Items Of The Week – Dunstig

Kategorie: Klara Lidén | September 18, 2011 | von

von Mareike Nieberding -

Ein feiner Dunst scheint Daniel Kupers Welt verschleiert zu haben: “Das Dorf war überall. Das war die Erkenntnis, die sich langsam in ihm ausbreitete. Er müsste schon sehr weit laufen, sehr weit fahren, um zu entkommen. Aber was dann? Was dann? So weit reichte seine Vorstellungskraft nicht aus.” Die Hauptfigur aus Jan Brandts mutigem Debütroman “Gegen die Welt”, der verdient auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist, wird zum unschuldig Schuldigem, Jericho, das Dorf in dem er lebt, zum langsamen Vollstrecker. Brandt nutzt die 900 Seiten, an denen er über neun Jahren schrieb, um die Handlung mit Nebensträngen zu füttern und die Figuren voll auszugestalten. Einmal wird der Text zur Quizshow, einmal wird das Geschriebene grafisch in zwei Hälften gebrochen oder es werden Anzeigen und Plakate montiert. Irgendwann wandert der bedrückende Dunst dieser deutschen Vorwende-Geschichte tatsächlich aus der Vorstellung auf die Seite und Brandt lässt die Buchstaben parallel zu Daniels körperlichem Zustand langsam verblassen. Literatur, die beklemmt. (03)

“Fotografieren bedeutet Verstand, Auge und Herz auf Linie zu bringen. Es ist eine Art zu leben”, sagte Henri Cartier-Bresson und machte sein Werkzeug, die Kamera, zum unverzichtbaren Bestandteil seiner Selbst. Seine Bilder aus den Straßen von Paris, der petit garçon, stolz wie Oskar, mit zwei Weinflaschen unter den Kinderarmen oder der Kuss über den Bistrotisch und seine Fotoreportagen als einer der Gründerväter der Fotoagentur Magnum sind längst fest im kulturellen Gedächtnis verankert, doch auch seine Landschaftsaufnahmen sind von kompositorischer wie motivischer Außerordentlichkeit. Das Kunstmuseum Wolfsburg präsentiert diese nun in der Ausstellung “Henri Cartier-Bresson. Die Geometrie des Augenblicks. Landschaften”. (06)

dunstig Items Of The Week   Dunstig

Klara Lidén steht in drei Filmen an drei unterschiedlichen Flüssen. Immer im Morgengrauen zog sie ans Ufer, dick eingemummt, im Schatten von Brücken und Häusern. Alle drei Filme werden im Stockholmer Moderna Museet in einem Raum an drei Wände projiziert. Man hört es platschen, sieht wie sie große Steine und scheinbar unhandliches Treibholz vom Ufer aufliest, sie ins Wasser wirft und dabei jede romantische Kiesel-Werf-Fantasie brachial zu Nichte macht. Lidéns Kunst umfasst meist einfache Handlungen, oft auch Gesten der Zerstörung, die den Besucher einsam zurücklassen. Noch bis Oktober widmet das Moderna Museet ihr eine große Retrospektive und als eine der Gewinnerinnen des Preises der Nationalgalerie für Junge Kunst sind Lidéns Poster Paintings seit dieser Woche auch im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. (07)

Während The Rapture mit ihrem neuen Album “In The Grace Of Your Love” in dem Dunst ihres seit zwei Alben vergangenen Hypes unterzugehen drohen und mit ihrer jauligen Elektro-Siebziger-Jahre-Rock-Fusion keinem so richtig die Show stehlen (02), und das neue Magazin Sebastian mit einem verzerrten Cover eine schaurige Lust macht reinzuschauen (04), bewies die Britin Mary Katrantzou auch mit ihrer aktuellen Herbst-Winter-Kollektion wieder ihre wohl austarierte Balance aus überbordendem Material- und Mustermix und stilistischer Pointiertheit (05). Und mit den neuen matt-silbern-glänzenden Slingback-Plateaus von Rochas lässts sich problemlos und elegant über jeden Dunst hinübergleiten (01). Besiegt den grauen Dunst – mit seinen eigenen Waffen!

Art | 42 | Basel – Ausschnitt eines langen Rundganges

Kategorie: Klara Lidén | June 19, 2011 | von

0 Intro zwischen beiden Hallen SH 550 Art | 42 | Basel  – Ausschnitt eines langen Rundganges

Noch einmal kurz hinsetzen und ausruhen bevor es in die nächste Halle geht. Ein Rundgang über die Art Basel artet wie immer in ein Mammutprogramm aus. Was sind die Höhepunkte in diesem Jahr?

1 Francis Bacon at Marlborough SH 550 Art | 42 | Basel  – Ausschnitt eines langen Rundganges
Image 1: Photo: Sarah Hegenbart

Die Londoner Galerie Marlborough (inzwischen mit Dependancen in New York, Madrid, Monte Carlo und Barcelona) feiert ‘A Tribute to Francis Bacon’. Neben seinem Triptych ‘Three Studies of the Human Body’ (1970), das in einem etwas fragwürdigen Goldrahmen im Zentrum der Ausstellungskoje steht, beeindruckt vor allem Weiterlesen »

Toujours Être Ailleurs – Die Interventionen der Klara Lidén

Kategorie: Klara Lidén | October 20, 2010 | von

Über der Serpentine ist schon die Sonne untergegangen. Einzig und allein der Mond spiegelt sich im Wasser. Am Horizont zeichnen sich architektonische Formen ab. Manifestationen der Zivilisation, die mir ins Bewusstsein rufen, dass ich mich eigentlich mitten in London befinde. Menschenleer ist es im dunklen Hyde Park. Nur aus Jean Nouvels Sommer-Pavillon strömt noch etwas Licht und läßt den Garten der Serpentine Gallery rot aufleuchten. Aufgeweckt aus meiner existentialistischen Stimmung habe ich nun wieder einen Bezugspunkt. Aus dem Dunkel der Stadt trete ich ein in hell beleuchtete Galerieräume.

Image 1 Klara Liden  1024x678 Toujours Être Ailleurs – Die Interventionen der Klara LidénFoto: Klara Lidén
| Installation view Serpentine Gallery, London 
(7 October – 7 November 2010)
| Photograph: Gautier de Blonde

Ich inmitten der Stadt. Dies scheint auch ein Gefühl zu sein, das Klara Lidén bewegt. Mit ihren Interventionen in Städten wie Berlin, New York und Stockholm hinterlässt sie Zeichen des Menschen, der im Monströsen des Stadtraums verloren zu gehen scheint. Lidéns Arbeiten spiegeln das Unheimliche einer modernen Metropolis wider. Gleichzeitig eröffnen sie uns aber auch wie wunderschön die Kälte eines urbanen Stadtraums sein kann.

Image 2 Klara Liden Unheimlich Manöver  1024x701 Toujours Être Ailleurs – Die Interventionen der Klara Lidén Foto: Klara Lidén |
Unheimlich Manöver, 2007 (detail)
| Installation of everything in the artist’s apartment 
| Dimensions variable
| Photograph: Juan Luis Sánchez
| Image courtesy of Moderna Museet, Stockholm
© 2010 Klara Lidén

Lidéns Kunst ist aufs Wesentliche reduziert. Sie vollbringt es mit ihren Installationen wie Unheimlich Manöver, in dem sie ihr Leben in eine Galerie verfrachtet, Ordnungsstrukturen des Alltags zu schaffen. Durch ihre Neuordnung rebelliert sie gegen eine vorgegebene Ordnung durch Normen. In ihrem Video Der Mythos des Fortschritts (Moonwalks) läuft ein Mann rückwärts durch leere Räume. Seine beinahe tänzelnde Bewegung belebt die kalte Umgebung mit Poesie.

Image 3 Klare Liden Posters Installation View Serpentine Gallery 1024x681 Toujours Être Ailleurs – Die Interventionen der Klara Lidén Foto: Untitled (Poster Painting) Series | Klara Lidén
| Installation view Serpentine Gallery, London 
(7 October – 7 November 2010)
| Photograph: Gautier de Blonde

Im nördlichen Flügel bewegen sich die Besucher ganz langsam. Monochrome weiße Farbfelder evozieren hier die Erhabenheit einer Rothko Chapel. Allerdings gänzlich ohne die endlose Schwere, die Rothkos Gemälde beinhalten. Was der Besucher hier sieht sind überklebte Poster, die Lidén weiß übermalt hat und sie somit gänzlich von ihrem Inhalt bereinigt. Lidén setzt der modernen Reizüberflutung einen Minimalismus entgegen, der zur Konzentration auf das Wesentliche anregt.

Image 4 Klara Liden  1024x681 Toujours Être Ailleurs – Die Interventionen der Klara LidénFoto: Teenage Room | Klara Lidén
| Installation view Serpentine Gallery, London 
(7 October – 7 November 2010) |
Photograph: Gautier de Blonde

Die Installationen Lidéns, wie beispielsweise Teenage Room offenbaren uns eine gespenstische Leere bewusst. Ein bisschen wie eine Todeszelle wirkt dieser Raum, bei derem Betreten das Öffnen des Türrahmens eine Axt in Bewegung setzt. Drinnen ein Hochbett. Ganz ins schwarz gestrichen. Eine Ikea-Lampe beleuchtet dieses Szenario, das die Frage nach dem fehlenden Bewohner aufwirft.

Image 5 Klara Liden Always to Be Elsewhere 768x1024 Toujours Être Ailleurs – Die Interventionen der Klara Lidén

Foto: Klara Lidén
| Toujours Être Ailleurs (Always To Be Elsewhere), 2010
(detail) |
Mixed media
| Photograph: Arno Gisinger |
Image courtesy of Jeu de Paume, Paris
© 2010 Klara Lidén

Toujours Être Ailleurs. Der Titel dieser Arbeit verweist darauf, wie der Mensch nie zur Ruhe kommt. Im Chaos der Zivilisation braucht er Strukturen, die ihn irgendwo für eine Zeit ankommen lassen. Dies ist immer nur temporär. Das Ephemere des urbanen Raums, der sich ständig im Wandel befindet, erlaubt es niemandem mehr sich hier niederzulassen. Der Mensch ist immer ANDERSWO.

Klara Lidéns erste große Einzelausstellung —ein gemeinsames Projekt des Moderna Museet (Sweden) und der Serpentine Gallery— ist noch bis zum 7. November in London zu sehen.

Serpentine Gallery
Kensington Gardens
London W2 3XA

T: 020 7402 6075
F: 020 7402 4103

Eröffnungssport – Viel Bewegung im Bild

Kategorie: Klara Lidén | October 08, 2010 | von

Uiuiuih – die Kunst hat das Bewegtbild entdeckt. Mal wieder! Experimentalfilm, Found Footage, Videokunst, Visuals, Dokumentation, es ist ja nicht so, dass gerade die Filmspule neu erfunden wird, aber doch zeichnet sich ab, dass es einigen Künstlern und Künstlerinnen zurzeit wieder besser gelingt, das Bild in seiner zeitlichen Abfolge mit den Mitteln der bildenden Kunst zu bewegen.

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selbsttragender Filmprojektor

Auch beim Verein der Freunde der Nationalgalerie ist der Trend angekommen und soll sogar kraft der Institution zum wesentlichen Bestimmungsmerkmal gehören, wer es in die Shortlist für den Preis der Nationalgalerie schafft. Um diesen Willen auch praktisch zu vollstrecken wurde extra ein Schauspieler in die Jury berufen, Burkhart Klaußner, der zuletzt mit seiner Darstellung in „Das weiße Band“ bewiesen hat, dass er die Genregrenzen nicht als unüberwindbar einschätzt und dass darüber hinaus sich vielleicht auch das Kino der Nachbargattung annähert, ohne nur Kunstfilme zu produzieren.

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James Bond mit Explosionen in jeder Szene, hier zwar nicht im Kino, sondern auf der abc

Einen ähnlichen Weg geht auch die Galerie Olaf Stüber, die schon seit einiger Zeit zusammen mit dem Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz zu mitternächtlicher Stunde Videokunst auf der großen Leinwand zeigt – und dass an einem Ort, wo Kunst und Film schon immer untrennbar verbunden waren. Stübers Engagement (gemeinsam mit dem Sammler Ivo Wessel) wertschätzt nicht nur das Kunstvideo an sich, sondern auch das Kino als Einrichtung, die Film überhaupt erst konsumierbar macht, ohne dabei mit Popcorn und XXL-Colas vom Bildgeschehen ablenken zu müssen.

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Cyprien Gaillard, Kitty Kraus (sie macht keine Filme, bisher jedenfalls nicht) und Andro Wekua auf der Shortlist-Party zum Preis 2011

Aber zurück zum Preis 2011. Da stehen jetzt drei Künstler und Künstlerinnen in der Pflicht, für die der Verleihung vorausgehenden Ausstellung, Ideen einlösen, die dem lautstark formulierten Trend auch visuell etwas engegenzustellen haben. Von Cyprien Gaillard, den wir an dieser Stelle schon Anfange des Jahres vorgestellt haben, Andro Wekua und Klara Lidén kann man erwarten, dass ihnen das gelingt. Lidén und Gaillard sind in der Lage, dokumentarisches Material so aufzubereiten, dass ein künstlerischer Mehrwert entsteht, Lidén hat schon damit fasziniert, weil sie es umgekehrt macht. Und Wekua? Geht den dritten Weg, und verbindet Performance, Malerei und Video zu einer stimmigen Einheit.

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wenig Videokunst auf dem Art Forum, aber gute: z.B. Sylvie Blocher bei Nosbaum & Reding

Dass das Art Forum http://www.art-forum-berlin.de in diesem Jahr so brav wirkt, kann auch daran liegen, dass die Galeristen die auch an der abc Art Berlin Contemporary Ausstellung teilnehmen, ihre besten Exponate eben nicht in den Messehallen, sondern lieber im eleganten Marshall-Haus zeigen. Dort steht die Begleitveranstaltung zur Berliner Muttermesse auch unter dem Motto Bewegtbild. „light camera action“ zeigt Phänomene, die sich nicht nur mit dem Bild in Bewegung auseinandersetzen, sondern auch mit den mechanischen Einrichtungen, die die rasche Abfolge von Bildern und der Möglichkeit sie in Beziehung zu setzen überhaupt erst ermöglichen – sei es der Diaprojektor oder das Auge, der Beamer oder die Kraft der Gedanken.

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Max Frisinger am Stand von Contemporary Fine Arts

Und wem der Messesport bis Sonntag nicht reicht. Es gibt natürlich auch noch Eröffnungen für die nimmermüde Berliner Kunstmeute. Hier ein paar Tipps:

Freitag, 8. Oktober 2010

Johann König zeigt die Multimediakünstlerin Alicja Kwade, Dessauer Starae 6-7, 10963 Berlin-Kreuzberg

Peres Projects zeigt Joe Bradley in neuen Räumen, Große Hamburger Straße 17, 10115 Berlin-Mitte

Buchmann Galerie zeigt den Bildhauer Tony Cragg, Charlottenstraße 5, 10117 Berlin-Mitte

Samstag, 9. Oktober 2010

Contemporary Fine Arts zeigt nicht nur einen der besten Stände auf de Art Forum Berlin, sondern mit Max Frisinger auch noch dessen Werke in der Galerie, Am Kupfergraben 10, 10117 Berlin-Mitte

Johnen geht mit Thomas Ruff vermutlich auf Nummer Sicher, Marienstr. 10, 10117 Berlin-Mitte