Vormittag zwischen Trance und Kunst. Galerie Thomas Fischer.

Kategorie: gallery weekend berlin | September 14, 2011 | von

Galerie Potsdamer Strasse Tagesspiegel 1024x764 Vormittag zwischen Trance und Kunst. Galerie Thomas Fischer.Galerist Thomas Fischer neu 1024x764 Vormittag zwischen Trance und Kunst. Galerie Thomas Fischer.

Thomas Fischer ist auf eine stille Art präsent. Fast schüchtern wirkt der Galerist auf mich als wir uns zum ersten Mal begegnen. Es ist Berlin Fashion Week und wir werden einander im Hof des ehemaligen Tagesspiegel Areals in der Potsdamer Strasse vorgestellt. Andreas Murkudis hat so eben seinen neuen Concept Store eröffnet und ich bin noch geblendet vom weißen kathedralhaften Inneren.

Ich knabbere am Bircher Müsli und betrachte den kleinen ockerfarbene Balkon im Gebäude gegenüber. Vor ein paar Wochen zum Gallery Weekend Berlin hat er sich vor lauter Menschen fast durchgebogen. Weiterlesen »

Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Kategorie: gallery weekend berlin | May 02, 2011 | von

Das Berliner Gallery Weekend schwingt sich auf, dem was vom Berliner Kunstherbst noch übrig ist, den Rang abzulaufen. Seit kürzlich bekannt gegeben wurde, dass Messeleiter Peter Vetsch sich vom Art Forum Berlin zurückzieht, ist der Keim des hoffnungsvollen Neustarts verpufft. Die Organisatoren des Gallery Weekend dürfte das wenig kümmern, sie buhlen mit aller Macht um die Gunst ihres Publikums, wovon freilich nur die Sammler ernst genommen werden. Und was bleibt nun vom Wochenende (außer vielleicht den 68 Minuten verschwendeter Lebenszeit beim Besuch von Sarah Morris’ neuem, langweiligen und belanglosen Film “Chicago”, der von Künstlerkollege Liam Gillick kongenial uninspiriert und nervig vertont wurde)? Hier ein Überblick…

010520111194 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Ein kantiger Bekannter neu gehängt. Niels Borch Jensen zeigt von Georg Baselitz gestische Figurationen, die in allerbester Weise auf seine Skulpturen verweisen: Holzschnitte, Aquarelle und Pigmentdrucke.

0105201111971 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Kitty Kraus ist nominiert für den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst der im Herbst verliehen wird und probt in der Galerie Neu schon mal institutionskritische Haltungen. Ihrer Leuchtskulptur darf man nicht zu nahekommen, sonst läuft man Gefahr sich einem elektrischen Schlag auszusetzen, beim Lesen ihrer an den Wänden verteilten Texte fühlt man nur einen kühlen Hauch im Nacken: Es geht um den glücklicherweise äußerst selten gewordenen Tod durchs Guillotinieren.

010520111198 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Der Betroffenheitstourismus rennt neugerriemschneider die Bude ein. Die Galerie präsentiert eine Ausstellung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, der seit vier Wochen in seiner Heimat interniert ist. Vielleicht hilft der überproportionale Auflauf wenigstens für genügend Aufmerksamkeit, auf dass die chinesische Regierung mehr Gegenwind bekommt. Die offizielle deutsche Diplomatie zeigt sich ja eher handzahm...

010520111195 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Leila Pazooki bedient ein weiteres Chinaklischee, dass sich die Maler nämlich besonders aufs Kopieren verstehen. 100 Künstler aus Dafen hat sie eingeladen, in einem Malwettstreit innerhalb von sechs Stunden eine Renaissanceallegorie auf die Gerechtigkeit zu vervielfachen. Was will sie uns sagen? Dass Gerechtigkeit im Auge des Betrachters liegt? Zu sehen bei Christian Hosp...

290420111175 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Die gerade frisch gegründete Galerie Thomas Fischer eröffnete mit der französischen Zeichnerin Laetitia Gendre. Für ihren Film "Thank You for Watching" hat sie sich offenbar an Cory Arcangel orientiert und das Youtube-Archiv nach Zeichenvirtuosen durchsucht. Der Film ist eine intelligente und humorvolle Stellungnahme zur Mutter aller bildenden Künste. Unbedingt sehenswert!

010520111199 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Dauerbrenner in Sachen gezeichneter Witz und gar nicht mal doof dabei ist David Shrigley. Bei BQ Berlin hat er die neuen Räume ausstaffiert und verweist mit den Skulpturen außerdem ironisch auf die eigene Wertschöpfungskette.

290420111178 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Weniger erfreulich das Sammelsurium aus Installationen und Wandreliefs mit eingearbeiteten Telefonen bei Johann König. Die Londonerin Helen Marten hat sich wahrscheinlich zu sehr an den Vertretern ihrer Vorgängergeneration orientiert. Young British Artists waren schon mal interessanter.

290420111173 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Auch John Bock hat sich bei Klosterfelde nicht gerade verausgabt. Mittels kleiner Motoren lässt er Fenster auf- und zuklappen, Türen schlagen und Scheuerleisten ein redundantes Eigenleben entwickeln. Die Idee ist lustig, erschöpft sich aber selbst für 4-Jährige offenbar schnell...

010520111189 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Hengesbach wartet mit einer opulenten, computermanipulierten Videogewaltfantasie von Mihai Grecu auf. Der rumänische Künstler präsentiert sich mit "We Become Oil" als virtuoser Bild- und Gedankenbearbeiter.

2904201111791 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

September gründelt mit Larissa Fassler und Bertrand Lamarche in den Untiefen von Urbanismus und Stadtutopien: "This Is Nowhere".

2904201111851 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Eine der besten Ausstellungen des Gallery Weekend präsentiert Barbara Weiss mit dem Altmeister des ungeschönten Blicks auf Russland. Boris Mikhailovs Fotografien sind irritierend und deprimierend, aber man spürt auch seine tiefe Zuneigung.

2904201111721 Nur ein kühler Hauch im Nacken – Gallery Weekend

Gilbert & George: Sie sind Ikonen, Living Sculptures, Gentlemen und sich für nichts zu blöd, noch nicht einmal bei Arndt dazusitzen und Bücher zu signieren. In diesem Fall zu ihrem Versuch der Quadratur des Kreises (nämlich dem Kreisquerschnitt der Harnröhre dargestellt durch die Multiplikation Londoner Postkarten... Nichts verstanden? Die Ausstellungen laufen alle noch mindestens drei Wochen!)

Photos shot with Nokia.

Tatü tata, Sammler Olbricht ist da

Kategorie: gallery weekend berlin | May 01, 2010 | von

olbricht1 Tatü tata, Sammler Olbricht ist da

Eine Spur von Gierhals und Kindskopf, die schwingt beim Typus des Sammlers immer mit. Sammler versuchen das große Weltdurcheinander anhand von Objekten in Ordnungen zu zwingen. Verstehen sie sich als Honoratioren, drängt es sie, mit ihrer Sammlung einen bleibenden Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten.
Nicht selten (wie bei Prof. Olbricht oder Dr. Rusche von der Sammlung SØR/Rusche) dürfen es am Anfang der Sammlerkarriere Briefmarken sein. Deren Dorfschullehrer-Ruch entkommt man Richtung Kunst. Später sind es neben der Kunst auch gerne Kinder (Dr. Rusche ist Vater von vieren, Prof. Olbricht von fünfen) und akademische Grade (Dr. Dr. Rusche und Prof. Dr. Dr. Olbricht, mit Respekt).
Prof. Olbricht hat termingerecht zum Galerienwochenende in Berlin am 29.04.2010 sein privates Ausstellungshaus me – Collectors Room Berlin in Berlin Mitte direkt neben den KW eröffnet.
Seiner Sammlung figurativer Schinken ohne Angst vor Pop und Porno stellt er in dem Kirchenschiff-tauglichen Bau seine Wunderkammer zur Seite, ein Kuriositätenkabinett aus Renaissance und Barock voller Angstlust gegenüber Tod und Teufel.

olbricht2 Tatü tata, Sammler Olbricht ist da
(Sensenmann, Skelettkrieger und Enthaupteter in der Wunderkammer)

Und er blickt weit genug über den Tellerrand der steiflippigen Kunstwelt hinaus, um obendrein Platz für seine Phalanx von Spielzeug-Feuerwehrautos einzuräumen (siehe das Foto ganz oben. Ja, es ist wirklich im Collectors Room aufgenommen). Chapeau! Das würde sich keine offizielle Kunstinstitution trauen.

olbricht3 Tatü tata, Sammler Olbricht ist da
(Kehinde Wiley: Reiterporträt von König Philip II, 2009)

Prof. Olbricht betont, eine private und subjektive Sammlung auszustellen, und wehrt jeden Anspruch an kanonische Kunstgeschichtsschreibung mit dem „me – Collectors Room Berlin“ ab. Aber vom knallroten Matchbox-Mobil bis zu Kehinde Wileys überlebensgroßem Michael Jackson als barockem Reiterkönig zieht der verbindliche Geist spielerischen Vergnügens an unmittelbaren Schauwerten durch die Hallen – ganz fremd dem protestantisch-preußischen Sandboden Berlins.