Items Of The Week – Gemustert
Homer ruft im zweiten Buch der Ilias mit feinem Enthusiasmus aus: „Lasst mich masturbieren – oder sterben.“ Mark Twain rezitiert dieses erfundene Zitat in seinem Vortrag „Einige Überlegungen zur Kunst der Onanie“ im Jahre 1879 im eleganten Stomach Club in Paris und drehte damit wohl so manchem eleganten Herrn tatsächlich den Magen um.
Die Zeit (Nr. 16) druckte diese parodistischen Frechheiten nun das erste Mal vollständig in deutscher Übersetzung ab und lieferte so zum 100. Todestag des Romanciers Twain skandalträchtige Horizonterweiterungen, mit denen auch in dem vom Aufbau Verlag neu herausgegebenen Briefband „Sommerwogen – Eine Liebe in Briefen“ (06) gerechnet werden darf. Ganz sicher nicht mustergültig für das mit dem Biedermann kämpfende 19. Jahrhundert und trotzdem in seiner Quertreiberei Symbol eines der grundsätzlichsten Attribute des Musters als graphische Struktur – dem organisierten Chaos.
Ist Neo Rauch für die einen Musterschüler, sehen die anderen in ihm die personifizierte Rückwärtsgewandtheit. Die Kritik streitet sich über den künstlerischen Wert des finanziell erfolgreichsten lebenden deutschen Künstlers – wer sich selbst ein Bild machen möchte, reise noch bis zum 15.08.10 zu seiner Show „Begleiter“ (07) entweder ins Museum der bildenden Künste Leipzig oder die Pinakothek der Moderne in München.
Auch das Album „Swim“ (03) vom Musikantenkollektiv Caribou (die am 28.04. im Berghain spielen) arbeitet mit der Kraft fließender Wiederholungsstrukturen: Fluffige Tanzbarkeit bestehend aus computerbasierter Clubmusik und Disco Fox-tauglichen Instrumentspielereien, die sich die Style and the Family Tunes im Gespräch mit Dan Snaith persönlich erläutern ließen.
Wollte man die Klänge von „Swim“ in Form und Farbe pressen, fiele die Entscheidung, ob es zur luftigen Seidenhose von Acne (02) oder zum Festival-prädestinierten H&M-Sonnenstuhl (08) samt einprägsamem Inkadruck werden sollte, sicherlich nicht leicht. Südamerikanische Mustereien, die auch Taka Hayashi für die Klettverschlüsse seiner Vans Vault (01) nutzte, um den adäquaten Fußschmuck für den modernen Großstadt-Indianer zu schaffen.
Wer nun auch noch die stilistischen Mitstreiter vom persönlichen Odessa überzeugen muss, der ziehe seine neue Leica V-Lux 20-Kompaktkamera (05) inklusive GPS aus dem lachsledernen Mongrels in Common-Sack (04) und befördere sie in neidische Weiten. Mustern und mustern lassen – das ist die Devise.



