Incredible strange unfriendly

Kategorie: Franz & Josef | January 06, 2010 | von

Ist der erste Kauf des Jahres ausschlaggebend für Zwanzigzehn oder gleich die ganze Dekade? Sind Besitzer von Plattenläden eine wirtschaftsevolutionär besonders regressive Spezies von Einzelhändlern? Haben Dienstleistungsgesellschaft und Wissensgesellschaft keine gemeinsame Schnittmenge? Fragen, die ich mir wohl nicht gestellt, wären sie mir nicht so uncharmant aufgedrängt worden.

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Plattenspieler

Eine Freundin und Liebhaberin von „incredible strange music“, wie es die Spex Mitte der 1990er Jahre genannt hätte, beging am 2. Januar ihren Geburtstag. Kein besonders dankbares Feierdatum, aber immerhin erster verkaufsoffener Tag des neuen Jahres. Der Plattenladen auf der Kastanienallee war leer, die Plattenkisten wie üblich für Second-Hand-Shops zu eng befüllt, die Platten den Geruch jahrelanger Kelleraufbewahrung auf den Fingerspitzen hinterlassend, der Plattenladeninhaber unter seiner Smutje-Mütze freundlich lächelnd.

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Abtasten

Vermeintlich freundlich. Nachdem ich eine Kiste durchgeblättert habe, lässt mich die Musik aufhorchen: instrumental, eigenartig, seltsam. Könnte also etwas taugen als Geburtstagsgeschenk. „Entschuldigung, was läuft denn da gerade?“ – „Das kannst du kaufen, aber Fragen beantworte ich nicht.“ Incredible strange reply, aber egal, nach langer Konsumsozialisation im rauen Berliner Kommunikationsklima ist man ja einiges gewohnt. Vielleicht bin ja aber auch einfach nicht verstanden worden.

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Noch auf Spur?

„Ich wüsste ja nur gern was da läuft.“ Wortlos hält mir der Gebrauchtwarenhändler eine Keksdose mit einem im Deckel  eingeschnittenen Schlitz entgegen: ‚Fragenkasse 1.- Euro’.

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Noch Fragen?

„Vielleicht kaufe ich die Platte ja“, versuche ich es arglos argumentativ, „aber vorher möchte ich gern wissen, was ich da dann kaufe.“ – „Das ist mir scheißegal, ob du die Platte kaufst!“ Sprachlos verlasse ich die Servicewüste und bedauere, keine Rolle 1-Euro-Münzen mit mir zu tragen – jetzt habe ich nämlich einige Fragen. Nicht nur, was da auf dem Plattenteller lag…

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Der Name hätte einem gleich zu denken geben können...

Aber auch zwei Antworten:

„Franz & Josef“ in der Kastanienallee 48, Berlin-Mitte empfehle ich ausdrücklich nicht.

Als Geschenk eignete sich mein everlasting Top-10-Album „Song Cycle“ von Van Dyke Parks. Das gab es erster Hand, digitally remastered, auf Vinyl, weder geruchs- noch karmabelastet woanders zu kaufen.

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gute Platte