Items Of The Week – Auf Linie

Kategorie: Tate Modern | October 10, 2011 | von

von Mareike Nieberding -

Linie für Linie zieht Gerhard Richter seine Rakel über die Leinwand. Er verwischt die Konturen, lässt die Farben ineinander dringen und belegt seine vorher fast fotorealistisch aufgemalten Motive mit einem Schleier der Vergänglichkeit  – schon seit 50 Jahren. Die Tate Modern London widmet dem deutschen Künstler nun anlässlich seines 80. Geburtstages eine umfassende Retrospektive. (06)

Der Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg (1899-1929) hegte kein Interesse daran, der tradierten Linealität der Kunstwissenschaft Folge zu leisten. Mit einem Bildatlas, den er nach der griechischen Schutzgöttin der Erinnerung Mnemosyne benannte, wollte er das vielfältige Weiterleben der Antike in der europäischen Kultur deutlich machen und beschränkte sich bei der Gruppierung des Materials nicht nur auf Beispiele aus den Schönen Künsten, sondern berücksichtigte auch Werbeplakate, Pressefotos oder Briefmarken. So verband er zwei bis dato unvereinbare Sphären zur kunstwissenschaftlichen Durchdringung der Gegenwart. Der französische Philosoph und Kunsthistoriker Georges Didi-Hubermann machte in Zusammenarbeit mit dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid und dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe nun Warburgs unorthodoxen, aber bahnbrechenden Anspruch zum Leitgedanken der Ausstellung Atlas. How to carry the world on one’s back?, die jetzt in der Sammlung Falckenberg in Hamburg zu sehen ist. Denn Warburgs Atlas war nicht nur eine Visualisierung von Wissen, sondern war der griechischen Figur des Atlas entlehnt, der zur Strafe die Welt auf seinen Schultern tragen musste. Für die Schau wurden so nach Warburgschem Vorbild Arbeiten unterschiedlicher Künstler wie Matt Mullican, Paul Klee, Man Ray, Christian Boltanski, Meyer Schapiro, Sol Lewitt oder Hans-Peter Feldmann zusammengetragen. (02)

Auch The Gentlewoman assoziiert frei. Zweimal im Jahr würfelt das Magazin verschiedene Frauenfiguren zu einer interessanten Mischung von Lebenswegen und -inhalten zusammen. Dieses mal mit dem Titel Lovely und der Britin Olivia Williams auf dem Cover, die in Wes Andersons Rushmore die liebliche Lehrerin Rosemary Cross spielte. (03)

auflinie Items Of The Week   Auf Linie

Lars von Trier bleibt seiner Linie treu. Provokation bis der Arzt kommt oder wie in seinem Fall die dänische Polizei. Wegen seiner missverständlichen Äußerungen in Cannes ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Grasse gegen den Regisseur. Indem er unter anderem sein Verständnis für Hitler formulierte, habe er womöglich Kriegsverbrechen gerechtfertigt und dementsprechend gegen geltendes französisches Recht verstoßen. Von nun an will Trier in der Öffentlichkeit schweigen, was für alle das Beste sein mag, denn auch aktuellen Spiegel-Interview kann er auf unangenehme Hitler-Vergleiche nicht verzichten. Sein neuer Film Melancholia mit Kirsten Dunst scheint dennoch ein seelensuchendes Meisterwerk und unbedingt sehenswert zu sein. (08)

Für Björk scheint jede Linie eine Begrenzung zu sein, die es zu überschreiten lohnt. Wie eine Schlange häutet sie sich für jedes Werk neu und verlangt auch von ihren Fans, das alte Gewand getrost abzustreifen. Für Biophilia belebte die Isländerin die Idee des Gesamtkunstwerks. Das Projekt umfasst CD, LP, App-Suite, Dokumentarfilm, Videos, Workshops, Website und eine dreijährige Welttournee. Björk lädt ein zur Reise audiovisuellen Eroberung einer neuen Galaxis und verlässt sich dabei ganz auf die Möglichkeiten technischer Geräte wie dem Ipad, weshalb die Musik mitunter zur Nebensache geworden zu sein scheint. (07)

Marni stickt die Steine auf dieser neuen Herbst-Clutch in Schlangelinien (01), in Paris zeigte Nicolas Ghesquiere für Balenciaga kurze Jacken aus schaumigem Obermaterial, deren Schnittführung mit breiten metallic-glänzenden Stoffblöcken offenbart wurden (05) und Christophe Lemaire ließ sich für seine zweite Hermès-Kollektion zwar auf keine Inspiration festlegen, präsentierte aber schwer fallende Leinengewänder in Weiß, Beige, Orange und Camel, die Hoffnung machten auf eine neue mutigere Linie bei dem Pariser Traditionshaus. (04)

Herbst auf der ganzen Linie

Nun gibt der Herbst dem Wind die Sporen.
Die bunten Laubgardinen wehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
in denen Türen offenstehn.

Das Jahr vergeht in Monatsraten.
Es ist schon wieder fast vorbei.
Und was man tut, sind selten Taten.
Das, was man tut, ist Tuerei.

Es ist, als ob die Sonne scheine.
Sie läßt uns kalt. Sie scheint zum Schein.
Man nimmt den Magen an die Leine.
Er knurrt. Er will gefüttert sein.

Das Laub verschießt, wird immer gelber,
nimmt Abschied vom Geäst und sinkt.
Die Erde dreht sich um sich selber.
Man merkt es deutlich, wenn man trinkt.

Wird man denn wirklich nur geboren,
um wie die Jahre zu vergehn?
Die Straßen ähneln Korridoren,
in denen Türen offenstehn.

Die Stunden machen ihre Runde.
Wir folgen ihnen Schritt für Schritt.
Und gehen langsam vor die Hunde.
Man führt uns hin. Wir laufen mit.

Man grüßt die Welt mit kalten Mienen.
Das Lächeln ist nicht ernst gemeint.
Es wehen bunte Laubgardinen.
Nun regnet’s gar. Der Himmel weint.

Man ist allein und wird es bleiben.
Ruth ist verreist, und der Verkehr
beschränkt sich bloß aufs Briefeschreiben.
Die Liebe ist schon lange her!

Das Spiel ist ganz und gar verloren.
Und dennoch wird es weitergehn.
Die Straßen ähneln Korridoren,
in denen Türen offenstehn.

(Erich Kästner)

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