Zwischen den Welten | Photography by Monika Rauscher

Kategorie: Kunst | January 30, 2012 | von
qualle Zwischen den Welten | Photography by Monika Rauscher

Shot with Nokia

Apertur, Verschlusszeit, Weissabgleich. Normalerweise besteht die Kunst der Fotografie darin, den Blick und Eindruck des Betrachters mit den richtigen technischen Mitteln zu führen. Was aber, wenn all diese Mittel nicht zur Verfügung stehen? Dann bedarf es dem richtigen Motiv – und viel Talent für den richtigen Augenblick.

artist Zwischen den Welten | Photography by Monika Rauscher

Monika Rauscher, Jahrgang 1976, bekam im vergangenen Sommer zufällig ein Nokia C6 Smartphone von ihrem Bruder geschenkt. Mit 5 Megapixeln sowie einem einzigartigen Auge für Kontraste, Strukturen und Spiegelungen ausgestattet, hielt sie ihren Alltag fest. Ein fotografisches Tagebuch, veröffentlicht auf Facebook, das mit einer kleinen Spielerei begann, ist nun in Auszügen in der Schöneberger Galerie Under the Mango Tree zu sehen.

crowd 01 Zwischen den Welten | Photography by Monika Rauscher

Durch einen weiteren Zufall wurde die Galeristin Mini Kapur auf Monika Rauscher aufmerksam. Sie schätzt die Fähigkeit der Künstlerin, Imagination und äußere Wirklichkeit miteinander zu verweben. Und tatsächlich handelt es sich bei vielen Motiven um Spiegelbilder, bei denen das Auge des Betrachters zwischen der oberflächlichen Wahrnehmung und der zweiten Bildebene hin- und herosziliert – und sich dabei der Tiefe des Eindrucks nicht entziehen kann. Realität wird zur relativen Erfahrung, die sich in ihrer Flüchtigkeit manifestiert.

h%C3%A4nsel und gretel im universum Zwischen den Welten | Photography by Monika Rauscher

Shot with Nokia

Der Unbeständigkeit des Moments begegnet Monika Rauscher mit ihrem Smartphone. Sie sagt, viele der Bilder wären ohne ihr Handy nie entstanden, da ihr Nokia C6 ihr steter Begleiter im Alltag ist.

Monika Rauscher: Many Realities
30. Januar – 11. März 2012
UNDER THE MANGO TREE

Merseburgerstraße 14
10823 Berlin

roll up banner Zwischen den Welten | Photography by Monika Rauscher

 

Darstellung in Szene – ArtBerlin

Kategorie: Kunst | December 17, 2011 | von

Bild 1 Darstellung in Szene – ArtBerlin

Kunstszene – dieses schlimme Wort. In Berlin hat es insofern seine Berechtigung, als dass sich die Kunst wie an wohl keinem anderen Ort so inszenieren konnte, wie hier in der preußischen Tiefebene. Kunst muss sich darstellen, manchmal als Selbstzweck, immer als ihre grundlegende Eigenschaft. In Berlin haben sich in den letzten zwanzig Jahren kreative (noch so ein schlimmes Wort, um das man leider nicht herumkommt ab und an…) Netzwerke gebildet, in denen die Kunst eine maßgebliche Rolle spielt. Der ortsansässige Möbelproduzent und Ideendistributor Rafael Horzon hat eine Keimzelle des Kunstnetzes in seinem „Das weisse Buch“ unlängst beschrieben, obwohl er selbst alles nur kein Künstler sein will. Glücklicherweise besteht die Berliner Kunstszene inzwischen nicht mehr nur aus einigen wenigen Spinnennetzen mit den immergleichen Protagonisten, sondern diversifiziert sich. Den Überblick zu behalten, wird schwieriger.

Bild 42 Darstellung in Szene – ArtBerlinBild 5 Darstellung in Szene – ArtBerlinBild 7 Darstellung in Szene – ArtBerlin

Eine jüngst gelaunchte Online-Plattform könnte sich zu einem Anker in Sachen kultureller Kommunikation rund um die Kunst entwickeln. Erdacht von Eva Kaczor, keine Unbekannte bei Sounds Like Me, versteht sich ArtBerlin als Kompass durch die nicht nur lokale Kunstwelt. Sie interessiert die Persönlichkeit hinter der Kunst, der Mensch im Künstler, den eloquenten Geist im Sammler, die Macherin aber auch den Scout in der Galeristin, das Soziale hinter der Kunstmesse. Zusammen mit Journalisten und Kunsthistorikern, Fotografen und Filmemachern will sie ArtBerlin zu einem vielschichtigen Portrait der Berliner Kunstszene entwickeln.

Bild 8 Darstellung in Szene – ArtBerlin

Ein solches redaktionelles, aber unabhängiges Angebot hat in Berlin bisher gefehlt! Wir wünschen ArtBerlin für 2012 ein exponentielles Wachstum der Liste von Künstlern und anderen Gesprächspartnern, die sich auch jetzt schon sehen lassen kann, und ein gutes Gespür für Meinungen, Sichtweisen, Trends und spannende Charaktere.

ArtBerlin1 Darstellung in Szene – ArtBerlin

 

Luigi Ontani – ein Leben als Bild

Kategorie: Kunst | December 03, 2011 | von

Sich in fremden Kleidern ablichten, als Künstlerin in eine personifizierte Rolle schlüpfen, über Jahrzehnte als Protagonistin der eigenen Kunst auftauchen, das kennt man von Cindy Sherman. Den Surrealismus in absurde Filmsets überführen, auf der Grenze zwischen Fantasie und Kitsch balancieren, den eigenen Körper als Quelle künstlerischer Inspiration ausloten, das kennt man von Matthew Barney. Luigi Ontani ist im Vergleich zu Sherman und Barney nahezu unbekannt, auf jeden Fall aber unterrepräsentiert im Kanon der zeitgenössischen Kunst. Dabei war er mit ganz ähnlichen Konzepten schon früher da.

041120111542 Luigi Ontani – ein Leben als Bild

Weiterlesen »

Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Kategorie: Kunst | November 24, 2011 | von

JungArt 2011. Wie kommt man bloß auf so einen Titel? Worauf soll das “Jung” referieren, wenn man mal davon ausgeht, das in “Art” kein Tippfehler steckt und wohl auf die Kunst hinauswill. Jung – im Sinne von young? Jung – als Hinweis auf psychoanalytische Ansätze? Oder Jung – als Hinweis auf einen Familiennamen? Letzteres kann ausgeschlossen werden. Hinter dem was sich als “Kunstfestival” präsenetiert stehen drei Initiatoren: Markus Schaller (Künstler), Courtney Phillips (Gastronom) und Tai Caesar (Marketingmann) und ihre Idee ist gar nicht mal so schlecht wie der Name den sie sich dafür ausgedacht haben. Nachwuchstalente der bildenden Kunst mittels einem Wettbewerb aufspüren und den Gewinnern nicht nur einen Geldpreis, sondern auch eine Ausstellung zu ermöglichen. Clever auch deshalb, weil damit schon das Anfangsprogramm der dann im nächsten Jahr zu eröffnenden JungArt Berlin Gallery an der – selbstredend – Potsdamer Straße steht. Damit das weder basisdemokratisch noch inhaberautokratisch und somit öffentlichkeitswirksam legitimiert wird, überließ man Vor- und Finalauswahl einer gut besetzten Jury: dem ABC-Kurator Marc Gloede, dem UdK-Professor Robert Lucander, der Sammlerberaterin Susanne Grieshaber, dem Künstler Clement Page, dem Leiter des Georg-Kolbe-Museums Marc Wellmann und Daniel Marzona, dem Direktor der Galerie Konrad Fischer. So weit so gut. Bloß in der Umsetzung der Wettbewerbsausstellung in der Alten Münze hapert es etwas. Gewohnt trashig muss es zugehen, eng und verrammelt präsentiert sich die Ausstellungsarchitektur und gibt den künstlerischen Positionen wenig Raum zur Entfaltung. Stattdessen kommt unwillkürlich ein Messecharakter auf, dem nur einige der ausgestellten Arbeiten entgegenwirken können. Bis zum Sonntag kann man sich noch selbst ein Bild machen.

231120110361 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Louisa Radtke (Berlin) hat kleine filigrane Selbstportraits mit der Polaroidkamera entwickelt...

231120110391 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

... die unterschwellig das Medium Fotografie weit hinter sich lassen.

23112011046 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Nadine Wottke (Erfurt) spielt in ihren kleinen Porzellanskulpturen mit...

23112011044 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

... Ambivalenzen zwischen Skurrilität, Sexualisierung und Body Extensions.

23112011043 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Auch Anne Drew Potter (Berlin) erweckt den wohligen Schauer mit nicht wirklich subtilen Skulpturen.

23112011056 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Mit schillernden Plastiktütenderivaten aus Glasperlen kommentiert...

23112011057 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

... Shige Fujishiro (Hannover) offenbar soziale Ausgrenzung und Konsumkultur.

231120110501 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Chris Bierls (Berlin) Installation aus Tinte, Draht, Schnur, Platte, Strunk...

23112011049 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

... und Goya-Collage erinnert stark an Kitty Kraus.

23112011070 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Auch Nastasja Keller (Berlin) ist nicht die erste, die das künstlerische Sprücheklopfen erfunden hat, aber die offenbar zugrundeliegende Performance macht neugierig.

23112011040 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Carolin Weinkopf (Berlin) ging auf Foto-Reportage.

23112011065 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Unter den stärksten Fotografiepositionen ist auch Fabian Hampel (Berlin), mit seiner streng komponierten Serie von plankenden Akten im Stadtraum.

23112011062 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Katharina Kohl (Hamburg) dokumentiert Street Art...

23112011063 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

... während 2naked.org sich selbst zum Thema der Street Art machen.

23112011058 Jung und artig – neue Kunst in alter Münze

Und das Readymades immer gehen, will auch diese Ausstellung beweisen – dabei hatte Duchamp immer noch den besten Riecher.

JungArt Berlin Festival 2011, noch bis zum 26. November, Alte Münze, Molkenmarkt 2, 10179 Berlin-Mitte, geöffnet: 14 Uhr bis open end

(photos shot with Nokia)

 

 

 

Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara-Lena – hochgestapelt!

Kategorie: Kunst | November 12, 2011 | von

091120111560 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!Das Hochstaplerleben ist das einzig Wahre! Thomas Mann hat es seinen Felix Krull vormachen lassen, wie man mit nichts als ästhetischem Anstand durch unruhige Zeiten kommt und sich dabei mit nichts weniger als mit sich selbst beschäftigt. Ein Buch, dass jedes Jahr aufs Neue gelesen werden sollte. Auch Walter Serners parevenüseliges Schwindlerbrevier „Letzte Lockerung“ bedarf dringend wiederholter Lektüre. In u.a. 22 Kriminalgeschichten kleidet der der Dadaist sein Wissen um Lug und Trug von der menschlichen Existenz.

091120111559 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!

Christian Karl Gerhartsreiter, geboren 1961 am allen Hochundhöherstapeleien gänzlich abgeneigten Siegsdorf bei Traunstein, hat es wahr gemacht und sich jahrzehntelang als Heiratsschwindler und vermeintlicher Rockefellerabkömmling in den Vereinigten Staaten von Amerika niedergelassen und dort ein Leben auf hohem Ross und großen Fuß geführt. Allein die Geheimniskrämerei wollte man ihm irgendwann nicht mehr dulden und es kam wie es kommen musste, zu Unduldsamkeit, Entführung, Haft und schließlich Mord. Das wird momentan noch verhandelt, ob er es wie manchmal auch Serners Protagonisten zum Äußersten hat kommen lassen.

091120111557 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!091120111558 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!091120111566 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!

Sara-Lena Maierhofer schießt mit der Kamera, stapelt aber auch weniger als tief. „Dear Clark“ hat sie ihre Serie von eigenhändig angefertigten Fotografien, zusammengeklaubten Bildern, Fotokopien und Indizien genannt. Sie scheint dem Schwindlertum verfallen und mogelt in ihre Reportage über jenen Gerhartsreiter, der sich Clark Rockefeller nannte und zurzeit im Gefängnis schmort, allerlei falsche Fährten, ganz so wie man eine Hochstaplervita anlegen sollte. Keiner wusste das besser als Thomas Mann, von Walter Serner ganz zu schweigen…

091120111561 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!091120111562 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!

Maierhofers Abschlussarbeit in der Fotoklasse der Fachhochschule Bielefeld schaffte es in die Ausstellung der besten sieben im diesjährigen Wettbewerb „Gute Aussichten“. Und „Dear Clark“ ist die mit Abstand beste Serie, nicht nur weil sie ein immerwährendes Thema trifft, sondern weil sie es auch mit der gleichen Neigung anrührt wie ihr Held/Antiheld. Sie präsentiert Hochstapelei nicht nur als Fotosujet, sondern als Kulturtechnik mit der man durchkommt, bis man irgendwo hängen bleibt.

091120111564 Lieber Clark, lieber Werner, lieber Thomas, lieber Felix, liebe Sara Lena – hochgestapelt!

Gute Aussichten, Junge deutsche Fotografie 2011/12, Museum für Fotografie Berlin, Jebensstraße 2, 10623 Berlin, noch bis zum 29. Januar 2012

(all images shot with Nokia)

Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott

Kategorie: Kunst | October 26, 2011 | von

Schrott scheint die Künstler wieder anzuziehen. Vielleicht als eine neue Renaissance der Arte Povera im Zeitalter eines sich selbst zu Schrott verarbeiten wollenden Spätkapitalismus? John Chamberlain bleibt sich seit Jahrzehnten treu im künstlerisch behandelten Blech, David Buckingham münzt das Altmaterial in Neues um – beide im Sinne einer zeitgenössischen Interpretation der Pop Art. Sounds Like Me berichtete… Jetzt tritt in Berlin auch der kolumbianische Künstler Danilo Dueñas mit Gebrauchtmetall auf den Plan und würde im Direktvergleich den beiden Kollegen die Schau stehlen.

221020111525 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott2210201115131 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott221020111529 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott

Dueñas ist zurzeit Stipendiat und damit Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Diplomatischen Austauschdiensts (DAAD). In die Schauräume an der mittlerweile von Nachbargalerien fast verlassenen Zimmerstraße in Berlin hat er eine Charge Aluminiumschrott der TSR Recycling GmbH am Westhafen ausgeliehen. Deren Profitmaxime „Schrott ist alles andere als Abfall“ erfährt durch Dueñas eine künstlerische Aufwertung, die zunächst in der Überzeugungsarbeit lag, die verbeulten Lochbleche und Werkplatten überhaupt zu bergen, zu borgen und in den Galerieräumen aufzuschichten.

221020111514 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott221020111516 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott221020111517 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott

Dem Zufall hat Dueñas sozusagen die Hoheit über Farbe, Form und Materialität gelassen, ihm spielte in die Hände, dass diese mittelbare Präselektion schon eine ästhetische Qualität hatte. Weißlackiert und weißmetallisch-glänzend liegen der Schrott nun übereinander, mutet eher filigran als gravitätisch an. Einzelne Stücke hat Dueñas hervorgehoben, ironisch aufs Podest gehievt und mit der Warnung „Achtung fragil“ versehen, andere kaum zufällig zu nennende Fundstücke tauchen aber wie zufällig auf. Becher aus dem Jubeljahr der 750-Jahr-Feier Berlins kurz vor dem Mauerfall, erst in ihrer Abnutzung als Designklassiker erkennbare Billigleuchten, lokal-typische Straßenschilder etc.

221020111515 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott221020111522 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott221020111532 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott

In den weißen Glanz des Materialniedergangs flicht Dueñas ganz sporadisch, aber umso deutlicher Spuren der Farbe. Mit den aus der Form geratenen Funktionsteilen arbeitet er sich in eine Ästhetik der Abstraktion hinein und verwirrt mit falschen Fährten: Textauszügen von Harold Pinter und Samuel Beckett; einer skulpturalen Barriere alias Hommage an den gleichfalls abstrakt arbeitenden, aber in Glätte, exakter Farbe und Form schwelgenden Minimalisten John McCracken, der vor kurzem verstorben ist; indirekten Shakespeare-Zitaten; Absperrbändern und Warnhinweisen, als Erinnerung, dass wir uns ja eigentlich auf dem Schrottplatz befinden – Dueñas’ Installationen wecken vielerlei Assoziationen, die sich aber in keinster Weise erfüllen. Das macht Abstraktion wieder so spannend.

Danilo Dueñas, „At Actium and a Tribute to John McCracken“, daadgalerie, Zimmerstraße 90/91, Berlin-Mitte, noch bis zum 26. November 2011

221020111519 Danilo Dueñas – Kunst ist alles andere als Schrott

Danilo Dueñas und alles andere als Abfall

(all images shot with Nokia)

 

Taryn Simon – Auf Blutlinie

Kategorie: Kunst | October 07, 2011 | von

Recherche-Kunst steht hoch im Kurs: ein relativ neues Genre zwischen journalistischer Investigation, medialer Dokumentation und ästhetischer Transformation. Im schlechtesten Fall wird das Endprodukt keiner der drei Ansprüche gerecht und das Werk versumpft irgendwo in der Triangel dazwischen. Cyprien Gaillards Trip in dieses Bermuda-Dreieck war eine Reise in den Irak, für seinen in der Folge entstandenen, halbgaren iPhone-Film „Babylon“ umkopiert auf sich pathetisch selbstzerstörendes 35-mm-Celluloid hat er kürzlich den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewonnen.

210920111441 Taryn Simon – Auf Blutlinie210920111435 Taryn Simon – Auf Blutlinie210920111452 Taryn Simon – Auf Blutlinie

Viel überzeugender präsentiert sich dagegen Taryn Simon, Fotografin, die ebenfalls zwischen Dokumentation, Reportage und selbstreferenzieller Kunst arbeitet. Sie fischt weniger im Trüben, sondern wird mit ihrer neuesten Arbeit „A Living Man Declared Dead and Other Chapters“ konkret. Blutlinien erforscht sie mit sowohl investigativer wie künstlerischer Recherche, also die Beziehungen zwischen blutsverwandten Personen und wie das Schicksal oder ganz bewusste Brutalität in diese sozialen Relationen schlägt.

210920111438 Taryn Simon – Auf Blutlinie210920111439 Taryn Simon – Auf Blutlinie210920111443 Taryn Simon – Auf Blutlinie

In die große Tageslichthalle des Mies-van-der-Rohe-Baus der Neuen Nationalgalerie in Berlin hat sie eine strenge Doppelreihe von aus anthrazitfarbenem, monolithisch zusammengeschreinertem MDF-Material angefertigten Vitrinen gestellt. Wissenschaftliche Schaukästen, Bildaltäre, Triptychen aus Portraits, Beschreibungstext und Found-Fußnoten-Footage. Mit einer sakralen Stringenz fordert sie auch in der Präsentation die übermächtige Architektur heraus.

210920111436 Taryn Simon – Auf Blutlinie210920111442 Taryn Simon – Auf Blutlinie

2109201114441 Taryn Simon – Auf Blutlinie

Taryn Simon

Inhaltlich hat sie ebenso viel zu bieten und wird brisant: Contergan, Nordkoreaflüchtlinge,Flugzeugentführung, Albino-Opfer, Blutfehden. Drei Jahre lang ist Taryn Simon durch die Welt gereist, um Beweise zu sammeln, Menschen zu fotografieren und Geschichte in eine artifizielle Form zu überführen. Die Blutlinien, die sie rekonstruiert, formulieren erst in der Beschäftigung mit der auf den ersten Blick spröden Darstellung ein komplexes Netz von Verhältnissen und Abhängigkeiten. Mit „A Living Man Declared Dead“ hat Simon damit die junge Gattung Recherche-Kunst auf ein neues Niveau geführt, an dem sich Konkurrenten und andere Preisträger erst einmal messen lassen müssen.

Taryn Simon, „A Living Man Declared Dead and Other Chapters“, Neue Nationalgalerie Berlin, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin-Tiergarten, noch bis zum 1. Januar 2012

(photos shot with Nokia)

Neue Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50
10785 Berlin
030 266424242

Öffnungszeiten:
Di-Mi: So 10:00-18:00
Do: 10:00-22:00
Fr-Sa: 11:00-18:00

 

Vormittag zwischen Trance und Kunst. Galerie Thomas Fischer.

Kategorie: Kunst | September 14, 2011 | von

Galerie Potsdamer Strasse Tagesspiegel 1024x764 Vormittag zwischen Trance und Kunst. Galerie Thomas Fischer.Galerist Thomas Fischer neu 1024x764 Vormittag zwischen Trance und Kunst. Galerie Thomas Fischer.

Thomas Fischer ist auf eine stille Art präsent. Fast schüchtern wirkt der Galerist auf mich als wir uns zum ersten Mal begegnen. Es ist Berlin Fashion Week und wir werden einander im Hof des ehemaligen Tagesspiegel Areals in der Potsdamer Strasse vorgestellt. Andreas Murkudis hat so eben seinen neuen Concept Store eröffnet und ich bin noch geblendet vom weißen kathedralhaften Inneren.

Ich knabbere am Bircher Müsli und betrachte den kleinen ockerfarbene Balkon im Gebäude gegenüber. Vor ein paar Wochen zum Gallery Weekend Berlin hat er sich vor lauter Menschen fast durchgebogen. Weiterlesen »

Das Alphabet der Unschärfe – art berlin contemporary

Kategorie: Kunst | September 09, 2011 | von

070920111412 Das Alphabet der Unschärfe – art berlin contemporary„Die abc ist eher eine Ausstellung als eine Messe“ lavierte Jochen Meyer, Galerist von Meyer Riegger (Berlin/Karlsruhe) und zusammen mit Joanna Kamm von der Galerie Kamm Geschäftsführer von art berlin contemporary, über den eigentümlichen Zwischenbereich, in dem sich das ehemalige nur Art-Forum-Anhängsel jetzt Platzhirsch breitzumachen anschickt. Denn mit dem Wegfall der wirtschaftlich schwachbrüstigen und terminlich ungefestigten Berliner Kunstmesse kann das Ausstellungsformat abc zu einem Ersatz werden, der sich auch unter dem Strich für die teilnehmenden Galerien rechnet. Weiterlesen »

TAGS: | | | |

Papierfilmer – Von Hitchcock bis Spielberg

Kategorie: Kunst | August 12, 2011 | von
04 A I 700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Der Film läuft im Kopf ab, vor dem inneren Auge. So wird die letzte Einstellung, das ultimative cineastische Erlebnis kolportiert bevor man das Zeitliche segnet. Bei Regisseuren, den besseren jedenfalls, darf vorausgesetzt werden, dass sie diese Fähigkeit von Berufswegen abrufen können, ohne letale Konsequenz. Ehe die visionäre Abfolge tatsächlich als Kinofilm läuft, werden die Bilder skizziert,in eine Kontuität gesetzt, die dem Film auf Zelluloid einen Film auf Papier voranstellt: das Storyboard.

17 GONE WIND 700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Vom Winde verweht, Victor Fleming (USA 1939), Storyboard: William Cameron Menzies, Eröffnungsszene in Tara, Leihgeber: David O. Selznick Collection, Harry Ransom Center / The University of Texas at Austin

1235 Zoetrope 05 700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Apocalypse Now, Francis Ford Coppola (USA 1979), Storyboard: Dean Tavoularis, Hubschrauberangriff, Leihgeber: American Zoetrope Films, San Francisco

Die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin würdigt dieser Kulturtechnik und ihren Protagonisten – Regisseuren einerseits und Storyboardzeichnern anderserseits – nun erstmals eine Ausstellung. In den seltensten Fällen sind Regisseur und Storyboardzeichner identisch. Martin Scorsese etwa, der zwar nicht zeichnen kann, aber die Drastizität der Ereignisse in seinem Massaker-Klassiker “Taxi Driver” von 1976 mit blutrotem Filzstift auf körperweicher Bleistiftschraffur prägnant zu akzentuieren weiß. Meist sorgen ausgebildete Illustratoren und Comiczeichner für die erstbildgebende Geschichtsschreibung.

03 Spellbound  700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Ich kämpfe um dich, Alfred Hitchcock (USA 1945), Storyboard: William Cameron Menzies / James Basevi (nach Entwürfen von Salvador Dalí) Traumsequenz, Leihgeber: David O. Selznick Collection, Harry Ransom Center / The University of Texas at Austin

Raum1 Kompilation 700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg, Deutsche Kinemathek, Foto (c) Marian Stefanowski

Alfred Hitchcock beauftragte für seinen Psychoanalysethriller “Spellbound – Ich kämpfe um dich” zunächst den 1945 populären Surrealisten Salvador Dalí, der zuvor schon mit Luis Buñuel zusammengearbeitet hatte, engagierte dann aber noch den Art Director James Basevi um Dalís etwas statischen Klischeebildern von verborgenen Rädern, rollenden Augen und sich verformenden Gesichtern zu mehr Leben zu verhelfen. Wie sehr der Kontrollfreak Hitchcock aus solchen Erfahrungen lernte, zeigen die Storyboards zu “Die Vögel” von 1963, die sozusagen jede mimische Verzerrung seiner Protagonistin Tippi Hedren im Angesicht sich vor ihr bedrohlich zusammenrottender Saatkrähen zeichnerisch vorwegnahm.

38 Eeden 700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Marcel van Eeden, Ohne Titel, 2010, Privatsammlung © Marcel van Eeden

39 Eeden 700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Marcel van Eeden, Ohne Titel, 2010, Privatsammlung © Marcel van Eeden

Die Ausstellung präsentiert das Phänomen Storyboard im Kontext von Filmproduktion und bildender Kunst. Der Künstler Marcel van Eeden bedient sich der formalen Idee der Storyboards schon lange für seine mysteriösen Zeichnungsserien, denen er bislang aber noch keine Filme hat folgen lassen. Den Zeichnungen für Walt Disneys ersten farbigen Animationsfilm “Schneewittchen und die sieben Zwerge” von 1937 stellen die Kuratoren Paul McCarthys Interpretationen der naiv-lieben Micky Maus gegenüber. So nah manche Storyboards an der Kunst sind, offenbaren andere, wie etwa Maurice Zuberanos Zeichnungen für Mike Nichols‘ Ehedrama “Wer hat Angst vor Virginia Woolf” von 1966, dass Storyboards in erster Linie Verbildlichungswerkzeuge für Regisseur und Kameramann sind.

21 Who Woolf 586 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, Mike Nichols (USA 1966), Eröffnungszene, Martha und George kommen nach Hause, Leihgeber: Ernest Lehmann Collection, Harry Ransom Center / The University of Texas at Austin

35 McCarthy 618 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Paul McCarthy, Spinning Dwarf (House), 2009, Leihgeber: Galerie Hauser und Wirth, Zürich, Privatsammlung

“Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg” ist eine äußerst sehenswerte Ausstellung nicht nur für Filmkenner (die meisten ausgewählten Sequenzen gehören längst zum kollektiven Bildwissen) und Regiestudenten, sondern auch für jene, die sich von ihrem eigenen finalen Film nicht allzu überraschen lassen wollen…

Raum4 IASantPhalle 700 Papierfilmer   Von Hitchcock bis Spielberg

Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg, Deutsche Kinemathek, Foto (c) Marian Stefanowski

“Zwischen Film und Kunst. Storyboards von Hitchcock bis Spielberg”, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Filmhaus am Potsdamer Platz, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin-Tiergarten, noch bis zum 27. November 2011

Bild 1: A. I. – Künstliche Intelligenz, Steven Spielberg (USA 2011), Storyboard: Chris Baker, (Fangorn) The Toll Gate – Tor zu Rouge City, Leihgeber: Stanley Kubrick Archive, The University of Arts London