LEONARD COHEN AT THE ISLE OF WIGHT: Eine starke Erfindung seiner selbst

Leonard Cohen ist – da verrate ich kein Geheimnis – neben Bob Dylan, Tom Waits, Hank Williams oder Townes van Zandt einer der größten Singer-Songwriter überhaupt. Das hat er nach langer Abwesenheit auf seiner noch andauernden Welttour allen gezeigt, die ihn schon im Zen-Kloster auf Mount Baldy verschwunden glaubten. Trotz zuletzt leider etwas lieblos produzierter Alben.
Wer erleben will wie dieser Mann 1970 mit seinen Songs und Gedichten ein wildgewordenes Open-Air-Festival zähmte, der sollte sich „Leonard Cohen at the Isle of Wight“ zulegen. Auf CD und DVD ist hier zum ersten Mal das ganze legendäre Konzert zugänglich.
Legendär nicht nur, weil Cohen zunächst etwas wacklige, dann aber immer wundervollere, seltsamerweise völlig intime Versionen seiner Songs wie ‘Bird on a Wire’, ‘Suzanne’, ‘So long, Marianne’ oder ‘Famous Blue Raincoat’ spielt. Songs, die zu den besten gehören, die je geschrieben wurden.
Legendär auch, weil er es war, der, nachts um zwei aus seinem Wohnwagen gezogen, nur eine helle Safari-Jacke über seinem Pyjama warf und 600.000 Leute besänftigte, die seit fünf Tagen in Dreck und Regen saßen, die Veranstalter beschimpften, Musiker wie Kris Kristofferson ausbuhten und beim Jimi Hendrix Gig die Bühne anzündeten. Das mit Abstand größte Pop-Festival Europas war aus dem Ruder gelaufen.
Dann kommt dieser Mann auf die Bühne: seit Tagen unrasiert, völlig übermüdet, restbetrunken und/oder auf sonstwas druff. 20 Minuten braucht er um seine Gitarre zu stimmen; das sehen wir zum Glück nicht. Wir sehen wie er zum Mikro schlurft, in die Nacht schaut und die Leute bittet, sie mögen ein paar Streichhölzer anzünden, damit er sie sehen kann. Und sie einander.
Das ist auch schon die einzige Geste, die unter Spät-Hippie-Vedacht stehen könnte. Der Rest des Auftritts ist, nachdem Cohen und seine etwas verpennte Begleitband – „The Army“ – sich eingegroovt haben, schnörkellos, unsentimental und zeitlos.
Über die Frage nachdenkend, warum er in dieser Nacht ausgebuht wurde, Cohen aber nicht, sagt Kristofferson in einem der kurzen Interviews des Films: Cohen sei einfach ein zu guter Performer gewesen. Jemand, der nur kam um seine Kunst zu machen, ohne sich um irgendetwas anderes zu kümmern.
Das beschreibt in seiner scheinbaren Paradoxie, was Cohens Aufritt 1970 so großartig machte, und seine Konzerte seither immer wieder: Ein ‘Performer’ braucht keine Show, keine Choreografie, kein Kalkül. Selbst wenn er sich zwischen den Songs ein paar Sätze zurechtlegt, spricht er sie jedes Mal so, als fielen sie ihm in diesem Moment ein.
Die ganze Magie dieser Kalküllosigkeit, die nur Kunst zeigen will und auf deren Wirkung vertraut, entfaltet erst die Dokumentation von Murray Lerner. Wo man auf der CD vor allem die Fehler hört, die gezogenen Töne, die verschleppten Tempi, entsteht in den Bildern vom ersten Close Up auf Cohens Gesicht an etwas, das man eignentlich nur Aura nennen kann. Wie jemand aus geweiteten Pupillen ins Dunkel starrt, Luft holt und beim ersten Ton die Stirn in Falten legt. Die Augen schließt.
Das hat weniger mit der postmodern so unglaubwürdig gewordenen ‚Authentizität’ zu tun. Cohen ist auf der Bühne vielmehr eine unglaublich starke Erfindung seiner selbst – eben weil er keine Show macht, weil er nicht versucht, Entertainer zu sein, weil er niemanden „Do you feel alright?“ fragt. Weil er einfach nur seine Songs singt, seine Gedichte spricht, love it or leave it. Und genau darum möchte man von niemandem lieber gefragt werden, wie es einem eigentlich gerade geht.