Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist momentan nicht nur das neue Mekka der erholungssuchenden Hauptstädter, die das Areal zwischen Landebahn, Vogelwiese und BBQ-Fläche als neugewonnene Freifläche nutzen, der Ex-Zentral-Flughafen ist diesen Sommer auch einmal mehr der Pilgerort für Design-Pros. Knapp einen Monat bevor es im Rahmen der Modemesse Bread & Butter Berlin um Textiles geht, hatte sich diese Woche das nun schon zum 8. Mal stattfindende DMY International Design Festival in den ehemaligen Hangarn eingemietet.

Wer sich die Neuheiten von up-and-coming Designern, Hochschulen und etablieren Firmen (DMY Youngsters vs. DMY Allstars) ansehen wollte, musste in jedem Fall eines sein: gut zu Fuß. Der Weg von der ehemaligen Abfertigungshalle bis zur eigentlichen Ausstellung ließ Flughafen-Flair aufkommen – und moderne Annehmlichkeiten wie Rollbänder vermissen…Belohnt wurden die Besucher, die (wie eine nicht-repräsentative Umfrage bewies) vor allem aus Design-interessieren und anderen Designern bestand, dann aber mit einer Fülle von gleichermaßen innovativen und visuell ansprechenden Produkten belohnt.

"Cassette Is Not Dead" von OOO My Design

"Chopstix Besteck" von designstudents for rent
Die Spannbreite reichte davon einfachen Alltagsobjekten, wie dem kombinierten Besteck-Chopstick-Set (designstudents for rent) bis zur Kassetten-Lampe von Vanesa Moreno Serna des Labels OOO My Design aus dem spanischen Valencia. Und auch des Designers liebstes Produkt, der Stuhl durfte natürlich nicht fehlen. Ob aus zusammengeklebten Bauklötzen oder mit wattiertem Stoff überzogen (beides vom niederländischen Designer Pepe Heykoop), als 3-in-1-Variante von Paul Menand, einem Studenten der Ecole Supérieure des Arts Decoratifs in Straßburg oder aus ausrangierten, zusammengepressten Kleidungsstücken wie beim „Remembermechair“, des Designers Tobias Juretzek – der Sitzmöglichkeiten Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt.

Stuhl von Pepe Heykoop

Tobias Juretzek in seinem "remembermechair"

Arbeiten der Studenten der Ecole Supérieure des Arts Décoratifs Straßburg
Dabei geht es den Designern aber nicht nur um Optik und Funktion, sondern um Tieferes: Bei Juretzek bekommen „Kleidungsstücke, die nicht mehr getragen werden, aber noch einen emotionalen Wert haben, einen neuen Aufbewahrungsort in den Möbeln“. Das textile Tagebuch mit Mehrwert sozusagen – oder Recycling zum Draufsitzen.
Mehr als nur ein Stuhl, sondern eine Weltanschauung, möchte man fast sagen, ist auch der 24-Euro Stuhl von Le van Bo. Der Berliner mit laotischen Wurzeln hat aus einem einzigen Brett für 24 Euro, in 24 Stunden eigenständig einen Stuhl gebaut, der ohne eine einzige Schraube auskommt. Als Hobby. Und nun hat van Bo ein Projekt draus gemacht. Das nennt der 33-jährige aufmerksamkeitsträchtig „Hartz IV-Möbel“, was aber keineswegs zynisch gemeint ist – wenn van Bo anfängt über sein Projekt, merkt man, dass er weiß, was es heißt mit wenig Geld leben zu müssen. Inzwischen ist das in seinem Leben zwar kein Thema mehr, aber es beschäftigt ihn. Das Möbelprojekt mit dem Motto „Konstruieren statt konsumueren“ ist aber nach wie vor ein Hobby, sein Geld verdient er in seinem erlernten Beruf, als Architekt. Und verkauft wird ohnehin nichts – den Bauplan des Stuhls darf sich jeder selbst online downloaden. Und dann zusammenbauen. DIY ist das Ding – zurück den eigenen Fähigkeiten, den eigenen zwei Händen.

Le van Bo in seinem 24-Euro-Stuhl
Neben diesen und anderen Sitzmöglichkeiten jeder Couleur gab es aber auch andere Dinge, die das Leben im Eigenheim wahlweise schöner oder praktischer machen zu bestaunen. Ersteres geht gut mit der „Swing Necklace“ von Johanna Richter – ihre an eine Perlenkette erinnernde Schaukel ist zwar irgendwie auch eine Sitzmöglichkeit, vor allem aber Eyecatcher und Entertainment-Objekt in einem. Richter, die Innenarchitektur studiert hat, stellte ihre Arbeiten im Rahmen des Kollektivs MyMyMy vor, gemeinsam mit ihren zwei Kollegen Ilja Oelschlägel und Robert Haslbeck. Letztgenannter, der an der an der Burg Giebichstein Hochschule für Kunst und Design in Halle Industrie-Design studiert hat, stellte seinen tragbaren Tisch namens „Under-Koffer“ vor, der zusammengeklappt zur handlichen Tragetasche wird. Und um Mobilität geht auch bei seinem Rollwagen namens „Rolf“, der wie ein aufgehübschter Supermarkt-Wagen daher kommt, und mit den Holzkisten namens „Karsten“ zum Regal wird und Industrie-Charme wohnlich macht.

"Swing Necklace" von Johanna Richter

Rollwagen "Rolf" und Tisch "Under-Koffer" und andere Arbeiten von MyMyMy
Im Rahmenprogramm gab es neben Satelliten-Ausstellungen im Berliner Stadtraum auch einen Hands-on-Workshop, sowie den DMY-Award – für Unterhaltung war also gesorgt. Intellektuell durfte sich im Rahmen des Symposiums der Kopf über die Frage „Are Nerds The New Designers?“ der Kopf zerbrochen werden. Die Antwort war erwartungsgemäß uneindeutig – fest steht aber, dass neue Technologien und Software dem Design neue Möglichkeiten bieten. Aber auch wer sich auf die reine Ausstellung beschränkte, konnte Stunden in den Hangarn verbringen und seien Sinne stimulieren. Und das Fazit des diesjährigen Festivals lässt sich einmal mehr mit den Worten „Es gibt nichts, das es nicht Wert wäre neu durchdacht zu werden“ zusammenfassen.