Die Achse des Surrealen
Nach dem Abebben des Surrealismus als Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre lebte die Stilrichtung vornehmlich als Jungskunst unter Dalí-Verehrern und in Kunst-Leistungskursen an gymnasialen Oberstufen weiter. Schließlich bieten die Erfindungen der Surrealisten beste Möglichkeiten für die kreative Entfaltung unter Zwang und die Auslebung kunstpädagogischer Richtlinien. Collagieren, Assemblieren, De-Collagieren, Durchpausen sind Techniken, die auf den eher in der Literatur und der Philosophie angesiedelten Theorien André Bretons fußen und dann von Leuten wie Max Ernst künstlerisch ausgefeilt wurden. Bis heute eignen sich Frottage, Grattage und Dekalkomanie perfekt um präadoleszente Teenager im Kunstunterricht bei Laune zu halten.
Toyen, “Nach der Vorstellung”, 1943, Alsova jihoceska galerie, Hluboká und Vltavo
Dennoch ist der Surrealismus ist untergegangen, wenngleich er durch immer neue Dalí-Ausstellungen künstlich am Leben gehalten werden soll, denn als kommerzielle Kalenderkunst funktioniert die fantastische Ikonografie immer noch.

Mood Bilder zur Ausstellung "Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris-Prag" (c) Dorothee Schumacher, 2009
Ganz tot? Nein, meint das Ausstellungsprojekt “Gegen jede Vernunft” in Ludwigshafen. Der dortige Kunstverein und das Wilhelm-Hack-Museum haben Paris als Surrealismus-Hochburg sozusagen janusköpfig sowohl den Rücken gedreht als auch im Auge behalten und wenden sich einer Achse zu, um die surrealistische Kunst nicht nur historisch rotiert, sondern bis in die Gegenwart. Prag ist die gelobte Stadt für Surrealisten, die sich nicht für die Zombies der Kunstgeschichte halten.

Emila Medková, "Handgelenk mit Uhr", 1949, Museum für Angewandte Kunst, Prag (c) Eva Kosáková, 2009
Bis heute existieren in Prag und der Tschechischen Republik Surrealistische Gruppen, die das Experiment und die Theorie am Laufen halten. Durch die wechselhafte Geschichte Tschechiens hindurch hat sich surrealistische Kunst als eine Nische gehalten, die es den Künstlern und Künstlerinnen erlaubte, im Kleinen gegen die Staatsdoktrin zu opponieren. In den letzten Jahren hat sich die surrealistische Kunst auch am tschechischen Kunstmarkt etabliert und wird von Galerien verstärkt gehandelt.

Mauerwächter am Hof vom Jan Svankmajer
Ein Hauptvertreter, der Installationskünstler und Filmemacher Jan Švankmajer, lebt und arbeitet mit 75 Jahren in einem kleinen Dorf bei Prag. In einem ehemaligen Bauernhof hat er sein Filmstudio eingerichtet und dreht, cuttet und postproduziert dort Animationsfilme, die zum besten zählen, was die Branche hervorbringt. Švankmajer hat Regisseure wie Tim Burton oder Terry Gilliam beeinflusst und lebt seine Kunst als “permanente Avantgarde“.

Karel Teige, "Collage Nr. 50", 1938, Museum of Czech Literature (c) Nachlass Karel Teige
Die Ausstellungen in Ludwigshafen stellen die tschechischen Künstler den bekannteren Epigonen des Surrealismus gegenüber und drehen den westzentrierten Blick mit Werken von Jindřich Štyrský, Karel Teige oder Toyen in eine neue Richtung.
Die Ausstellung “Gegen jede Vernunft – Surrealismus Paris-Prag” läuft noch bis Sonntag, den 14. Februar 2010 im Wilhelm-Hack-Museum und im Kunstverein Ludwigshafen







