Anti-Advergames
Foto von Spanier.
Meine Angestellten sind unglücklich, aber für die ist keine Zeit. Es gibt zu wenige Rinder, folglich keine Burger. Wir stehen kurz vor dem Ruin. Schnell, schnell. In meiner Not kommt die genmanipulierte Sojabohne auf die Felder. Tiermehl muss dem Fleisch, Hormone dem Futter zugeführt werden. Die Marketingkampagne ist gerade angelaufen und die Kunden stehen Schlange im Laden. Kein Rind heißt keine Burger, keinen Umsatz, keinen Top Score. Ich dachte, spielen entspannt.
Von wegen. Zwischen Korruption und Alibi-Aktion für die Dritte Welt stürme ich in meine Filiale. Die Mitarbeiter sind unglücklich. Das hatte ich vollkommen vergessen. Schnell rügen. Jetzt rollt der Rubel. Mehr Rinder, mehr Felder, mehr Marketing. Ach herrje.
Die hatten Recht: „Du wirst all die schmutzigen Geheimnisse kennenlernen, die uns zu einem der größten Konzerne der Welt gemacht haben.“ Das McDonalds Anti-Advergame zieht mich hinein in den Moloch der Political Incorrectness, wie mich sonst nur der Strudel von Oma ergreift. Und dabei wollte ich doch eigentlich ganz sachlich recherchieren, weshalb Onlinespiele im sogenannten „Marketingmix“ von Unternehmen eine solch wichtige Rolle spielen.

Für Kaugummis, Autos, ja, selbst Taccos habe ich mich in den letzten Stunden investigativ durchs Netz gespielt und jedesmal die gleiche Leier. Einmal drin. Alles gefressen. Doch es kommt noch dicker. Während ich in meinem Alltag höchstens für Sekunden an einer Werbebotschaft verweile, löse ich mich ebenso schwer von den guten Werbe-, Produkt- und Markenspielen wie von einem spannenden Film. Ich ballere, laufe und kämpfe mich durch die Welten als ob es meine eigene wäre. Und das als erklärter Anti-Spieler.
An dieser Stelle sollte meine Recherche eigentlich beendet sein. Den Bann des Spiels habe ich zu Genüge ausgekostet und mir die Frage, weshalb Spiele in der Werbung so erfolgreich sind, wie im Abenteuerrausch selbst beantwortet.
Doch wo sind eigentlich die Kritiker, die Hacker, die Aufmischer in dieser bunten Welt des Spielerausches, frage ich mich? Jene, die Nichtwissern wie mir zeigen, dass der metaphorische Spieß auch umgedreht werden kann. Den de-branding Spielemacher-Untergrund sozusagen. Den zu suchen, ist die nächste Mission. Und McDonalds ist die erste Stufe zur Antwort.
Vor drei Jahren machte das zu Beginn beschriebene McDonald`s Anti-Advertising Spiel seine Runde und gehört bis heute zu den wohl berühmtesten unternehmenskritischen Spielen in dessen Reihe sich höchstens noch das von der PETA initiierte KFC Anti-Advergame positionieren kann. Doch dann ist Schluss. Spielerische Markenhacks gibt’s anscheinend seit einigen Jahren nicht mehr. Bloody Burberry mag als Rettungsanker auch nicht herhalten. Auch wenn ich gerne ein Hase war.
Ich strauchle auf meiner Suche nach spielerischer Substanz, nach Protest und Aufklärung bis ich an den Pforten der Politik & Wirtschaft ankomme. Denn was nach Planspielen klingt entpuppt sich als wahrer Himmel des Mehrwehrtspielens.
Im „The Free Culture Game“, beschäftige ich mich mit Copyrights und geistigem Eigentum, um am Ende zu verstehen, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, Wissen zu privatisieren. Beruhigt ziehe ich weiter zu „Cutthroat Capitalism“, um noch schnell das Geschäftsmodell somalischer Piraten kennenzulernen, bevor ich bei „Consumer Culture“, eine Art Robotron ganz ohne Ballern, mit erhobenem konsumkritischen Zeigefinger, auf Protest geeicht werde. Wenn schon Kritik, dann richtig. “Xtreme Xmas” macht mich verrückt und “Bacteria Salad” betroffen. Die Liste von Culture-Jamming spiele ich nicht mehr durch.
Mir ist die Puste ausgegangen und es reicht gerade noch für Mama Kills Animals – ein PETA-Spiel für Tierschützer.
Hätte ich gewusst, wie spannend und vielseitig die Welt der Anti-Advergames ist, ich hätte gleich dort eingecheckt. Denn wenn schon Zeit verschwenden, dann doch bitte ohne bittersüße Werbebrause von Volkswagen & Co.
Bei Molleindustria, Ian Bogost und persuasive games mehr zum Thema.
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Gekämpft wird viel auf St. Pauli.