Tamatama otokonoko, tamatama onnanoko

Hiroki Otsuka im Kunstraum Richard Sorge
Um die Arbeiten von Hiroki Otsuka zu verstehen, muss man offenbar tief eintauchen in die sexuellen Abgründe der japanischen Gesellschaft. Zum umfangreichen Lesestoff zur Ausstellung des Künstlers im Kunstraum Richard Sorge in Berlin-Friedrichshain gehört jedenfalls ein 58-seitiger Auszug aus der „International Encyclopedia of Sexuality“.

Hiroki Otsuka, Zeichnung
Yoshiro Hatano (Direktor der Japanese Association for Sex Education und Vizepräsident der Asian Federation of Sexology) und Tsuguo Shimazaki (Journalist und Redakteur von „Monthly Report Sex Education Today“) klären uns darin auf, wie man Liebe auf japanisch macht – im Wandel der Zeiten und Sitten.

Papptellermedaillons

Portraits

Schmerzensmänner
In Erwartung einer veritabel pornografischen Ausstellung wirkt das, was Hiroki Otsuka da zeigt, doch relativ züchtig und gezähmt. Schüchterne Manga-Erotik in Wasserfarben trifft auf fast christlich wirkende Passions-Zeichnungen auf Papptellern.

Hiroki Otsuka, "Magic Mushroom", 2006
Otsuka, der inzwischen in New York lebt, blickt auf eine 13-jährige Karriere als Comiczeichner, Illustrator, Maler und Designer zurück. Bekannt wurde er mit einem an Aubrey Beardsleys eindeutige Jugendstilgrafik erinnernden Schwung, der sekundäre Geschlechtsmerkmale nahtlos in dekorative Ornamentik übergehen lässt.

Aquarelle

Zelt

Post-Präraffaelitisches Mädchen
In „Everything to More“ zeigt Otsuka jetzt reduzierte Pop-Art, die den pornografischen Schwulst von Hentai weit von sich weist und statt Körperflüssigkeiten lieber Farbschlieren hinterlässt und anatomische Schwellungen überpixelt. Signature piece der Ausstellung ist die Wandmalerei eines androgynen Jünglings mit Micky-Maus-Ohren und Erektion unter dem Faltenröckchen. In Maskerade und Rollenspiel klingen noch kulturelle Praxen Japans an, während Outfit und Pose eher an westliche Codierungen von Sexualität in Mode und Selbstdarstellung erinnern.

Mickycolaharlekin

gelbes Mädchen

Leptosomer Mäuserich
Hiroki Otsuka versucht sich aber von der Wahrnehmung seiner Heimat als Land zwischen Exaltiertheit und Starre zu emanzipieren und hat die Nische von Manga und Anime verlassen. Eine Generation jünger als seine Vorgänger Yoshitomo Nara und Takashi Murakami könnte Otsuka einen dritten Weg einschlagen, wenn er sich seine künstlerische Freiheit bewahrt und sich weder einer infantilen Ästhetik noch dem totalen Kommerz ausliefert.

Hiroki Otsuka
Hiroki Otsuka, “Everything to More”, noch bis zum 22. Dezember 2009
Kunstraum Richard Sorge
Alte Brauerei
Landsberger Allee 54
Berlin-Friedrichshain
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