Louise Bourgeois, Tracey Emin: Do Not Abandon Me

Kategorie: Louise Bourgeois | February 26, 2011 | von

Manifeste einer Künstlerinnenfreundschaft -

Eine Ausstellung in Hauser&Wirth’s Old Bond Street Galerie bringt zum Vorschein, dass Tracey Emin und die im letzten Jahr verstorbene Louise Bourgeois weit mehr verbindet als ein künstlerischer Fokus auf verwandte Themenschwerpunkte. Beide Künstlerinnen untersuchen in ihrer Arbeit weibliche Sexualität und beschäftigen sich vor allem mit der Frage, wie Verlustangst und der Schmerz des Verlassenwerdens unser Denken bis zur Lähmung jeglichen Handelns beeinflussen kann. Ein Kreisen um diese existenziellen Fragen ist jedoch nicht das einzige, was Bourgeois und Emin miteinander teilen. Vielmehr sind sie außerdem verbunden durch  eine wundersam berührende Künstlerfreundschaft, deren intime Manifeste nun in London zu sehen sind.

Image 1 Deep inside my heart Louise Bourgeois Tracet Emin 2009 2010 849x1024 Louise Bourgeois, Tracey Emin: Do Not Abandon Me
Deep inside my heart, 2009-2010, Archival dyes printed on cloth, 61 x 76.2 cm / 24 x 30 in, Printed by Dye-namix, New York © Louise Bourgeois Trust and Tracey Emin. Courtesy Carolina Nitsch Contemporary Art and Hauser & Wirth

Besonders bewegend ist der Eindruck von Vertrautheit, Authentizität und gegenseitigem Respekt, den diese Ausstellung vermittelt. Emin offenbart ihre Hochachtung vor Louise Bourgeois’ künstlerischem Schaffen, wenn sie beschreibt, wie sie mit Bourgeois’ Zeichnungen einmal um die Welt reiste ohne sie zu berühren:

‘I carried the images around the world with me from Australia to France, but I was too scared to touch them’.

Später hat sie es dann glücklicherweise doch getan. Emin versah Bourgeois’ Gouachen männlicher und weiblicher Torsi mit ihrer eigenen Handschrift. Beispielsweise lässt sie Figuren, die wie Liliputaner anmuten, mit den überdimensionalen Körperteilen interagieren. Indem sie zusätzlich Text in die Papierarbeiten integriert, schafft sie so etwas wie eine kleine Erzählung, die Bourgeois’ Torsi mit Emins Charakteren in Verbindung setzt.

Image 2 And so I kissed you Louise Bourgeois Tracey Emin 2009 2010 1024x830 Louise Bourgeois, Tracey Emin: Do Not Abandon Me
And so I kissed you, 2009-2010, Archival dyes printed on cloth, 61 x 76.2 cm / 24 x 30 in, Printed by Dye-namix, New York © Louise Bourgeois Trust and Tracey Emin. Courtesy Carolina Nitsch Contemporary Art and Hauser & Wirth

‘And so I kissed you’ wird von ihr unter einen Torso geschrieben, den Emin außerdem mit einer weiblichen Figur, die einen erigierten Phallus umklammert, erweitert. So erweckt sie den Eindruck eines Abhängigkeitsverhältnisses, der sich möglicherweise durch den Sexualakt konstituieren könnte.

Ein solches Abhängigkeitsverhältnis wird von beiden Künstlerinnen kritisiert. Dementsprechend drücken die Manifeste ihrer Freundschaft auch keineswegs eine hierarchische Asymmetrie aus, sondern sind Zeugnisse eines anregenden Dialogs, der zu einer unfassbar vertraulichen und berührenden Ausstellung geführt hat.

Image3 A sparrows heart Louise Bourgeois Tracey Emin 2009 2010 852x1024 Louise Bourgeois, Tracey Emin: Do Not Abandon Me

A sparrow’s heart, 2009-2010, Archival dyes printed on cloth, 61 x 76.2 cm / 24 x 30 in, Printed by Dye-namix, New York © Louise Bourgeois Trust and Tracey Emin. Courtesy Carolina Nitsch Contemporary Art and Hauser & Wirth

Zu sehen noch bis zum 12 März 2011 bei:

Hauser & Wirth London
15 Old Bond Street
London W1S 4AX

Öffnungszeiten
Di – Sa, 10:00 – 18:00 Uhr

Louise Bourgeois: The Fabric Works

Kategorie: Louise Bourgeois | November 07, 2010 | von


Image 1 Hauser Wirth London Louise Bourgeois Untitled 2008 709x1024 Louise Bourgeois: The Fabric Works

23 Savile Row. Hier eröffnen Hauser&Wirth ihren bereits dritten Londoner Galerieraum. In unmittelbarer Nähe zu ihren bisherigen Standorten in Piccadilly und in der Old Bond Street. Während andere etablierte Galerien wie White Cube die Strategie verfolgen, sich neben einer Hauptvertretung im Zentrum von Londons traditionellen Galerienvierteln wie Mayfair ebenfalls auch—zusammen mit den jüngeren Galerien—in East London zu repräsentieren, bleiben Hauser&Wirth Central London treu. Mit einer Ausstellung der Fabric Works (das Spätwerk der vor 5 Monaten gestorbenen Louise Bourgeois) weihen sie nun ihre neusten Standort im kommerziellen Kunstareal ein.

Image 2 Hauser Wirth London Louise Bourgeois Fabric Works Installation  936x1024 Louise Bourgeois: The Fabric WorksBild 2:  Installation view ‘Louise Bourgeois: The Fabric Works’ | Hauser & Wirth London, Savile Row, 2010 © Louise Bourgeois Trust | Courtesy Hauser & Wirth | Photo: Peter Mallet

Die ausladende Größe der neuen Galerie ist perfekt für die Arbeiten von Louise Bourgeois. Inmitten des Raumes ist Crouching Spider (2003) platziert, eine von Bourgeois Spinnenskulpturen, die mittlerweile schon zu so etwas wie Bourgeois’ Erkennungszeichen geworden sind. Allerdings hat die hier gezeigte Spinne dann doch etwas kleinere Ausmaße hat als die legendäre Arbeit Maman (1999) (übrigens wurde auch mit diesem Werk einst schon ein neuer Ausstellungsort eingeweiht— kein geringerer als die Turbinenhalle der Tate Modern).

Image 3 Hauser Wirth London Louise Bourgeois Untitled 2005  1024x716 Louise Bourgeois: The Fabric WorksBild 3: Louise Bourgeois | UNTITLED | 2005 | Fabric | 30.4 x 42.5 cm © Louise Bourgeois Trust | Courtesy Hauser & Wirth | Photo: Christopher Burke

Crouching Spider, die im Zentrum der Ausstellung steht, eignet sich ideal um Bourgeois’ Thematik zu verstehen. Spinnen symbolisieren für Bourgeois nicht nur die Kreativität der Kunst, sondern evozieren auch Gedanken an ihre Mutter. In einem ihrer Interviews verglich Bourgeois ihre Mutter Joséphine, die sie als ihre beste Freundin bezeichnete, mit einer Spinne. Joséphine, die so protektiv war wie eine, ihre Eier beschützende, Spinnenmutter. Noch eine andere Eigenschaft teilt sich Bourgeois Mutter mit Spinnen: Sie war Weberin.

Image 4 Hauser Wirth London Louise Bourgeois Fabric Works Installation  1024x682 Louise Bourgeois: The Fabric WorksBild 4: Installation view |  ‘Louise Bourgeois: The Fabric Works’ | Hauser & Wirth London, Savile Row, 2010 © Louise Bourgeois Trust | Courtesy Hauser & Wirth | Photo: Peter Mallet

Dies erschließt auch die Beziehung zu den Fabric Works—über siebzig zwischen 2002 und 2008 entstandene Zeichnungen—die um die Spinne herum an der Wand gruppiert sind. Beeinflusst sind diese Arbeiten nämlich durch Webereien, die für Bourgeois eine so große Bedeutung hatten.

Schon als Kind fertigte sie in der Restaurationswerkstatt ihrer Eltern Skizzen an, die zur Wiederherstellung historischer Teppiche dienten. Das Zusammennähen zerstörter Stoffe hatte für Bourgeois eine geradezu therapeutische Bedeutung. Das Nähen drückt den Versuch aus, Dinge zusammenzuhalten und wiederherzustellen. Bourgeois, die schon früh ihre Mutter verlor und von ihrem Vater abgelehnt wurde, versuchte so sich eine kohärente Identität zu konstruieren, mit der sie sich als Individuum auszeichnen kann. Das Medium der Kunst erlaubte ihr nicht nur sich in der Welt zurechtzufinden, sondern auch Verbindungen zu ihrer Umwelt zu erstellen, die sie als ablehnend empfand. Weben und Nähen als Prozesse des Flickens von bereits erstandenen Wunden.

Image 5 Hauser Wirth London Untitled 2005 1024x790 Louise Bourgeois: The Fabric WorksBild 5:  Louise Bourgeois | UNTITLED | 2005 | Fabric | 60.9 x 78.7 cm © Louise Bourgeois Trust | Courtesy Hauser & Wirth | Photo: Christopher Burke

Auf der Rückseite der Einladung zum Private View findet sich ein Zitat, in dem Bourgeois ihre Verletztheit charakterisiert:

‘I think we live more through the

intensity of our affects than through time or space;

we’re never really present in time or space,

since we can only be in one place at a time and only

live through an hour once; but with ourselves,
we always are.

I’ve trans-lived with Louise Bourgeois for

over 40 years. Every day carried its daily wound

and I ceaselessly carried those wounds

with no remission like a perforated hide,

beyond repair.’

(Louise Bourgeois, 1951)

Image 6 Opening 1024x768 Louise Bourgeois: The Fabric WorksBild 6: Einweihung bei Hauser&Wirth in der 23 Savile Row © Sarah Hegenbart

Da die erste Ausstellung in 23 Savile Row am Abend des Private View, den Hauser&Wirth geschickterweise auf den ersten Öffnungstag der Frieze gelegt haben, gnadenlos überfüllt war (kein Wunder bei dem Timing), macht es Sinn die von Germano Celant kuratierte Ausstellung noch einmal in Ruhe zu besuchen. Bis zum 18. Dezember ist noch Zeit dazu.

Hauser & Wirth London, Savile Row
23 Savile Row
London W1S 2ET
Gallery hours:
Tuesday to Saturday, 10 am – 6 pm

Bild 1: Louise Bourgeois |UNTITLED |2008 | Fabric and fabric collage | 94.6 x 60.9 x 5 cm © Louise Bourgeois Trust | Courtesy Hauser & Wirth | Photo: Christopher Burke

Items Of The Week – Deep Down

Kategorie: Louise Bourgeois | May 29, 2010 | von

von Mareike Nieberding

Ob musikalisch, stilistisch, olfaktorisch oder visuell. Die Items dieser Woche fordern den Köpper in die Tiefen der Intimität.
Schon das Cover des neuen Albums „All Days are Nights: Songs for Lulu“ (07) der Singer-Songwriter-Institution Rufus Wainwright zeugt von der Tiefe seines künstlerischen und emotionalen Anspruchs. Besonders in „Martha“, einem Song der sich um die tiefschürfende Beziehung zu seiner Schwester dreht, bekommen wir als Zuhörer die volle Ladung Geste – inklusive zartem Klavier und sanftem Gesang, der auch dem hartgesottensten Familienunfreund Tränen in die trockenen Augen treibt. Auch das Parfum [untitled] (03), erster Duft und letzte Amtshandlung von Martin Margiela, schürt Sehnsüchte. Dank natürlicher Inhaltstoffe wie Galbanum, Buchsbaumgrün und Weihrauch in hellem Grün gehalten, riecht es nach Waldfee und Sommerfrische und lässt, wie der Name schon andeutet, Raum für persönliche Fantasien. Der transparente, simpel gehaltene BH von Jean Ju (01) aus Seidenchiffon und mit hauchdünnen Trägern regt ebenfalls an, zeugt aber gleich dem Parfum von dem Verführungspotenzial eines natürlichen Nichts mit dem es sich einzuhüllen gilt und schubst jede Spitze und Schleife ganz sanft über die Klippe der modischen Überholtheiten.

ITEMS deep down Items Of The Week   Deep Down

Fühlt man sich doch mal danach allem Tiefsinnigen den esoterischen Mittelfinger zu zeigen, schnappe man sich die neue Sailor Cap von A.P.C. (08), schlüpfe in die aktuelle Kollaboration von Supreme und Vans (06) und mache die Arschbombe ins Vergnügen.

Eine Ansage, die ebenfalls die Manschettenknöpfe von Tomoki Sukezane für Openers (05) machen. Eine Warnung im Detail, die sich auch immer wieder in den Werken Louise Bourgeois’ entdecken lässt, die noch bis zum 15. August diesen Jahres in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Assoziation mit den surrealistischen Skulpturen Hans Bellmers unter dem Titel „Double Sexus“ gezeigt werden (02). Schon auf dem schwarz-weißen Porträt, das auch von der neuen Alpa-Kamera von Estragon (04) stammen könnte, betreibt sie optisches Versteckspiel. Mit dem Stereotyp der „netten alten Dame“ arbeitend, erklärt sich ihr schelmisches Lächeln erst nach Entdecken des überdimensionierten Phallus unter ihrem rechten Arm, der sich letztendlich als junge Frau, „la filette“, entpuppt. Nichts ist wie es scheint. Dive deep.