Taryn Simon – Auf Blutlinie

October 07, 2011 | von

Recherche-Kunst steht hoch im Kurs: ein relativ neues Genre zwischen journalistischer Investigation, medialer Dokumentation und ästhetischer Transformation. Im schlechtesten Fall wird das Endprodukt keiner der drei Ansprüche gerecht und das Werk versumpft irgendwo in der Triangel dazwischen. Cyprien Gaillards Trip in dieses Bermuda-Dreieck war eine Reise in den Irak, für seinen in der Folge entstandenen, halbgaren iPhone-Film „Babylon“ umkopiert auf sich pathetisch selbstzerstörendes 35-mm-Celluloid hat er kürzlich den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst gewonnen.

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Viel überzeugender präsentiert sich dagegen Taryn Simon, Fotografin, die ebenfalls zwischen Dokumentation, Reportage und selbstreferenzieller Kunst arbeitet. Sie fischt weniger im Trüben, sondern wird mit ihrer neuesten Arbeit „A Living Man Declared Dead and Other Chapters“ konkret. Blutlinien erforscht sie mit sowohl investigativer wie künstlerischer Recherche, also die Beziehungen zwischen blutsverwandten Personen und wie das Schicksal oder ganz bewusste Brutalität in diese sozialen Relationen schlägt.

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In die große Tageslichthalle des Mies-van-der-Rohe-Baus der Neuen Nationalgalerie in Berlin hat sie eine strenge Doppelreihe von aus anthrazitfarbenem, monolithisch zusammengeschreinertem MDF-Material angefertigten Vitrinen gestellt. Wissenschaftliche Schaukästen, Bildaltäre, Triptychen aus Portraits, Beschreibungstext und Found-Fußnoten-Footage. Mit einer sakralen Stringenz fordert sie auch in der Präsentation die übermächtige Architektur heraus.

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Taryn Simon

Inhaltlich hat sie ebenso viel zu bieten und wird brisant: Contergan, Nordkoreaflüchtlinge,Flugzeugentführung, Albino-Opfer, Blutfehden. Drei Jahre lang ist Taryn Simon durch die Welt gereist, um Beweise zu sammeln, Menschen zu fotografieren und Geschichte in eine artifizielle Form zu überführen. Die Blutlinien, die sie rekonstruiert, formulieren erst in der Beschäftigung mit der auf den ersten Blick spröden Darstellung ein komplexes Netz von Verhältnissen und Abhängigkeiten. Mit „A Living Man Declared Dead“ hat Simon damit die junge Gattung Recherche-Kunst auf ein neues Niveau geführt, an dem sich Konkurrenten und andere Preisträger erst einmal messen lassen müssen.

Taryn Simon, „A Living Man Declared Dead and Other Chapters“, Neue Nationalgalerie Berlin, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin-Tiergarten, noch bis zum 1. Januar 2012

(photos shot with Nokia)

Neue Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50
10785 Berlin
030 266424242

Öffnungszeiten:
Di-Mi: So 10:00-18:00
Do: 10:00-22:00
Fr-Sa: 11:00-18:00

 

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