Items Of The Week – Nachteule

Kategorie: Maison Martin Margiela | October 02, 2011 | von

Von Mareike Nieberding -

Ode an die Nachteule.

Die schwarzen Stunden verschlucken die Farben. Wenn nicht die Sonne untergeht, sondern die Erde sich um die eigene Achse dreht, begegnen wir der Welt mit Vorsicht. Pressen die Lider zusammen, sind konzentriert. Wollen die Augen nicht aus der Verantwortung lassen. Suchen nach einer Hand, in der Hoffnung gemeinsam aus vier Augen zu schauen. Das Nichts zweisam zu durchschreiten. 

Amos Fricke versucht gerade in solchen Momenten, durch das Dunkel zu sehen. Mit wachem Geist und einem Auge für Inkonsistenzen, für Strukturen und ihre Risse, die Skurrilität des Alltags, für die verbaute Doppelmoral und die tapezierte Idylle, fotografierte und archivierte der 24-Jährige zwei Jahre lang mit seiner hosentaschen-großen Yashica: Menschen und Dinge. Oberflächen und Texturen. Autos, Häuser, Schilder und Konsumgüter. Die Bilder publizierte er nun in seinem ersten Fotobuch “Outlooks Insights” im Verlag Viktor&Pettl. Der seriellen Spontanität und Unverortbarkeit der Fotografien entsprechend, sind die 200 Bilder in jeder Ausgabe nach dem Zufallsprinzip neu sortiert. Jedes Buch ein Original. (07)

Während Fricke dem Zufall die Bühne bereitet, arbeitete Architekt, Designer und Fotograf Carlo Mollino Zeit seines Lebens an der Perfektion des Abzubildenden. Dokumente und Objekte seines eigenwilligen Manierismus und seiner surrealistischen Techniken zeigt nun das Haus der Kunst München. In der Ausstellung “maniera moderna” sind Möbel, Zeichnungen, Fotomontagen, Polaroids und ein Rennauto zu sehen. (03) 

Auch David Kamp und Lars Neckel suchen nach der perfekten Linie. Am 08. September schenkten sie ihrer Brillenmarke OWL Optics das digitale Leben, damit wir unsere analogen Sehschwächen korrigieren können. In Acetat interpretierten sie drei klassische Styles für OWL neu, die jeweils in drei Farben erhältlich (Nude, Dunkelblau, Palisander) und jederzeit online bestellbar sind. Die ersten 100 Berliner Seheulen sind außerdem limitiert und die Gläser inklusive. (06)

nachteule Items Of The Week   Nachteule

Der Eule ähnlich, ist auch Raf Simons ein meisterhafter Schattenspieler. Der belgische Designer und würdige Nachfolger Jil Sanders, gilt als scheu, aber von diskreter Bestimmtheit. Nun ziert er die neue Fantastic Man, für die neben Simons auch Magier David Copperfield nach Ewigkeiten (ich sehe ihn immer noch mit Claudia Schiffer, sie ganz in Weiß, mit übertoupierten Haaren, er ganz in Schwarz) wieder einmal das Dauerlicht auf seiner Stirn spüren durfte. (04)

Wer nachts nicht allein sein mag, kann das neue zehnte Album der Red Hot Chili Peppers “I’m with you” hören. Leider mittlerweile ohne die Dringlichkeitsgitarre von John Frusciante, dafür mit mehr inspirativen Klangräumen dank neuem Gitarrenmann Josh Klinghofer. (02) 

Während uns der hochgeschlossene, aber hochelegante Mantel von Maison Martin Margiela unerkannt durch die Nachtschatten eilen lässt (05), changiert die Pailettentasche von Miu Miu noch bei dem kleinsten Lichtfall in glamouröser Unersättlichkeit (01). Entdecke die Eule in Dir. 

The Bling Fling – Der Sommer glänzt

Kategorie: Maison Martin Margiela | June 03, 2011 | von

Time to be bold“ hat Miuccia Prada zum Motto für die aktuelle Frühling/Sommer-Saison erkoren. Da sich dieses nicht nur auf ihre eigenen Entwürfe aus abstrakten oder gegenständlichen, hypercolorierten oder völlig monochromen Drucken und Farben beziehen muss, finden wir, Gold eignet sich bestens als Ausstattung der neuen Heroinen.

Gold gehört zu den ältesten von Menschen genutzten Materialien und wird seit mehr als 6000 Jahren verarbeitet. Ob großflächig, voluminös oder filigran, seit jeher prägt das ewige Metall, der immerwährende Glanz die Phantasie der Menschheit.

Margiela Barcelet Pop Femme The Bling Fling   Der Sommer glänztMaison Martin Margiela – S/S 2011

So ist der rose-goldene Armreif des Maison Martin Margiela – mit Messingtafel an Vorder- und klappbarem Spangenverschluss auf der Rückseite – trotz aller materiellen Üppigkeit von zurückhaltend aparter Eleganz. Beim Zusammenschluss des französischen Brillendesigners Thierry Lasry mit Acne hingegen geht es um den Bling. „Sonnebrillen waren schon immer das wichtigste Disco-Accessoires“, erklärt Acnes Kreativdirektor Jonny Johansson und mit der handgefertigten, übergroßen „Helvin“ inklusive flacher, verspiegelter Gläser ist einem die Aufmerksamkeit der Nachtgemeinde garantiert.

Acne Helvin Sunglasses The Bling Fling   Der Sommer glänztThierry Lasry for Acne Studios  – Helvin

Imogen Belfield Cubes of Gold 936x1024 The Bling Fling   Der Sommer glänztImogen Belfield – Cubes of Gold

Noch nie war Natur so dekadent wie in den skulpturalen, organischen Schmuckstücken der Londoner Nachwuchsdesignerin Imogen Belfield, die ihre Bronzeentwürfe schließlich mit 22ct Gold plattiert.

1200 nokia oro black 3 724x1024 The Bling Fling   Der Sommer glänztNokia – Oro

Auf die glanzvolle und stilsichere Veredelung von Technik setzt Nokia: Das neue Nokia Oro ist ein Smartphone mit 18-Karat-Goldauflage, Leder, einer Menü-Taste aus Saphirkristall und mit dem „Innovations 2011 Design and Engineering Award“ prämierten Bluetooth Headset.

1200  mg 0714 1024x682 The Bling Fling   Der Sommer glänztNokia – Oro

Zwar besitzt der Jil Sander Ring aus schwarzem Obsidian und Gold keine weitere Funktion, eignet sich dafür aber als besonders prachtvolles Statement-Accessoires. Die Struktur des seit der Steinzeit verwendeten vulkanischen Glas wird durch die Vielzahl der Facetten sichtbar, dennoch behält das Stück den Jil Sander typischen minimalen Geist.

Jil Sander Obsidian Ring The Bling Fling   Der Sommer glänztJil Sander – Black Obsidian Ring

Gleichfalls minimal in der Form, dafür aber mit sommerlichem Farbverlauf ist die Marc by Marc Jacobs-Uhr, während sich die, mit goldenen Strasssteinen besetzte, ovale Clutch des Düsseldorfer Familienunternehmens Eickhoff besser für den glamourösen Auftritt eignet.

Marc by Marc Jacobs Watch The Bling Fling   Der Sommer glänztMarc by Marc Jacobs

Eickhoff Gold Glamour Clutch Box 805x1024 The Bling Fling   Der Sommer glänztEickhoff – Gold Glamour Clutch Box

In München setzt man ebenfalls auf deutsches Design, dennoch werden alle Schuhe von Unützer bis heute in Handarbeit in einer Fabrik im italienischen Fosso gefertigt. Weil ihm klar war, dass er irgendwann das Modehaus seines Vaters übernehmen würde, sammelte Fritz Unützer zunächst in London bei Burberry und Church Erfahrungen, inzwischen verantwortet er seit mehr als 20 Jahren das Design und auch der Römersandale der aktuellen Kollektion sieht man die Kombination aus Weltläufigkeit und detailverliebtem Handwerk an.

Unützer Sandale The Bling Fling   Der Sommer glänztUnützer – S/S 2011

Sicher nicht bequem, dafür aber mit Miuccia Pradas Auftrag zu kühnem Mut bestens vereinbar, sind Charlotte Olympias „Dolly“ Pumps, der am renommierten „Cordwainers College” in London ausgebildeten Designerin Charlotte Dellal. Schwarzes Wildleder, ein kantiger Plateau in Gold und rote Sohle, schon ist die Melange aus wilder Avantgarde und femininer Anmut geglückt.

Charlotte Olympia Dolly Pumps 821x1024 The Bling Fling   Der Sommer glänztCharlotte Olympia – Dolly Pumps

So verschieden die Sommeraccessoires auch sind, gemeinsam ist allen, dass sie zwar golden glänzen mögen, zugleich aber auch die Schlichtheit haben, die das Schöne der Form noch offenbart.

Déjà Vu?

Kategorie: Maison Martin Margiela | October 07, 2010 | von

“We are creating the most visible store in the world for the ‘most invisible designer’,” so Federico Marchetti, Gründer und CEO der Yoox Gruppe. Na, da hat er sich mit seinem Kumpel Renzo ja was Feines ausgedacht. Margiela als 24/7 eStore, nicht nur bei Yoox, sondern jetzt auch noch, mit Yoox’ Unterstützung, auf der eigenen Seite. Läuft wohl immer noch nicht gut genug, Jungs? “Many times, I heard friends asking me where they could find some of the amazing creations by Maison Martin Margiela,” sagt Herr Rosso. Na gut. Aber auch wenns die slicken Freunde am Pool nicht verstehen, muss man das Konzept doch nicht anbieten wie Sauerbier. Schneller und zielstrebiger kann man ein ehemaliges Avantgarde-Label jedenfalls nicht entzaubern. (Mehr zum Dramolett Margiela/Rosso/Marchetti kann man übrigens hier in einem Artikel von Friederike Steinert nachlesen.)

Der erst im September angekündigte Launch der neuen MMM Brillenlinie  in Kooperation mit Cutler and Gross wird die Kommerzialisierung der bislang als eher unverkäuflich geltenden Marke nicht aufhalten. Ganz im Gegenteil kann man sich die Modelle ‘Theo’ und ‘Chloe’  so gut an Großstadtnasen in aller Welt vorstellen, dass sie für eltäre Avantgarde-Einsätze eindeutig disqualifiziert sind:

MMM ChoeAndTheo 1024x498 Déjà Vu?///”‘wrong size’ – a geometric play on lenses seemingly ill-fitting the frame” und “‘anatomic’ – an enlarged rounded shape enveloping the face to protect the full visual field.” Quelle Bilder: MMM Press Office///

Vorerst letzter Streich ist die Sommerkollektion 2011, in der eine Idee aus den 90er Jahren recycelt und auf schick getrimmt wird. 1999 gab es eine Show in einer alten Pariser Villa, die über so absurd luxuriöse Features wie eigene Dienstbotenaufzüge verfügte. Die Besitzerin hörte auf den Namen Schlumberger und die Event Agentur, die die Show damals ausrichtete, war später auch bei Boss aktiv, aber das ist Gossip und tut nichts zur Sache. Jedenfalls defilierte man unter anderem in sogenannten 2D-Anzügen. Die Stücke der Kollektion waren abfotografiert und auf Papptafeln gedruckt worden, Models trugen sie wie Werbetafeln über den Laufsteg.

1999 1024x369 Déjà Vu?///aus: Maison Martin Margiela STREET Special edition Voliumes 1 & 2///

Obwohl man kürzlich den guten alten Harley aus New York zurück an die Seine geholt und die Designerin der Damenlinie schon seit langem mit einem schmucken Bauernhof in Italien inspirativ befriedet hat, schüttelt das kreative Team eine alte Kamelle aus dem Ärmel. Aber warum sollte man auch eine Idee wegwerfen, wenn man noch was draus machen kann? Ganz im Sinne der heute überall zitierten ‘Sustainability’ ist die Sommerkollektion 2011 nichts Anderes, als die Stoffwerdung einer Idee aus dem letzten Jahrzehnt. “The front is a flat rectangle, whilst the back reveals the woman’s body – as if it has been vacuum formed.” Aha. Na das hat mir gerade noch gefehlt.

MMM 2011 1 1024x616 Déjà Vu?MMM 2011 2 1024x598 Déjà Vu?///”Men’s wardrobe meets the woman’s body.” Quelle: MMM Press Office///

Items Of The Week – Deep Down

Kategorie: Maison Martin Margiela | May 29, 2010 | von

von Mareike Nieberding

Ob musikalisch, stilistisch, olfaktorisch oder visuell. Die Items dieser Woche fordern den Köpper in die Tiefen der Intimität.
Schon das Cover des neuen Albums „All Days are Nights: Songs for Lulu“ (07) der Singer-Songwriter-Institution Rufus Wainwright zeugt von der Tiefe seines künstlerischen und emotionalen Anspruchs. Besonders in „Martha“, einem Song der sich um die tiefschürfende Beziehung zu seiner Schwester dreht, bekommen wir als Zuhörer die volle Ladung Geste – inklusive zartem Klavier und sanftem Gesang, der auch dem hartgesottensten Familienunfreund Tränen in die trockenen Augen treibt. Auch das Parfum [untitled] (03), erster Duft und letzte Amtshandlung von Martin Margiela, schürt Sehnsüchte. Dank natürlicher Inhaltstoffe wie Galbanum, Buchsbaumgrün und Weihrauch in hellem Grün gehalten, riecht es nach Waldfee und Sommerfrische und lässt, wie der Name schon andeutet, Raum für persönliche Fantasien. Der transparente, simpel gehaltene BH von Jean Ju (01) aus Seidenchiffon und mit hauchdünnen Trägern regt ebenfalls an, zeugt aber gleich dem Parfum von dem Verführungspotenzial eines natürlichen Nichts mit dem es sich einzuhüllen gilt und schubst jede Spitze und Schleife ganz sanft über die Klippe der modischen Überholtheiten.

ITEMS deep down Items Of The Week   Deep Down

Fühlt man sich doch mal danach allem Tiefsinnigen den esoterischen Mittelfinger zu zeigen, schnappe man sich die neue Sailor Cap von A.P.C. (08), schlüpfe in die aktuelle Kollaboration von Supreme und Vans (06) und mache die Arschbombe ins Vergnügen.

Eine Ansage, die ebenfalls die Manschettenknöpfe von Tomoki Sukezane für Openers (05) machen. Eine Warnung im Detail, die sich auch immer wieder in den Werken Louise Bourgeois’ entdecken lässt, die noch bis zum 15. August diesen Jahres in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Assoziation mit den surrealistischen Skulpturen Hans Bellmers unter dem Titel „Double Sexus“ gezeigt werden (02). Schon auf dem schwarz-weißen Porträt, das auch von der neuen Alpa-Kamera von Estragon (04) stammen könnte, betreibt sie optisches Versteckspiel. Mit dem Stereotyp der „netten alten Dame“ arbeitend, erklärt sich ihr schelmisches Lächeln erst nach Entdecken des überdimensionierten Phallus unter ihrem rechten Arm, der sich letztendlich als junge Frau, „la filette“, entpuppt. Nichts ist wie es scheint. Dive deep.

Items Of The Week – Im Knick

Kategorie: Maison Martin Margiela | March 26, 2010 | von

von Mareike Nieberding

Der Knick ist ein Multifunktionstalent. Gilt er in Zeiten der makellosen Geradlinigkeit und unbedingten Perfektion als Zeichen von Schwäche, birgt er bei unvoreingenommener Ausnutzung seiner vielfachen Anwendungsfelder ungeahnte Fähigkeiten sowohl praktischer als auch ästhetischer Natur.

Erstes Beweisstück dieser These bietet der freischwingende „Straw Chair“ der Berliner Designer Osko+Deichmann (5), der ab heute Abend in der Ausstellung „Funktionale Beschädigung – The beauty of deliberate kinks, dents and bends in a family of tubular steel furniture“ in der Galerie Helmrinderknecht gezeigt wird. Mutet hier das geknickte Stahlrohr tatsächlich wie ein gefalteter Strohhalm an, ist auch bei dem poppig-pinken Bonbon-Portemonnaie von Maison Martin Margiela (3) der Knick elementares Konstruktionsmoment und reduziert die metallisch glänzende Oberfläche auf taschenkompatibles Maß.

Demgegenüber knicken und kreuzen die Mulleavy Schwestern für das Rodarte´sche Sommermädchen verschiedenste Muster, Materialien, Formen und Farben zu voluminösen Stoffabstraktionen (2), die kombiniert mit der angespitzten Sonnenbrille von Alexander Wang für Linda Farrow (1) sicherlich auch den größten Kritiker wie einen Origami-Schwan zusammenzufalten vermögen.

ITEMS imKnick Items Of The Week   Im Knick

Wer sich lieber der sensibel auf Foto gebannten Fatalität des menschlichen Geknickt-Seins hingibt, der kann noch bis zum 17. April Ryan McGinley´s neuste Ausstellung „Everybody Knows This Is Nowhere“ (7) in der Team Gallery observieren. In dieser zeigt er ganz un-Ginley´isch, im Atelier entstandene Emotionsstudien in Schwarz-Weiß.

Nach soviel nackter Konfrontation, darf man sich dann auch getrost wieder der Oberflächenausstattung widmen. Und mit Fanfarlo´s Debutalbum „Reservoir“ (4) auf den Ohren, durch poppige Melodicas samt Celli und Mandolinen aus dem Knick kommend, zukünftiger Ungewissheit mit der optimistischen Illustration von Justin Krietemeyer auf dem Shirt von Sixpack (8) die Brust bieten. Um sich sanft gebettet auf den mit fröhlichem Pfirsich akzentuierten Nike Air Max 1 (6) durch die grauen Massen treiben zu lassen. Aber bitte nicht umknicken!