Post Mortem

Kategorie: Post Mortem | November 16, 2009 | von

patrik budenz post mortem2 Post Mortem
Bedrückend ist er immer. Und unangenehm auch. Gesellschaftsfähig selten. Und doch gehört er zu den Spielregeln. Der Tod, der zusammen mit der Geburt den wohl kleinsten gemeinsamen Nenner unserer menschlichen Leben darstellt, wartet mit dem Siegel Endgültigkeit auf und wird öffentlich meist entweder tabuisiert oder zur Befriedigung der Lust Sensationsgeiler instrumentalisiert.

Der Berliner Fotograf Patrik Budenz bedient  in seiner herausragenden Fotostrecke „Post Mortem“  weder das eine, noch das andere Extrem.
Für seine Abschlussarbeit an der neuen Schule für Fotografie dokumentierte er sensibel und dennoch ohne jede Beschönigung die letzten Stationen toter Körper in der Rechtsmedizin, „in Kühl- und Lagerräumen, bei der Sektion, beim Bestatter, im Krematorium, auf Friedhöfen bis hin zur Präparation und der wissenschaftlichen Organsammlung.“

Für Sounds Like Me habe ich Patrik Budenz dazu befragt, wie es ist, dem Tod auf der Spur zu sein:

In deiner Arbeit „Post Mortem“ begleitest du die Körper Verstorbener bei ihren letzten Stationen: in Kühl- und Lagerräumen, bei der Sektion, beim Bestatter, im Krematorium, auf Friedhöfen bis hin zur Präparation und der wissenschaftlichen Organsammlung.
Bereits in deiner vorangegangener Arbeit „Search for Evidence“ hast du dich fotografisch mit der Arbeit von Rechtsmedizinern und somit auch mit dem Tod auseinandergesetzt. Was hat dich persönlich und beruflich dazu bewogen, dich fotografisch dem Thema Tod zu nähern?

Da beide Serien als freie Arbeiten entstanden sind, lag ihnen keinerlei berufliches Kalkül zugrunde. Die Motivation war also rein persönlich – in erster Linie war es Neugier.
Bei der Serie „Search for Evidence“ wollte ich entgegen den vom Fernsehen vermittelten Klischees herausfinden, was Rechtsmedizin tatsächlich ist. Dabei habe ich mich insbesondere auf die Rechtsmediziner und ihre Arbeit konzentriert, weniger auf die Verstorbenen.
Da sich die Arbeit der Rechtsmediziner aber nun einmal mit dem Tod beschäftigt, wurde ich selbst automatisch mit diesem Thema konfrontiert.

Darüber hinaus habe ich während der Aufnahmen  auch flüchtige Einblicke in andere damit zusammenhängende Arbeitsbereiche erhalten, wie z.B. das Bestattungswesen oder das Krematorium. Dabei hat sich mir die Frage gestellt, die mich letztlich zur Serie „Post Mortem“ geführt hat: Was geschieht eigentlich mit dem toten Körper, nachdem ein Mensch verstorben ist?

Auf der einen Seite hast du dokumentiert wie Leichname verwaltet, betrachtet, untersucht und aufbereitet werden, auf der anderen hast du dich bemüht, die Würde der Verstorbenen nicht zu verletzten.  Als Fotograf hast du weit mehr gesehen als das, was du uns auf deinen Bildern präsentierst. Wie hast du dich auf diese Herausforderung vorbereitet? Wie gingst du selbst mit dem Gesehenen um? Konntest du nach der Arbeit einfach abschalten?

Zunächst habe ich mich anhand soziologischer, historischer und medizinischer Fachliteratur mit diesem Thema auseinandergesetzt. Auch mit anderen künstlerischen Arbeiten zum Tod habe ich mich beschäftigt.
Im Nachhinein betrachtet glaube ich, dass mir diese gründliche Vorbereitung sehr geholfen hat, meine eigene Position zu definieren.
Allerdings ist dann alle Theorie schnell hinfällig, wenn man das erste Mal so unmittelbar mit dem Tod, insbesondere dem gewaltsamen, konfrontiert wird. Erst dann zeigt sich, wie man damit umgehen kann.
Mein besonderer Dank gilt diesbezüglich allen Menschen vor Ort, denen ich bei meiner Arbeit begegnet bin. Ich konnte jederzeit Fragen stellen – fachliche und persönliche –, es wurde mir viel erklärt, was sehr zu meinem Verständnis beigetragen hat. So habe ich selbst den Personen, die ja täglich mit dem Tod arbeiten, die Frage gestellt, wie sie persönlich damit umgehen. Die überwiegende Antwort, die ich auch selbst teile, war: Man sollte eine professionelle Distanz wahren. D.h. einerseits sollte man das Gesehene nicht so nah an sich heran lassen, dass es einen auffrisst. Andererseits handelt es sich dabei immer um menschliche Schicksale, gegenüber denen man keinesfalls abstumpfen darf. Wenn man das schafft, erhält man sich den Respekt und die Sensibilität für das Thema und auch für die Verstorbenen und ihre Würde.
Man erlebt natürlich immer wieder besonders bedrückende Geschichten, die man am nicht einfach so zur Seite schieben kann. Deshalb war es für mich sehr wichtig, dass ich immer die Möglichkeit hatte, mit meiner Familie und meinen Freunden über meine Eindrücke sprechen zu können.

Im Interview mit Bildwerk3 sagst du, dass das „Thema Tod in unserer gegenwärtigen Gesellschaft weitgehend verdrängt“ wird und „unsere vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft einen Rückschritt gemacht“ habe. Woran liegt das? Sollten wir diese Haltung deiner Meinung nach verändern?

Bis zum Ende des 19.Jahrhunderts verstarben die Menschen üblicherweise im häuslichen Umfeld, wo auch anschließend die Bestattungsriten von den Angehörigen durchgeführt wurden. Durch den Fortschritt der Medizin und die Professionalisierung des Bestattungswesens wurde das Sterben jedoch in Krankenhäuser verlagert, die Todesrituale zu den Bestattern. Der Tod wurde damit aus dem Alltag entfernt. Auch die beiden Weltkriege haben durch die massive Konfrontation der Menschen mit dem Tod weiter zu einer Verdrängung und letztendlich Tabuisierung des Todes geführt.
Es mag zwar eine abgedroschene Floskel sein, aber dem Tod kann niemand entgehen. Dies betrifft nicht nur den eigenen Tod, sondern auch den Umgang mit dem persönlichen Verlust von nahestehenden Menschen. Ich glaube, dass eine gesellschaftliche Verdrängung hierbei nicht hilfreich ist, und empfinde den offenen Umgang mit diesem Unvermeidbaren sinnvoller.
Letztlich ist das aber immer eine sehr persönliche Angelegenheit. Daher sollte jeder selbst seine eigene Haltung zum Thema Tod wählen. Meine Bilder reflektieren meine persönliche Haltung zum Thema an sich, wie auch meine eigene Weise, mit dem Tod umzugehen.

Wenn Tod in der Öffentlichkeit thematisiert wird, wird er oft mit Worten wie „Erlösung“, „Heimgang“ oder „Entschlafen“ in Verbindung gebracht. „Post Mortem“ entbehrt jeder romantischen Beschönigung.

Romantische Beschönigungen, wie auch religiöse Erhöhungen sind meines Erachtens Versuche, dem Tod positive Seiten abzugewinnen und ihn dadurch erträglicher zu machen. Aber man vermeidet dadurch, sich tatsächlich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Ich frage mich, ob diese Verklärung letztendlich nicht eine weitere Form der bereits erwähnten Verdrängung bzw. Tabuisierung bedeutet.
Darüber hinaus kann ich dem Tod keine romantischen Aspekte abgewinnen.

Du hast dich intensiv mit dem Thema Tod beschäftigt. Hat sich deine persönliche Einstellung ihm gegenüber mit deinen Arbeiten verändert? Und was hast du über den Tod erfahren?

Letztlich habe ich über den Tod selbst nichts erfahren, was ich nicht schon wusste: Der Tod bedeutet ganz nüchtern betrachtet das Ende einer menschlichen Existenz.
Bei meinen Arbeiten wurde mir jedoch vor Augen geführt, wie fragil das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann. Das hatte aber weniger einen Einfluss auf meine Einstellung zum Tod, sondern vielmehr auf meine Einstellung zum Leben – auch wenn das jetzt sehr abgenutzt klingen mag.

Wie unterschiedlich waren und sind die Reaktionen auf deine Bilder?

Bisher habe ich ein fast ausschließlich positives Feedback erhalten. Obwohl das Thema nach Möglichkeit vermieden wird, sind doch viele bereit, sich darauf einzulassen und darüber zu reflektieren. Da auch das Wissen um den professionellen Umgang mit dem Tod eher gering ist und von Medienklischees bestimmt wird, besteht natürlich auch eine Neugier auf einen Blick in diesen der Öffentlichkeit üblicherweise nicht zugänglichen Bereich.
Natürlich möchten manche Menschen dieses Thema vollständig meiden und verzichten daher von vorne herein auf die Betrachtung der Bilder, wofür ich auch Verständnis habe.

Weißt du schon, wo „Post Mortem“ als nächstes zu sehen sein wird?

Gegenwärtig sind die Bilder noch bis Ende Dezember im Ausstellungsraum des Bestattungsunternehmens Otto Berg in Berlin ausgestellt. Für die Zeit danach möchte ich gerne weitere geeignete Ausstellungsmöglichkeiten für diese Arbeit finden. Im Moment gibt es jedoch noch keine konkreten Planungen.
Anders verhält es sich bei der Arbeit „Search for Evidence“: Nachdem diese bis September im Rahmen der Ausstellung „Vom Tatort ins Labor – Rechtsmediziner decken auf“ im Medizinhistorischen Museum der Charité Berlin präsentiert wurde, ist die gesamte Ausstellung von November 2009 bis Mai 2010 im Galileo-Park im Sauerland zu sehen.

Du hast gerade dein Studium an der neuen Schule für Fotografie beendet. Welchen Anspruch hast du an dich und deinen Beruf als Fotografen und in welche berufliche Vision verfolgst du?
Ich werde an bereits begonnen Themen weiter arbeiten und mich auch weiter mit dem Thema „Tod“ beschäftigen, weil es für mich in diesem Bereich noch viele offene Fragen gibt. Grundsätzlich möchte ich mich aber nicht auf nur ein bestimmtes Thema oder eine einzige Art der Fotografie festlegen.
Ich finde es spannend, mich auf neue Dinge einzulassen und bin daher offen für Alles.
Die Fotografie ist eine wunderbare Möglichkeit die Welt zu erforschen und damit Inhalte und Themen zu vermitteln.

Weitere Fotos von “Post Mortem” und mehr über Patrik Budenz gibt es bei Grauwerk zu sehen.