine Dream werden gerne mit Kraftwerk verglichen, obwohl sich die Musik beider Bands doch schon sehr früh auseinander entwickelte. Andererseits sieht man sie auch oft im Kontext von Progrock-Bands wie Pink Floyd. Machen solche Vergleiche in Hinsicht auf Einflüsse bei Tangerine Dream überhaupt Sinn, oder wird da ihre Originalität vernachlässigt? Sind sie vielmehr selber stilprägend gewesen? Welche Rolle haben Tangerine Dream in der Musikgeschichte gespielt?

Vergleiche machen -finde ich- immer Sinn. Für mich wäre das Ergebnis eines solchen Vergleiches klar, dass Tangerine Dream eine stilprägende Rolle gespielt haben. Der Einfluss von Kraftwerk ist in allen Formen moderner Tanzmusik von Techno bis R&B hörbar – Vieles was seit den 90ern unter dem begriff “Trance” läuft, klingt sehr nach Schulze – Indie würde ohne Neu!, Harmonia & Co sicher völlig anders aussehen – die Beispiele ließen sich fortsetzen. Tangerine Dreams großes Verdienst ist die Rekonstruktion der Romantik unter Zuhilfenahme der neu zur Verfügung stehenden Technologien (Synthesizer, Effekte, Sequenzer etc.) – ich verwende diesen Begriff im Wissen darum, dass manch einer mich nun als reaktionär abstempeln wird – ich würde dem entschieden widersprechen wollen, aber ein solches Interview ist sicher nicht der geeignete Rahmen. Generell würde ich sagen: kaum eine Stilrichtung psychedelischer, eskapistischer oder einfach melancholischer Musik der letzten 30 Jahre ist ohne die Vorarbeit von Tangerine Dream denkbar.

Gibt es in diesem Bereich andere Musik, die Dir ähnlich gut gefällt wie Tangerine Dream?

Neben den genannten Projekten um Harmonia, Cluster, Neu! etc. mag ich Yellow Magic Orchestra und die entsprechenden Solosachen sehr. Auch Manuel Göttschings diverse Projekte sind für mich unverzichtbar. Eno und Pink Floyd sowieso.

Du hast ja auch eine große Vorliebe für die Musik der Bands und Musiker, die mit der unglücklichen Bezeichnung “Shögaze” leben müssen. Ein Genre, das ja auch nicht unwesentlich von Tangerine Dream und ihren Zeitgenossen beeinflusst ist. Stört Dich das, wenn Deine eigene Musik mit diesen Begriffen, Einflüssen und musikalischen Vorlieben in einen Topf geworfen wird, auch weil Hörer oder Journalisten sie eventüll anders gar nicht beschreiben können? Sind das Verhältnismäßigkeiten, von denen Du Dich bewusst emanzipieren musst, oder fühlst Du Dich eher davon geehrt?

Ich freu mich eigentlich immer, wenn meine Musik mit Sachen verglichen wird, die mir viel bedeuten. Wert lege ich lediglich darauf, dass nicht der Eindruck entsteht, ich würde diese (sicherlich durchaus offensichtlichen) Einflüsse einfach nur kopieren.

2000 hast Du das Stück “Icewalk” von Johannes Schmölling gemixt, der ja auch eine zeitlang Mitglied von Tangerine Dream war. Wie ist es dazu gekommen?

Ein Freund von mir (Robert Wässer, mit dem zusammen ich den Mix aufgenommen habe) hat Johannes und mich einander vorgestellt.

Hattest Du als jemand, dessen Musik oft mit Tangerine Dream assoziiert wird, andere persönliche Berührungspunkte mit Mitgliedern von der Band?

Jerome (Edgars Sohn) ist ein langjähriger Freund von mir – über ihn hatte ich auch die Gelegenheit, Edgar kennenzulernen.

Du arbeitest ja regelmäßig mit anderen Künstlern zusammen. Könntest Du Dir auch eine Kollaboration mit Tangerine Dream vorstellen, oder ist das eher keine wünschenswerte Option?

Über eventuelle Kollaborationen rede ich in Interviews grundsätzlich eher ungern.

Wie reagieren eigentlich die Fans von Tangerine Dream auf Deine Produktionen? Bist Du bei dieser doch beachtlichen Fanbasis wohlgelitten?

Erstaunlicherweise habe ich aus dieser Richtung viel Positives gehört – obwohl ich gar nicht finde, dass meine Sachen (abgesehen von den bereits besprochenen methodischen/philosophischen Überlegungen) so sehr nach Tangerine Dream klingen.

Es ist auffällig, dass Tangerine Dream immer gerne und oft live aufgetreten sind, mit zumeist großem Aufwand. Warum spielen Tangerine Dream oder auch Jean-Michel Jarre so regelmäßig in so einem großen Rahmen, wohingegen der moderne Elektronikmusiker eher in einem Clubkontext auftritt? Liegt das am Pionierstatus und der langen Karriere der Erwähnten, oder ist das auch künstlerisch bedingt? Ist ihre Musik dafür besser geeignet als andere elektronische Musik?

Ich glaube, das ist kein elektronik-spezifisches Phänomen, sondern der generellen Veränderung der pop-kulturellen Landschaft geschuldet. Nie war der Graben zwischen Mainstream und Underground tiefer als heute – selbst eine Band wie Pink Floyd hätte bei vergleichbar anspruchsvollem Programm heute nur einen Bruchteil ihres damaligen Publikums.

Für mich liegt der Grund darin, dass über die letzten 10 Jahre speziell die Musikbranche immer mehr zu einem reinen Dienstleistungsbereich, der möglichst viele Kunden möglichst wenig fordern möchte, geworden ist.

Ich will gar nicht darüber jammern (gute neue Musik gibt es nach wie vor sehr viel) – aber es bleibt natürlich nicht folgenlos, wenn z. b. in ehemaligen Musikmedien kein Platz mehr für Spartenprogramme, sondern lediglich für Klingeltonwerbung ist. Man mag mit Befremden auf das zum Teil elitäre Gehabe einiger Journalisten der 70er und 80er blicken, allerdings hat es durchaus bewirkt, dass ein gewisses Niveau nicht unterschritten wurde und selbst Randthemen eine gewisse Präsenz erreichen konnten.

Heute hingegen werden alternative Ansätze in immer kleiner werdende Nischen abgedrängt – was das Bestreiten von Gigs angeht, bedeutet das halt: Club statt Konzerthalle.

Die Ironie der aktuellen Situation liegt darin, dass man sie als Ergebnis eines großen Demokratisierungsprozesses interpretieren kann:

nachdem es aufgrund ökonomischen Drucks aufgegeben wurde (Quotensystem, Privatisierung der Rundfunk- und Fernsehlandschaft), das Publikum zum “guten Geschmack” zu zwingen, läuft der Mob eben geradeaus zu RTL2 statt zu Arte – vom Internet ganz zu schweigen. Ich glaube aber, dass es letztlich wenig bringt, sich darüber aufzuregen; Musiker haben zudem – besonders da sich durch einbrechende Verkaufszahlen selbst in den übrig gebliebenen Nischen die Bedingungen verschärfen – kaum die entsprechende Zeit und Energie.

Gibt es da künstlerische Konsequenzen, die auch Deine eigenen Liveauftritte betreffen? Grenzt Du Dich bewusst von solchen Konzepten ab, oder würde Dich ein solcher Rahmen auch reizen?

Ich hätte kein Problem damit, auch größere Gigs zu bestreiten – aber wie gesagt: unter den gegeben Rahmenbedingungen ist das mehr als unwahrscheinlich.

Hast Du Tangerine Dream selbst mal live erlebt?

Ja, vielleicht so um die 6 bis 8 Mal.

Mir kommt es immer so vor, als würden Tangerine Dream völlig unbeirrt ihre Sache weiterverfolgen. Gibt es Wechselwirkungen zwischen der Band und aktüllen Entwicklungen elektronischer Musik, oder läuft das weitestgehend unberührt voneinander ab? Fallen Dir Momente ein, wo Tangerine Dream sich von anderen modernen Musikern beeinflussen ließen, und auch umgekehrt?

Ich habe den Eindruck, dass Edgar durchaus die aktuellen Entwicklungen wahrnimmt – ich rechne es ihm allerdings hoch an, dass er zu keinem Zeitpunkt versucht hat, sich an eine gerade gehypte Szene ranzuschmeißen.

Im umgekehrten Sinn gibt es sicher eine Menge Beispiele: ich kann mich an viele Interviews und Aussagen von Künstlern erinnern, in denen Tangerine Dream als Inspiration genannt wird – natürlich ganz besonders im Elektronikbereich (Future Sound Of London oder Autechre zum Beispiel).

Wie steht es mit Deiner Begeisterung für Tangerine Dream? Verfolgst Du ihre Aktivitäten immer noch?

Ja – mir gefallen nicht alle Sachen, aber besonders unter Edgars Soloarbeiten finden sich meiner Meinung nach weiterhin absolute Perlen. “Armageddon In The Rose Garden Part 2″ zum Beispiel ist eines meiner Lieblingsstücke der letzten Jahre.

london ulrich 2 682x1024 Rewind: Ulrich Schnauss über Force Majeure

(Photo by Ryan Policky)

At once uplifting and otherworldly, the music of Ulrich Schnauss combines multilayered synthesizers with beats and ethereal vocals, serving as an aural escape route from the trappings of reality. As Schnauss explains, ‘I’ve always used making and listening to music as a way to escape – putting on headphones is a great way to leave reality behind for a while, reminding yourself why it still makes sense to carry on.’
Aside from releases under his own moniker, Schnauss also plays keyboards for Engineers, and Longview, and has lent his hand to the production of recent albums by Kirsty Hawkshaw and Exit Calm. Regularly enlisted as a mixer, remixer, producer, DJ, and artist in his own right, Ulrich Schnauss may use music as a way to escape, but today he seems firmly rooted in the business, albeit constantly pushing against its staid sonic boundaries. Born in 1977 in Kiel, Germany – a post-industrial seaport at the Baltic – Schnauss began improvising chord changes on an old piano in his parents’ flat; a process which remains the backbone of his songwriting to this day. Once settled on a basic chord structure, Schnauss combines programmed synths with layered basslines and rhythms, to consciously adorn each piece with certain emotions and textures.
The titles of Ulrich Schnauss’s studio albums to date – Far Away Trains Passing By, A Strangely Isolated Place, and Goodbye – hint at the artist’s backwoods background, growing up in the ‘cultural wasteland that is rural Germany’. Unable to find like-minded people to create music with, Schnauss’ aural vision became liberated by his discovery of the synthesizer, enabling him to create multilayered compositions on his own, with an aim to ‘translate the aesthetics of the ‘shoegazing’ sound into an electronic context’. Inspired by the alternative guitar bands of the late 80s/early 90s (Slowdive, Chapterhouse, My Bloody Valentine etc.) as well as Acid House and early electronica (Tangerine Dream, 808 State, The Orb), Schnauss began developing his own distinct sonic palette, melding delicate dreampop sensibilities with ecstatic electronic excess, defying the constraints of traditional music genre boundaries.
After a move to Berlin and a slew of ambient, beats-based releases in the latter half of the 1990s – under the pseudonyms View to the Future and Ethereal 77 – Ulrich Schnauss felt confident enough to employ a more freeform approach and began recording ‘little electronica pieces’, culminating in the first album released under his own name, 2001’s Far Away Trains Passing By. As if adhering to a ‘less is more’ ethic, Ulrich created an album which is by turns spare and yet awash with melody. 2003’s A Strangely Isolated Place develops Schnauss’ ambitions to capture the dense, oscillating shoegazing sound, pushing the use of layered, modulated synth patterns to euphoric sonic effect. The inclusion of Judith Beck’s vocals on tracks such as ‘Gone Forever’ and ‘On My Own’ lends a human familiarity to the music. 2007’s Goodbye sees his multilayered approach expanded to include a variety of live instrumentation and guest players, including members of Longview, Chapterhouse and Below the Sea plus vocals by Judith Beck and Schnauss himself. The album is unashamedly complex and daring in its layering of hundreds of separate manipulated synth tracks.
After an initial struggle to perform the unique, interchanging nuances of these tracks live, Schnauss’s discovery of Ableton software has enabled him to build new arrangements on the spot, lending diversity and distinction to each performance. ‘I can also react to the atmosphere of the room,’ he explains, ‘sometimes playing more ambient; sometimes more rhythm-orientated versions of the songs.’
Today, Schnauss expresses a renewed interest in more direct electronic sounds, and aims to substitute traditional verse-chorus-verse structures for more freeform atmospherics. Stripping back the orgiastic excess of multilayered instrumentation, Schnauss is currently working on an album which intends to celebrate the synthesizer – the long-time cornerstone of Schnauss’s sound – as a musical instrument in its own right.

Bio by Richard Milward

1 Star (3)
Loading ... Loading ...

1 KOMMENTAR

  1. [...] Sounds like me 08/10 [...]

Kommentar verfassen