Bücher sollst Du sücher

Kategorie: Nieves | July 29, 2011 | von

Längere Texte online lesen ist so eine Sache. Die endlose Scrollerei bei Google Books nervt auf die Dauer schon ein wenig. Dazu kommt, daß die Dinger nur eingescannt sind. Andererseits sind die Klickstrecken des Projekts Gutenberg auch keine erträgliche Alternative; da helfen auch schöne Tools wie Readability nur bedingt weiter. Wegen der fehlenden Haptik sind eReader wie Amazons Kindle bis jetzt ein Nischenmark. Und ob der von vielen heftig herbeigesehnte Boom der Tablet-PCs wirklich die Rettung der Verlagsbranche verheißt, wo doch die Ablenkung durch das Intenet stets nur einen Touch entfernt ist, wird abzuwarten sein.

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Was noch? Literaturklassiker des 19. Jahrhundert von Verne bis Tolstoi kann man – abgelaufenes Copyright sei Dank – bei Great Books For Free im Blogformat genießen. Noch praktischer ist der Service DailyLit: Man kann sich auch den dicksten Wälzer häppchenweise per RSS in den Feedreader liefern lassen. Allerdings sucht man auch hier Zeitgenössisches vergeblich. – Die Buch- scheint da noch innovationsunlustiger als die Musikbranche zu sein. Dabei gäbe soviel zu erneuern, manches durchaus von zweifelhaftem Wert. So werden in den USA die Neuausgaben von Tom Sawyer und Huckleberry Finn ohne das N-Wort auskommen müssen. Ob diese “Aus den Augen, aus dem Sinn”-Rechnung aufgehen wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Aufklärung über historische Sachverhalte könnten hingegen auch auf gegenwärtige Mißstände aufmerksam machen.

“Call me Ishmael_65.” Bei McSweeney’s findet sich gleich eine Liste auf die Neuzeit angepasster, berühmter Romananfänge. Und wo Dostojewskis Schuld und Sühne seit der deutschen Neuübersetzung von Svetlana Geier nun Verbrechen und Strafe heißt: Diese Website hat ein paar Vorschläge parat, um allzu blumige Buchtitel auf harten Boden ihres Inhalts zurückzuholen.

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Booksonline.fr/ lädt zum beschaulichen Blättern am Monitor ein – ganz ohne Textwüsten. Hier werden kurze Bildbände von Photographen wie Paul Paper und Guillaume Greff verlegt. Das erinnert mich ein wenig an den Schweizer Nieves Verlag, nur daß die DIY-Attitüde in der Gestaltung durch einen Retro-Nerd-Look ersetzt worden ist. Sehr schick anzuschauen – auch wenn ich diese issuumäßige virtuelle Blätterei nie so richtig verstanden habe. Aber deren Hochhypezeit ist jawohl auch vorbei. Oder macht das sonst noch jemand?
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Leute, die zum Lachen in den Keller gehen, gingen auch: Zum Protestieren in die Bibliothek.

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Items Of The Week – Zur Zeit

Kategorie: Nieves | December 01, 2010 | von

von Mareike Nieberding

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willigt dem Abschied
nach jeder Umarmung.
(Ingeborg Bachmann, 1953)

Zur Zeit. Gedanken zur Zeit, Menschen in der Zeit, sich zu einer Zeit verhalten, kreatives Schaffen in Bezug auf eine Zeit, die in Stunden gepresste Zeit. Uwe Tellkamp beschwörte in „Der Turm“ den Geist der alten Zeiten, ohne dabei Gegenwart und Zukunft aus den Augen zu verlieren. In seinem neuen Roman „Die Schwebebahn“ durchschreitet er aufs Neue die Räume der Erinnerung und erhebt „das Schwebende [zum] Prinzip dieses Buches, zwischen Zeit und Raum, den Erinnerungen und der Geschichte”, so Tellkamp (05). Zeitlos und deshalb unweigerlich am Puls der Zeit die Derbies von A.P.C. (01), die kreativen Erzeugnisse des Hauses Céline seitdem Phoebe Philo sie verantwortet (03) und die quietschfidelen Entwürfe der Finnen von Marimekko (04), die seit den 1950er Jahren die moderne Wohnkultur mit Mustern und Farben bereichern und nun mit einem neuen Store auf der Alten Schönhauser Straße vertreten sind.

zurzeit Items Of The Week   Zur Zeit

„Die Welt aus Schrift. Das 20. Jahrhundert in Europa und den USA“ ist momentan in der Kunstbibliothek im Kulturforum zu sehen und zeigt über 500 Plakate, Bücher, Zeitschriften, Schallplatten und Akzidenzdrucke, die alle ihrer Zeit zugewandt waren, von Zeit zeugen und in die Zukunft zeigen. Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag Walther König erschienen (02). Vielen vergleichbaren Verlagen und Liebhabern des bedruckten Papiers um einiges voraus sind die Schweizer von Nieves. Sie bieten monatlich kostengünstig neue Publikationen in einer App für Iphone, Ipad und Ipod Touch an und verleiten den Leser dadurch noch dringlicher zum Kauf der physikalisch erfahrbaren Variante auf Papier (07). Zwei Fliegen mit einer Klappe.
Mark Morrisroes Fotografie ist Kind einer Zeit, in der Rausch nicht mehr nur Stimulanz, sondern Produktionsbedingung, Thema, das Leben selbst war. Morrisroes radikale Ausbeute seiner selbst, fotografisch gebannt, zu sehen im Fotomuseum Winterthur bis zum 13. Februar (08).  „This could be the end“ jauchzen die Kings of Leon auf ihrem neuen Album „Come around sundown“ (06). Es wäre für alle das Beste. Sei zur Zeit.

Items Of The Week – Im Archiv

Kategorie: Nieves | August 27, 2010 | von

von Mareike Nieberding

„von weither sichtbar und einprägsam scheint am dükerweg ein mit leopardenmuster beklebtes flugzeug neben dem parkplatz bei burger king zu landen, aber in wirklichkeit, von einem gestänge gehalten, kann es bis in alle ewigkeit zur landung leider nur ansetzen. auf seinen beiden tragflächen stehen bereiteinig je drei grazile schaufensterpuppen, mit kunstfell spärlich behängt, stahlhelme auf dem kopf und sehen durch schutzbrillen zur nahen autobahn rüber.“ (Klappentext zu „Materialien (C), A40 Bochum Dükerweg“ von Peter Piller)

Die Bilder Peter Pillers in „Materialien (C), A40 Bochum Dükerweg“, erschienen bei Nieves, bestechen durch die Allgegenwart der fotografierten Gegenstände und stöbern in den Archiven der deutschen Allgemeinheit (06).
Die deutsche Liebe zur Ordnung. Entgegen kommt ihr der „CSL Mobile Drive“ von Sylvain Willenz. Wie ein Kassettendeck beschriftet und in milchigem Plastik verpackt, befriedigt es sowohl Ordnungs- als auch Geschmackssinn (08).

Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin. Das Paar verwischt Grenzen. Zwischen Mode- und Kunstfotografie, hyperrealistisch und zugleich surrealistisch, waren sie Pioniere im Umgang mit digitaler Fotografie und nutzten sie für die Vielschichtigkeit ihrer Bilder. Für das Foam_Fotografienmuseum Amsterdam öffneten sie ihr Archiv. Noch bis zum 15. September zeigt dieses „Pretty Much Everything – Fotografien 1985 – 2010“ (07). Weiterlesen »