Statusterroristen

September 09, 2009 | von Eva Kaczor

Boot slme Statusterroristen

In den letzten sieben Tagen an der Steilküste Amalfis hat mein Finger tatsächlich ein paar Mal gezuckt. Zu gern wollte er zu Twitter, um meine Follower mit gut getarnter Ego-Aufwertung vor Neid erblassen oder zumindest hektisch nach vergleichbar ästhetischen Erlebnissen fahnden zu lassen. Ich habe den Finger festgehalten und ihn mit dem anderen ausgeschimpft. Schliesslich waren wir hier um uns zu erholen, vom Statusterrorismus, der sich seit einiger Zeit unter meine sozial-medialen Freunde gemischt hat.

Seit Monaten vergeht keine Minute, ohne dass mich ein Zweizeiler tief ins Mark trifft – wie der Einkaufswagen von hinten auf die Achillessehne.
„Just had the moment of my life“. „Danke an alle für diese Wahnsinns-Party gestern“. „Wo kommt dieser krasse Workflow nur plötzlich her?“. „De-Toxing seit zwei Wochen“.
Während Achilles aufheult, scanne ich blitzschnell mein aktuelles Leben nach selbsterhöhenden Kontern ab und tippe eilig: „Ich trinke jetzt immer Freitags einen Kaffee mit der Inspiration.“
Dann atme ich durch und schäme mich ein bißchen.

Twitter und Facebook sind für uns zu privaten Kunstsammlungen geworden. Hier bauen wir die Galerien unseres Lebens und diese oft in knallpink und rosarot. Die Grautöne werden weggesperrt, in die nicht-öffentliche Ecke der Seelen-Ausstellung gestopft. Schafft es einer von ihnen doch ins Facebook Kästchen, dann ertappe ich mich dabei wie sympathisch mir diese ehrliche Missgelauntheit oder Unsicherheit ist. Sie verschafft mir Erleichterung vom angestrengten Mithalten im Lauf um das aufregendste Dasein.

Ich laufe mit, weil es befriedigend ist von sich selbst zu erzählen und gleichzeitig macht es mich rast- und ratlos. Ich kann nicht mehr allein sein. Mein Idealbild zerrt beständig am Twitter Finger und will nach draussen hin erzählt sein. Und ja, es macht Spass. Vorallem, wenn alles super läuft. Dann feiert es mit den anderen Idealen die ewig gute Party. An den Tagen an dem dies nicht so ist, fühle ich mich wie im falschen Film und frage mich beim Betrachten der Partybilder vom Tag zuvor, warum den niemand einfach bei mir angerufen und mich mitgenommen hat.

Die Lösung. Ich kenne sie nicht. Es geht mir nicht ums Predigen von schonungsloser Ehrlichkeit in guten wie in schlechten Zeiten, schließlich weiß man nie wer mitliest. Vielleicht aber sollten wir ein bisschen mehr ironische Gelassenheit an den Tag legen und uns dem ständig rauschenden Status-Stroms einfach mal verweigern.

wasser slm Statusterroristen

1 Star (3)
Loading ... Loading ...

Kommentar verfassen