Ingmar Bergman & Bob Richardson vs. Rauchverbot

Kategorie: bob richardson | August 26, 2009 | von Jan Joswig

bergman Ingmar Bergman & Bob Richardson vs. Rauchverbot
(Filmstill aus: Ingmar Bergman, Sommer mit Monika, 1953)

In Berlin darf seit eineinhalb Jahren im Nachtleben weitgehend nicht mehr geraucht werden – doch alle tun es. In Istanbul gilt das Nichtrauchergesetz seit einem Monat – und jeder hält sich dran. Die Istanbuler sind nicht gehorsamer, sie werden nur besser bespitzelt. Etwa 4.000 Istanbuler Kontrolleuren, die Delinquenten auf Kopfgeldbasis jagen, stehen in Berlin völlig unterbesetzte Ordnungsämter gegenüber, die nur bei Anzeige tätig werden – und ab 22 Uhr Feierabend machen. Gut für Berlin. So bleibt eines der romantischsten Rituale von Liebespaaren erhalten.
Wer denkt, Raucher sind alles blöde Marlboro-Cowboys und –girls oder im besten Falle Möchtegern-Existentialisten, denen man den Stengel, an dem sie ihre Großtuerei festmachen, ruhig wegnehmen sollte, vielleicht werden sie dann mal erwachsen und man kann vernünftig mit ihnen über Rotwein reden, weil sie endlich mal was schmecken, der übersieht das Entscheidende: Geteilter Rauch bedeutet doppelte Romantik.

richardson Ingmar Bergman & Bob Richardson vs. Rauchverbot
(Foto aus: Bob Richardson, Damiani Editore)

Das wussten schon Ingmar Bergman in den 50ern und Bob (der Vater von Terry) Richardson in den 70ern. Dem Partner die Zigarette halten, auf dass er eine Knutschlaube aus Qualm herausblase, einen ephemeren Rauchschutzwall für die Liebenden, hinter dem sie wie unter Wasser, wie unter Schnee, wie jenseits dieser Welt Lippen auf Lippen erzittern lassen können, das wirkt so zart wie schamhaft.
Der Zigarettenrauch ist die Zärtlichkeit der Nicht-Exhibitionisten in unserer Social-Network-Gesellschaft. Und so wird Berlin vielleicht doch wider alles Erwarten attraktiver bleiben als die Brodelmetropole Istanbul mit ihrem regiden Rauchverbot.