Kondensat einer Seifenoper – Phil Collins

Hände hoch, Schlampe!
Phil Collins schafft Situationen. Situationen, die manchmal nur unmerklich verschoben sind und manchmal die Realität persiflieren. Wo das Reale nah an der Persiflage seinerselbst ist, sticht der 40-jährige Engländer zu. Weil das manchmal zynisch wirkt und die Gesellschaft auf die Kennzeichnung ihrer eigenen Zynismen allergisch reagiert, brandet Collins zuweilen eine gewisse Ablehnung entgegen. 2006 hat er z.B. den Turner Prize nicht gewonnen. Das kann an der ungewöhnlichen Malerei der Konkurrentin und Gewinnerin Tomma Abts gelegen haben, aber auch daran, dass Collins’ Beitrag nicht zimperlich mit der Volksseele umging. In „Return of the Real“, für das Collins ein TV-Produktionsstudio in die Tate Gallery baute, ließen sich sogenannte Talkshow-„Opfer“ noch einmal vor der Kamera über ihr mutmaßliches Leid aus, lieferten sich aber bedingungslos aufs Neue ihrer medialen Ausweidung aus.

Gib Küsschen, Mütterchen
In Berlin ist Phil Collins zurzeit mit zwei Ausstellungen vertreten. Die Temporäre Kunsthalle hat er zum Autokino umbauen lassen, um passend zur Berlinale der aussterbenden Location zu huldigen. In der daad-Galerie zeigt er einen seiner neuesten Filme. Der Titel „Soy Mi Madre“ erinnert an Almodóvars „Todo Sobre Mi Madre“. Doch erfährt man hier kaum etwas über eine Mutter, stattdessen outet sich die in die Enge gedrängte Protagonistin der auf eine knappe halbe Stunde einreduzierten, mexikanischen Telenovela als ihre eigene Mutter.

Drink doch ene met, stell disch nit esu ann...
Ein brisantes Eingeständnis, verständlich natürlich nur in der ganz eigenen Logik einer Seifenoper. Collins Kurzversion läuft in vier Akten, bei denen die Schauspielerinnen jeweils ausgewechselt werden, ganz so wie es auch bei tatsächlichen Fernsehserien der Fall ist. Collins benutzt diese eigentlich ungewollte Substituierung, die normalerweise nur die nach Identifikation mit den Rollen sehnenden Zuschauer verwirrt, als ästhetisches Stilmittel. Putzfrauen morphen zu Müttern. Das Dienstmädchen verändert sich ganz subtil, denn wer erinnert sich schon an das Gesicht des Personals. Und der Charakter Sables, der schrillen Dame des gehobenen Haushalts in dem „Soy Mi Madre“ spielt, wird mit jeder Auswechslung schriller, der Kleidungsstil exaltierter, die Physiognomie derangierter.

Wenn Gesichts- und Schulterpolster ins Rutschen geraten
Der Plot: moralisch unterdrücktes Hauspersonal ist in Geldnöten, el Señor trinkt gern mal ein Gläschen, la Señora treibt es mit dem Freund des Zimmermädchens, letzterer haucht sein Leben in einem Blutbad aus, am Ende stehen Umkehrungen der Hierarchien, gelüftete Geheimnisse, frustrierte Flucht in die Resignation, Drohungen und Demütigungen.

Ich bin meine Mutter. Ja, ich, ich!
Willkommen an einem ganz normalen Fernsehnachmittag in Mexiko-Stadt. Collins hat die kondensierte Episode stilecht und detailreich mit telenovelaerprobtem Ensemble gedreht, schwenkt beim Wechsel der Kapitel hin und wieder pseudodokumentarisch in den Bühnenhintergrund und baut beim Publikum ganz schnell den besonderen Sog des Unterschichtenfernsehens auf. Mit dem großen Vorteil, dass wir nach kaum 30 Minuten entlassen sind und kein „to be continued“ fürchten müssen.
Phil Collins, daad-galerie, Zimmerstraße 90-91, Berlin-Mitte, noch bis zum 20. März 2010

Töten, was ich nicht mehr lieben kann...













